«Es soll knallen, dafür bin ich zuständig»

Luc Besson hat mit dem 200-Millionen-Weltallfilm «Valerian» die bisher teuerste Produktion der europäischen Geschichte gestemmt.

Vom Comic-Heft auf die grosse Leinwand: In «Valerian» jagen zwei Weltraum-Cops (Dane DeHaan und Cara Delevigne) ein Alien.

Vom Comic-Heft auf die grosse Leinwand: In «Valerian» jagen zwei Weltraum-Cops (Dane DeHaan und Cara Delevigne) ein Alien. Bild: Domitille Girard

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Sie schreiben, inszenieren und produzieren seit Jahrzehnten Hits. Mit «Léon», «The Fifth Element» und «Lucy» machen Sie wie kaum ein anderer Europäer Hollywood Konkurrenz. Was bereitet Ihnen am meisten Spass beim Filmemachen?
Das Verfassen des Drehbuchs natürlich! Ich setze mich an den Computer und schreibe: Zweitausend Raumschiffe tauchen am Himmel auf. Dann überlege ich kurz und denke mir, Luc, das kannst du doch noch besser. Also lösche ich den Satz wieder und schreibe: Fünftausend Raumschiffe tauchen am Himmel auf.

Die Qualität eines Films bemisst sich an der Anzahl der Raumschiffe?
Das vielleicht nicht, aber an keinem anderen Punkt des Produktionsprozesses können Sie so viel herumspinnen wie beim Schreiben. Und das hat keinerlei Konsequenzen, weil das ganze Theater mit der Umsetzung ja erst später beginnt, wenn der Rest des Teams dazukommt und mir erklärt, was aus meinem schönen Drehbuch man leider alles nicht realisieren kann. Und dabei schauen Sie mich immer an, als sei ich jetzt endgültig verrückt geworden. Aber zu Beginn gibt es nur mich und meinen Computer und eine Tasse Kaffee, da habe ich meine Ruhe, und alle anderen haben auch ihre Ruhe vor mir, und ich kann mich austoben.

Warum sind Sie nie nach Hollywood gezogen? Roland Emmerich ist bei der ersten Gelegenheit ausgewandert, weil er seine Filme in Deutschland nicht mehr finanziert bekommen hat.
Das kann ich verstehen. Aber das Problem hatte ich nie, ich habe das Geld für meine Projekte auch von daheim aus zusammenbekommen, wenn auch teils mit US-Investoren. Ich arbeite gerne mit den amerikanischen Studios, aber eben nicht für die amerikanischen Studios. Ich bin doch kein Angestellter, der sich sagen lässt, wie er einen Film zu inszenieren hat, und dem man kündigen kann, wenn er nicht spurt. Filme drehen ist wie Babys machen, da lasse ich doch auch nicht noch irgendwen mitmachen.

An Ihren Sets arbeiten ein paar Hundert Leute, die auf Ihre Anweisungen hin Millionenbudgets verballern. Sind Sie nervös?
Nein, ich bin nie nervös. Gespannt ja, nervös nein. Nur damals, als ich das allererste Mal als Regisseur am Set stand, bei meinem ersten Spielfilm. Da war ich erst 19 Jahre alt und superaufgeregt.

Konnten Sie in der Nacht zuvor schlafen?
Schlafen? Sehr witzig. Ich hing über der WC-Schüssel und hab gekotzt vor Aufregung bis fünf Minuten vor der ersten Klappe. Aber seit dieser allerersten Einstellung, die ich gedreht habe, ist die Nervosität verschwunden. Ich rief «Action!», die Kamera lief, und es war okay.

Nicht schlecht, schon mit 19 so viel Selbstbewusstsein zu entwickeln.
Das hat nichts mit Selbstbewusstsein zu tun. Es gibt doch diesen Spruch: Niemand verlangt, dass du mehr gibst als dein Bestes. Und da bin ich sehr ehrlich mit mir selbst, ich mache das Beste, was mir möglich ist. Ob dabei etwas Vernünftiges herauskommt, müssen andere entscheiden. Aber mehr kann ich nicht machen, und damit bin ich bislang sehr gut gefahren.

Keine Selbstzweifel?
Ach, Selbstzweifel. Es gibt Regisseure, die besser sind als ich, es gibt Regisseure, die berühmter sind als ich. Schön für sie. Ich versuche, jedes Mal etwas besser zu werden als beim Film davor, das ist die Herausforderung, an der ich mich selbst messe. Es ist doch sowieso viel besser, auf Platz 5 zu sein als auf Platz 1. Was wollen Sie denn dann noch erreichen? Wenn Sie einmal an der Spitze waren, können Sie danach nur noch schlechter werden.

Hadern Sie denn niemals mit sich, wenn es mal schlecht läuft?
Eigentlich nicht. Klar, wenn Sie ein teures Set aufbauen, und dann kommt ein Sturm und bläst die Kulissen weg, ist das nicht so toll, das kommt vor. Aber ich bereite mich so gut auf die Dreharbeiten vor, dass abgesehen von solchen äusseren Einflüssen eigentlich nichts passieren kann. Wenn Plan A nicht funktioniert, habe ich einen Plan B. Und wenn Plan B tatsächlich auch nicht funktionieren sollte, habe ich in der Regel auch einen Plan C. Ehrlich gesagt habe ich meistens sogar einen Plan D.

Ihr neuer Film «Valerian» beruht auf einer gleichnamigen französischen Comicreihe aus den späten Sechzigerjahren, die das Science-Fiction-Genre stark geprägt hat. Was gefällt Ihnen so gut daran?
Damals waren diese Hefte eine Sensation! Eine Frau als Heldin? Das hatte man noch kaum gesehen. Und die Geschichte spielt auch noch im Weltraum, das war ja Jahre, bevor «Star Wars» rauskam, da war das noch nicht so selbstverständlich. Damals haben Sie den Fernseher eingeschaltet, und da gab es zwei Kanäle, in Schwarzweiss. Kein Internet, keine Handys. Als ich diesen Comic aufgeschlagen habe, und da kamen mir diese bunten Aliens entgegen, war das ein Erweckungserlebnis.

«Valerian» erschien zunächst als Fortsetzungsgeschichte in einer Zeitschrift, nur ein paar neue Seiten pro Woche, das kann man sich heute kaum noch vorstellen.
Ich musste jedes Mal sieben Tage warten, bis es weiterging. Sieben Tage! Ich habe versucht, das meinen Kindern zu erklären. Die haben natürlich mit den Augen gerollt, weil sie keine Vorstellung haben, was diese zwei Seiten für mich bedeutet haben. Die gehen ins Internet, bekommen zu allem zwei Milliarden Suchergebnisse, und es interessiert sie nicht mal. Die schreiben ihren Freunden auf Whatsapp «Was geht?», und die Freunde schreiben ihnen «Was geht?» zurück. Oh Mann. Die haben die ganze Welt in ihrem iPad, und ich hatte zwei Comicseiten pro Woche.

Man merkt dem Comic an, dass er parallel zur Hippie-Bewegung entstanden ist. Bei manchen Bildern fragt man sich, was die Zeichner wohl geraucht hatten.
Hm, dazu kann ich leider nichts sagen, weil ich von der Hippie-Ära keine Ahnung habe. Meine Eltern waren Tauchlehrer, ich bin an einem griechischen Strand erzogen worden, die Hippie-Jahre sind völlig an mir vorbeigezogen.

Sie haben nie Drogen ausprobiert?
Nie. Ich trinke nicht, ich rauche nicht, deshalb sind die französischen Kritiker auch so misstrauisch, was mich angeht. Aber meine Freunde und meine Familie sind ganz froh, dass ich keine Drogen nehme, weil sie finden, dass ich schon nüchtern merkwürdige Filme drehe. Die wollen gar nicht wissen, was herauskommt, wenn ich mich mal zudröhne.

Die Effekte für Blockbuster wie «Valerian» entstehen heute digital in der Postproduktion. Wie schwierig ist es, den Computernerds zu erklären, was Sie wollen?
Die Special Effects entstehen in fünf Schritten. Die Computerleute zeigen mir eine Fassung, ich mache meine Anmerkungen und sage, was ich anders haben will. Hier ein bisschen mehr Licht aufs Gesicht der Hauptdarstellerin, dort vielleicht etwas dunkler. Dann kommen sie wieder, und so geht das Spielchen insgesamt fünfmal hin und her, weil im Vertrag genau geregelt ist, dass wir fünf Versuche haben. Danach kostet jede Änderung wieder extra. Wenn man in diesen winzigen Schritten arbeitet, kommt hinterher kein schlimmes Erwachen, also dass ich plötzlich sagen müsste: So wollte ich das doch gar nicht.

Das digitale Kino hat die Arbeit eines Regisseurs verändert, oder?
Als ich 17 war und einen Kurzfilm drehen wollte, musste ich mir eine Kamera ausleihen. Für diese Kamera musste ich mir einen Kodak-Film kaufen, der für drei Minuten gereicht hat, mehr konnte ich mir nicht leisten. Ich habe meine drei Minuten gedreht, musste den Film in einen Umschlag stecken und nach London zum Entwickeln schicken. Sechs Wochen später kam er zurück, und ich hatte endlich meine drei Minuten. Ohne Ton! Und zeigen wollte die natürlich keiner. So musste man Filme machen, als ich jung war. Ein Albtraum.

Und heute?
Wenn ich heute ein Kind mit einem Handy sehe, sehe ich einen potenziellen Regisseur. Das gefällt mir. Wenn du ein Handy hast und drei Freunde, die mitmachen wollen, kannst du einen Spielfilm drehen. Und wenn du auch noch einen Computer hast, hast du auch einen Verleih: Youtube.

Die Digitalisierung hat also vieles einfacher gemacht. Hat man beim Film dafür heute andere Probleme?
Wenn Sie ins Kino gehen: Gibt es da manche Filme, die 18 Franken Eintritt kosten und solche, die Sie gratis anschauen dürfen?

Eigentlich nicht.
Richtig. Alle kosten 18 Franken. Und das ist wirklich komisch. Jean-Luc Godard dreht für wenig Geld Schwarzweissfilme, in denen sich ein Mann und eine Frau zwei Stunden lang in der Küche streiten. Ich drehe für viel Geld aufwendige Actionfilme – und hinterher soll beides gleich teuer sein? Ein Godard-Film kostet vermutlich nicht mehr als 200 000, «Valerian» kostet 200 Millionen, und Sie bekommen beides für 18 Franken – wer macht da den besseren Deal? Das Kino ist die einzige Industrie, in der man nicht für Extras bezahlen muss. Einen BMW mit jedem Schnickschnack bekommen Sie ja auch nur gegen Aufpreis.

Ihre Filme sind also wie BMWs?
Sagen wir es so: Wenn jemand zwei Stunden Spass haben will und es ordentlich knallen soll, dafür bin ich zuständig. Aber mehr ist es auch nicht. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.07.2017, 07:09 Uhr

Jagd im Weltraum

Im Jahr 2740 jagen zwei Weltall-Cops einer Art Gürteltier nach, das wie ein grimmscher Esel Perlen auswirft, die ein Planetenvolk zum Leben braucht. Doch der Boss der Helden (Clive Owen) hat Eigenbedarf. Schon als er vor zwanzig Jahren «The Fifth Element» drehte, dachte Luc Besson die Verfilmung der «Valérian»-Comics von Jean-Claude Mézières an. Er hätte sich besser noch mehr Zeit gelassen und an den Dialogen gefeilt. Aber der Reiz liegt in der Reizüberflutung: Der Film ist Knallbonbonkino, wie man es tricktechnisch seit «Avatar» kaum gesehen hat.

Ab 20. Juli in den Kinos

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