Woody Allen auf Zeitreise
Von Florian Keller, Cannes. Aktualisiert am 12.05.2011 1 Kommentar
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«Was denkt sich Woody dabei?» Das fragt sich der Filmregisseur Robert Guédiguian in einer kleinen Polemik für die Zeitung «Libération». Guédiguian ist der Anwalt der Arbeiterklasse im französischen Kino, ein aufrechter Linker, und er kann einfach nicht verstehen, wie Woody Allen eine Nebenrolle in «Midnight in Paris» mit Carla Bruni besetzen konnte. Geschweige denn, dass er dann noch Nicolas Sarkozy die Hand schüttelte, als der Präsident der Republik seine Gattin auf dem Set besuchte. Diesen Film, so Guédiguian abschliessend, werde er sich jedenfalls nicht ansehen.
Pech für ihn. Denn Woody Allen überrascht hier mit einer hübschen, leichtfüssigen Fantasie, die sich auf einem Karussell der Nostalgie in die Blütezeit der Bohème zurückdreht. Da müht sich ein amerikanischer Drehbuchschreiber (Owen Wilson) in Paris mit seinem ersten Roman ab, bis er eines Nachts in einem Salon landet, wo gerade eine Nostalgieparty im Look der 20er-Jahre gefeiert wird. Der Gast lernt eine schöne Blondine namens Zelda kennen, der charmante Jüngling an ihrer Seite stellt sich als Scott Fitzgerald vor. Und wenig später, als ein schnauzbärtiger Hemingway in einer Bar beim Rotwein sitzt, dämmert uns: Das ist gar keine Themenparty. Unser Mann aus Hollywood erträumt sich entweder ein Rendezvous mit seinen literarischen Idolen. Oder er hat wirklich ein Wurmloch in die Vergangenheit gefunden.
Keine Ursache
Woody Allen auf Zeitreise? Es habe ihm halt nichts Besseres einfallen wollen, sagte der Regisseur gestern wie als Entschuldigung. Keine Ursache: «Midnight in Paris» ist eine luftige Plaisanterie über die falschen Versprechen der Nostalgie. Das liess man sich zum Auftakt nur zu gerne gefallen, wie hier die Klassiker der Moderne als liebenswürdige Karikaturen durch ein Paris aus dem Weichzeichner flanieren: Adrien Brody hat einen fabelhaften kleinen Auftritt als Salvador Dalí, die robuste Kathy Bates als Gertrude Stein stellt Picasso in den Senkel – und der junge Surrealist Luis Buñuel ist schwer von Begriff, als der Gast aus Hollywood ihm eine Idee für einen surrealen Film schildert. (Es ist «Der Würgeengel» von Buñuel.)Und Carla Bruni? Für die Eröffnung liess sie sich entschuldigen, und zum Filmstar ist sie nicht geworden. Madame Sarkozy steht dreimal im Bild, ein schönes Requisit, das sprechen kann. Stören tut sie nicht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.05.2011, 06:18 Uhr
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