Preissegen mit der Giesskanne

Gleich fünf Produktionen werden mit einem Berner Filmpreis ausgezeichnet – darunter Felix Tissis schön verschrobener Spielfilm «Welcome to Iceland».

Marcus Signer und Dominique Jann irren in Felix Tissis absurdem Spielfilm in Island herum: Das amüsierte auch die Filmpreisjury.

Marcus Signer und Dominique Jann irren in Felix Tissis absurdem Spielfilm in Island herum: Das amüsierte auch die Filmpreisjury. Bild: zvg

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Kann man nicht nur Subventionen, sondern auch Preise mit der Giesskanne verteilen? Ja, man kann. Und vielleicht muss man zuweilen auch. So geschehen am Sonntag, als die Jury des Berner Filmpreises ihre Entscheidungen kundtat. Gleich 5 Filme von den 19, welche in der engeren Auswahl standen, wurden ausgezeichnet. Und dazu noch einer lobend erwähnt.

Wie die Jury die insgesamt 60'000 Franken verteilt, die der Kanton für den Filmpreis jeweils zur Verfügung stellt, ist ihr überlassen. So knifflig wie heuer war es in den letzten beiden Jahren nicht, als an den für Berner Verhältnisse grossen Produktionen wie «Der Goalie bin ig» und «Heimatland» fast kein Vorbeikommen war.

Heuer gab es weniger klare Favoriten. Das lag zum einen daran, dass 2016 das Jahr der ersten Berner Spielfilmernte war. Will heissen: Weil von 2009 bis 2013 der Berner Filmkredit markant erhöht worden war, waren hier nun auch aufwendigere Spielfilme finanzierbar, und weil es in der Regel drei Jahre dauert, bis ein grösserer Film fertig ist, kamen 2016 ungewöhnlich viele davon in die Kinos – wie etwa Felix Tissis «Welcome to Iceland», der nun zum besten Berner Spielfilm gekürt wird (daneben wären Mano Khalils «Die Schwalbe» oder Res Balzlis «Tinou» zur Auswahl gestanden).

Die Jury liess sich zu Recht von Tissis feinem, eigenwilligem Humor verführen: Der Wahl-Berner lässt eine Gruppe von Figuren in der Gewaltigkeit der isländischen Steinwüste herumtappen, samt ihren kleineren und grösseren Sorgen im Rucksack. Vielleicht wurde mit dem Preis für Tissi auch dessen Rückkehr zum Spielfilm honoriert; hatte dieser das Genre doch während vieler Jahre ad acta gelegt – auch, weil Dokumentarfilme einfacher zu finanzieren waren.

Das Fremde so fremd

Was das Dokumentarische angeht, zeichnete die Filmpreisjury 2016 gleich zwei Werke aus: «Gyrischachen – von Sünden, Sofas und Cervelats» von Sonja Mühlemann, die in Burgdorf ein Multikulti-Quartier in den Fokus nimmt, und Werner Penzels «Zen for Nothing», in dem sich die Schauspielerin Sabine Timoteo auf das Leben in einem japanischen Zen-Kloster einlässt.

Während in «Gyrischachen» das Miteinander der Kulturen auf erstaunlich lockere, aber etwas allzu putzige Art gezeigt wird, kommt Werner Penzel der Erfahrung des meditativen Stillsitzens atemberaubend nahe – wobei er der Versuchung widersteht, die grundsätzliche Fremdheit des Zen erklärend tilgen zu wollen.

Und die Waghalsigkeit und Risikofreude, der in den letzten Jahren etwa mit Preisen für Samuel Schwarz’ und Julian Grünthals «Mary & Johnny» oder Oliver Schwarz’ «Traumfrau» Rechnung getragen wurde? Es passt zu dem ausgewogenen, fast ein wenig nach Kompromiss riechenden Verdikt der Jury unter dem Vorsitz von Urs Schnell («Bottled Life»), dass auch sie prämiert wird: in Form des schrill zwischen Fiktion und Making-of irrlichternden Films «The Holycoaster S(hit) Circus» der Berner Theatergruppe Peng!Palast.

Macher zum Anfassen

Zu sehen waren die Siegerfilme (sowie alle übrigen Anwärter) bis am Sonntag im Rahmen des Berner Filmpreisfestivals. Dass die 71 Vorstellungen im ganzen Kanton gerade einmal 1200 Zuschauer anzulocken vermochten, zeigt die Krux dieses Festivals, das die Berner Filmförderung in der lobenswerten Absicht veranstaltet, Filme nicht nur fördern, sondern auch präsentieren zu wollen.

Doch: Die allermeisten der gezeigten Werke hatten ihre Kinoauswertung längst hinter sich. Grössere Produktionen wie «Welcome to Iceland» oder «Die Schwalbe» waren während der Solothurner Filmtage im Januar lanciert worden und liefen spätestens im Frühjahr in den Kinos; von vielen der gezeigten Dokumentarfilme ist mittlerweile schon die DVD erschienen. Schade eigentlich, denn beim Filmpreisfestival gibts jeweils die Macherinnen und Macher zum Anfassen – und viele inspirierte Fragerunden mit einem interessierten Publikum. Aber eben: einem allzu kleinen. (Der Bund)

Erstellt: 30.10.2016, 18:14 Uhr

Die ausgezeichneten Filme

Spielfilm: Felix Tissi: «Welcome to Iceland» (15 000 Franken)

Dokumentarfilme: Sonja Mühlemann: «Gyrischachen» und Werner Penzel: «Zen for Nothing» (je 15 000 Franken)

Mockumentary: Peng!Palast: «The Holycoaster S(hit) Circus» (10 000 Franken)

Animationsfilm: Veronica L. Montaño, Manuela Leuenberger, Lukas Suter: «Ivan’s Need» (5000 Franken)

Lobende Erwähnung: «Das kalte Herz»

Publikumspreise: «The Valley Below» und «Gleich und anders»

Preisverleihung: Dienstag, 15. November, 19.30 Uhr, Dampfzentrale.

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