Kultur

Überall Sprengstoff – sogar in Leichen

Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 12.08.2009

«The Hurt Locker» zeigt das Handwerk von US-Bombenentschärfern in Bagdad. Der schweisstreibende Thriller ist der beste Irakkriegsfilm bis dato.

Bombenstimmung: Der Kriegsfilm von Kathryn Bigelow.

Bombenstimmung: Der Kriegsfilm von Kathryn Bigelow.

Film

«The Hurt Locker» von Kathryn Bigelow ist am 13. August im Kino.

Bagdad im Jahr 2008. Hitze, Staub, zerstörte Häuser. Und überall versteckter Sprengstoff. In ausgebrannten Autos. Eingenäht in eine blutige Leiche. Umgeschnallt an einen irakischen Familienvater. Nun ist es an der Anti-Bombeneinheit «Bravo» die selbstgebastelten Sprengsätze, die irakische Aufständische deponiert haben, zu entschärfen. Ein Traumjob ist das nicht; knapp die Hälfte aller getöteten amerikanischen Soldaten sind solchen Bomben zum Opfer gefallen.

Im Zentrum von «The Hurt Locker» stehen drei Männer. Der Draufgänger James, der vernünftige Sanborn und der unsichere Eldridge. Wenn sie gerade keine Bomben entschärfen, tun sie, was man von Soldaten in Irakkriegsfilms erwartet. Sie schlagen und besaufen sich.

Hier hören die Gemeinsamkeiten mit anderen Irakkriegsfilmen aber auch schon auf. Regisseurin Kathryn Bigelow – anders als ihre männlichen Kollegen – enthält sich jeglichen politischen Kommentars und zeigt stattdessen, wie das Handwerk des Kriegs und der tägliche Kampf ums Überleben aussehen. Zu Dank verpflichtet ist sie Mark Boal, einem ehemaligen Kriegsreporter, der das Drehbuch geschrieben hat. Zu weiterem Realitätsanspruch gehört, dass Bigelow die Hauptrollen mit unbekannteren Darstellern besetzt und Stars wie Ralph Fiennes bloss in Nebenrollen auftreten lässt.

Krieg ist eine Droge

Über zwei Stunden verfolgt Bigelow den lebensgefährlichen Job der Bomben-Entschärfer. Das ist nervenzerreissend und bisweilen kaum auszuhalten. Doch nicht Spannung ist Bigelows oberstes Gebot, sondern die Klärung der Frage, warum Männer eine solche Herausforderung annehmen. «Krieg ist eine Droge» heisst es im Vorspann des Films. Diese Prämisse wird später vor allem durch den Soldaten James veranschaulicht. Als er nach 38 Tagen in die USA heimkehrt, steht er hilflos in einem Supermarkt. Er findet sich im Alltagsleben nicht mehr zurecht, seine Kinder und die Frau sind ihm fremd geworden. Also kehrt er zurück in den Irak – als ein Junkie der Angst.

Gerade in der Bush-Ära wurden viele Irakkriegsfilme gedreht. Die meisten von ihnen erwiesen sich als Kassen-Flops, sei es Brian de Palmas «Redacted», Paul Haggis’ Heimkehrer-Drama «Im Tal von Elah» oder «Home of the Brave» mit Samuel L. Jackson. Interessanterweise entstanden diese Filme entweder als Protestkundgebungen des anderen Amerika oder als patriotische Actionstreifen. In Kathryn Bigelows Arbeit aber, die in den USA bereits beachtliche 15 Millionen Dollar eingespielt hat, geht es nicht um Gesinnung, sondern eigentlich nur darum, innert Sekunden einen Zeitzünder zu entschärfen. Das klingt simpel, macht «The Hurt Locker» aber zum besten Irakkriegsfilm bis dato.

Francis Ford Coppola sagte über «Apocalypse Now»: «Dieser Film ist nicht über Vietnam, dieser Film ist Vietnam». Ähnliches darf Kathryn Bigelow mit «The Hurt Locker» beanspruchen - man verlässt das Kino als ob man während zwei Stunden in einer Bombenmontur im Nahen Osten gesteckt hätte: schweissgebadet. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.08.2009, 13:54 Uhr

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