Lass sie schlafen

Missachtet die Science-Fiction-Romanze «Passengers» die Einwilligung der Frau? Zum Film mit Chris Pratt und Jennifer Lawrence läuft eine Diskussion um «consent».

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Die Situation kommt einem bekannt vor, sie erinnert an alte WG-Zeiten: Man steht morgens zu früh auf, alle anderen schlafen noch. Also beginnt man ein bisschen staubzusaugen oder legt schon einmal einen Haufen Aufbackbrötchen in den Ofen. Alles, um nicht lauthals «Aufstehen! Ich bin hier ganz alleine!» rufen zu müssen.

Eine deutlich höher budgetierte Variante dieses Gefühls beschreibt der Science-Fiction-Film «Passengers» von Disney, der derzeit in den Kinos läuft. Jim (Chris Pratt) erwacht aufgrund eines Unfalls zu früh aus dem Kälteschlaf im Raumschiff. Dieses ist noch viele Jahre unterwegs Richtung Menschheitskolonie, also weckt Jim nach ein wenig moralischem Herumzweifeln die schöne Aurora (Jennifer Lawrence) auf, auf dass sie ihrem Pod entsteige. So hat er jemanden für eine Unterhaltung oder sogar ein wenig mehr während der langen Jahre im All.
Der Trailer. Quelle: Youtube

Abgesehen davon, dass die Szenerie im Raumschiff seelenlos bleibt und auch die beiden durchaus zur Komik fähigen Stars Chris Pratt und Jennifer Lawrence einem erbärmlich blöden Skript kein Leben einhauchen können, hat die amerikanische Postille «Teen Vogue» inzwischen die nicht unberechtigte Frage gestellt, ob sich ein Liebesfilm mit Blockbuster-Potenzial tatsächlich gerade um die Tatsache schere, dass hier ein Mann etwas anstellt mit einer Frau, die keine Möglichkeit gehabt hat, ihre Zustimmung zu dieser Handlung zu geben.

Ein obsessiver Stalker im Weltall

«Did you wake me up?», ruft Aurora im gerechten Zorn und Ton eines Teenagers, nachdem sie von Jims Tat erfahren hat. Für die «Teen Vogue» ist seine Entscheidung, Aurora aus ihrem Winterschlaf zu holen und sie damit zum Leben und Sterben in der Raumkapsel zu verdammen, nichts anderes als die missbräuchliche Tat eines Grüsels, der seine Macht ausübt, Aurora ihrer Handlungsfähigkeit beraubt und sie dann anlügt. Eine Art umgekehrter Date-Rape, bei dem jemand aus dem K.-o.-Schlaf erwacht.

Dass seine übergriffige Entscheidung am Anfang einer schmachtenden Liebesstory steht, stellt für die «Teen Vogue» das übergeordnete Problem einer Filmindustrie dar, die mit ihrer klischiert romantischen Darstellung von Beziehungen immer häufiger in die Situation gerät, dass sie Rechenschaft ablegen muss gegenüber Leuten, die ihre eigene Lebensform von Hollywood kaum repräsentiert sehen. Das steht auch in Zusammenhang mit der Diskussion um «rape culture» und Sex ohne beidseitige Einwilligung, die von US-Colleges ausgeht.

Ob es bei einem Starvehikel wie «Passengers» drauf ankommt? Oder kommt es gerade bei diesem Film drauf an? Er zeigt sozusagen den Extremfall einer intimen Interaktion mit einseitiger Zustimmung: Aurora hat als Schlafende gar keine Möglichkeit, sich der Entscheidung Jims zu entziehen. Es hindert sie nicht daran, heissen Sex mit ihm zu haben und sich in ihn zu verlieben.

Aber eben, einen anderen Mann als diesen obsessiven Stalker, in dessen Macht es steht, im Weltall über die Leben anderer zu bestimmen, gibt es in «Passengers» gar nicht. Von ihm kommt sie jetzt nie mehr los.

In Zürich in den Kinos Arena, Abaton und Metropol. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.01.2017, 13:08 Uhr

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