Kultur

Thomas Ley
Stv. Ressortleiter Reporter


Wie die Tea Party Nordkorea besiegt

Aktualisiert am 28.12.2012 21 Kommentare

Im Actionfilm «Red Dawn» befreien ein paar patriotische Jugendliche die USA aus den Händen kommunistischer Invasoren. Amerikas Rechte freuts – obwohl die Filmproduzenten vor China einknicken mussten.

Die Jungen müssens richten: Bewaffnet mit ein paar Sturmgewehren erobern sie im Film «Red Dawn» (2012) die USA zurück aus den Händen nordkoreanischer Eroberer. (AP Photo/Film District)

Die Jungen müssens richten: Bewaffnet mit ein paar Sturmgewehren erobern sie im Film «Red Dawn» (2012) die USA zurück aus den Händen nordkoreanischer Eroberer. (AP Photo/Film District)
Bild: Ron Phillips/Keystone

Trailer «Red Dawn» (2012)

Artikel zum Thema

Teilen und kommentieren

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Es ist kein guter Start, wenn der Titel eines Films seinem auserkorenen Publikum erklärt werden muss: Nein, bei «Red Dawn» (Rote Dämmerung) geht es nicht ums Abendrot, sondern um das politische Rot. Und das steht überall auf der Welt für Sozialismus und Kommunismus. Ausser in den USA, wo Rot die Farbe der konservativen Republikaner ist. Was irgendwie nicht ganz passt, denn «Red Dawn» richtet sich eindeutig an rechtskonservative Teens und Twens.

Titel und Konzept stammen eben aus einer lange vergangenen Zeit, als auch jedes amerikanische Kind noch wusste, dass die Bösen der Welt rot waren: «Commies», Sowjets, Russen und ihre Castro-Vietcong-Verbündeten in Südamerika und Südasien. «Red Dawn» mit Jahrgang 1984 war ein Film auf der Höhe der Reagan-Paranoia. Zwei Jahre nachdem Präsident Ronald Reagan die Sowjetunion als «Böses Imperium» gebrandmarkt hatte, griff Hollywood die Idee auf und machte einen Film über die Invasion des USA-Festlands durch russische, kubanische und nicaraguanische Truppen.

«Patriotische Botschaft in unflätiger Sprache»

Der Film war damals ein Überraschungserfolg und spielte gar mehr Geld ein als der erste «Terminator»-Teil. Und da 80er-Jahre-Remakes derzeit chic sind, war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Studio auch diesen Film wieder aufwärmen würde. Die Zeit ist gekommen. «Red Dawn (2012)» läuft seit November in den US-Kinos, mit leidlichem Erfolg. Seit Donnerstag können ihn auch die Deutschen sehen. Nur in der Schweiz findet der Film noch immer keinen Verleiher.

Die Kritiken sind miserabel, auch in den Staaten. Auf Rottentomatoes.com, der Meta-Filmkritik-Seite, kommt der Streifen auf gerade einmal 11 Prozent gute Beurteilungen. Die Zuschauer jedoch mögen ihn: Rottentomatoes registriert 59 gute Kritiken. Und die konservativen Websites sind begeistert: «Ein erhebender Kriegsfilm mit mächtiger pro-amerikanischer, patriotischer, antikommunistischer Botschaft», jubelt Movieguide, ein «Familienführer für Filme und Unterhaltung». Einziger Nachteil: «ziemlich viel unflätige Sprache».

«Red Dawn (2012)» reiht sich ein in zahlreicher werdende Filme für den rechten Flügel von Amerikas Gesellschaft. Wie der mit Verschwörungstheorien gespickte Dokumentarfilm «2016: Obama's America» im vergangenen Sommer zeigte, ist bei diesem Publikum Geld zu holen. In den USA wurde «2016» zum zweiterfolgreichsten Dokfilm, gleich hinter Michael Moores Anti-Waffen-Polemik «Fahrenheit 9/11» (2004). «Red Dawn» sollte dieselben konservativen Bedürfnisse befriedigen wie der Anti-Obama-Dok. Diesmal aber als Actionfilm.

Sozialistische Europäer, gefährliche Blauhelme, tödliche Nordkoreaner

Und das tut er nach Kräften. Die Handlung in ihrer kürzesten Version: Kommunistische Fallschirmtruppen erobern das amerikanische Festland, dessen Armee von Geheimwaffen ausser Kraft gesetzt ist. Jugendliche Widerstandskämpfer schlagen sich in die Büsche und piesacken so lange die Besatzer mit Guerillaangriffen, bis auch im Rest der Bevölkerung wieder Widerstandswille erwacht. Eine Filmidee von der Stange, die in den vergangenen Jahren zigmal verfilmt wurde – allerdings immer in der Variante «Invasion von Ausserirdischen».

Doch das wäre den Produzenten für einmal zu unpolitisch. Und so wird Politik dick aufgetragen. Zur Invasion kommt es zum Beispiel nur, weil zunächst die Nato zusammenbricht. Grund: Die EU kriegt ihre Eurokrise nicht in den Griff und wird sozialistisch. In Russland übernehmen Sowjet-Nostalgiker das Ruder und verbünden sich mit Nordkorea. Die USA – noch immer regiert von Barack Obama – verschulden sich immer mehr, kürzen das Militärbudget, verzetteln sich in internationalen Konflikten und unterschätzen die Russen, die Nordkoreaner – und die Gefahr der Cyber-Kriegführung.

Kein Wunder, nannte ein Kritiker den Film einen «feuchten Traum der Tea Party». Hier ist so ziemlich alles vereint, was die Basisbewegung der Republikaner umtreibt: naive US-Politiker, linke Europäer, militaristische Asiaten, gefährliche Hacker. Im weiteren Verlauf des Films werden die Details ausgeschmückt: Der jugendliche Held ist Militärveteran. Sein Vater ist tapferer Polizeisergeant und stirbt, weil er seine Söhne per Megafon zum Widerstand ermutigt. Der Bürgermeister der Stadt, ein linker Demokrat und Schwarzer, arrangiert sich schnell mit den asiatischen Eroberern. Genauso wie die liberalen Medien. Den Widerstand beginnen jene, die genügend Waffen gehortet haben. Manche Besatzer tragen UNO-Blauhelme. Und ihre Propaganda orientiert sich an der Kritik der Occupy-Bewegung am Wallstreet-Kapitalismus. Der ständig per Lautsprecher wiederholte Slogan: «Wir sind hier, um zu helfen».

Die Filmproduzenten mussten kapitulieren vor China

Da wird kaum eine paranoide Idee der amerikanischen Rechten ausgelassen. Die Welt als Hort von Kommunisten, Steuererhöhern und Waffenverbietern. Die USA als Opfer von UNO, Europa und Computerhackern. Doch dass ausgerechnet Nordkorea, diese Operettendiktatur am Rande des Verhungerns, die Supermacht Nr. 1 erobert, stösst auch bei konservativen Realitätsverweigerern auf Unglauben. Es gibt zwei Erklärungen für dieses absurde Versatzstück.

Die eine ist Teil der Handlung: Die Eroberer schalten die US-Armee aus mit einem sogenannten «EMP-Knall», mit einem elektromagnetischen Impuls, der von einer in grosser Höhe über Nordamerika gezündeten Atombombe ausgeht. Das ist zwar Science-Fiction und gemäss Wissenschaftern völliger Unsinn. Doch das hinderte konservative Politiker nicht daran, einen Verband gegen die EMP-Gefahr zu gründen. Präsidentschaftskandidat Newt Gingrich bezeichnete letztes Jahr diese Fantasterei gar als «grösste aktuelle Bedrohung» für sein Land.

Die andere Erklärung für Nordkorea als Oberbösewicht hat ganz pragmatische Gründe. Denn eigentlich war China für diese Rolle vorgesehen. Das macht ein bisschen mehr Sinn, immerhin ist das Reich der Mitte eine Wirtschaftssupermacht. Doch erst als der Film 2010 fertiggestellt war, dämmerte dem Produktionsstudio MGM, dass man unter dieser Prämisse einen Vertrieb im wichtigen Markt China vergessen könnte.

Was ist noch Kino, was Wirklichkeit?

Welche Ironie! In der ursprünglichen Variante erobert nämlich China die USA, um seine Investitionen zu schützen. Schliesslich warnte sogar der republikanische Ex-Kandidat Mitt Romney ständig davor, dass China Amerikas Wirtschaft aufkaufe, und Obama es geschehen lasse. MGM fürchtete sich vor den eigenen Verschwörungstheorien. Was tun? Regisseur Dan Bradley liess alle chinesischen Insignien per Computertechnik durch nordkoreanische überdecken. Dass die stalinistische Mangelarmee so gut ausgerüstet ist, liegt nun an der russischen Unterstützung, die man sich halt dazudenken muss. Schliesslich ist das alles immer noch ein Actionfilm, kein Dokumentarfilm.

Dumm nur, dass für die Fans von «Red Dawn (2012)» die Grenzen zwischen diesen Genres zunehmend verschwimmen. Auf Youtube raten sie «allen Anhängern schärferer Waffengesetze», sich den Film anzusehen. Als Warnung, quasi. Und die Geschichte des «Red Dawn»-Originals deutet auch nicht eben auf eine gesunde Distanz zum Popcorn-Kino hin. Schon im Film von 1984 konnten sich nur jene am Widerstand beteiligen, die sich den Waffengesetzen widersetzt hatten. Entsprechend fehlt das Video seit 25 Jahren auf keiner Versandliste der Waffenlobby NRA.

Vielleicht hätten sich die Zuschauer ein Vorbild nehmen sollen an John Milius, dem Regisseur von «Red Dawn (1984)». Er gilt zwar tatsächlich als Konservativer, ist aber auch Anhänger des Zen-Buddhismus. Den Film sieht der 68-Jährige heute noch als grossen Spass. Ohnehin kennt er sich aus mit Fantasy. In seinem legendärsten Film, «Conan der Barbar» (1982), geht es nämlich um Magier und Schwerter – nicht um Kommunisten und Gewehre. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.12.2012, 15:53 Uhr

21

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

21 Kommentare

Bebbi Fässler

28.12.2012, 16:25 Uhr
Melden 135 Empfehlung 9

Beklagte sich nicht kürzlich ein Vorstandsmitglied der NRA über Gewalttägie Filme und Videospiele? Antworten


Urs Wyssenbühl

28.12.2012, 16:04 Uhr
Melden 53 Empfehlung 11

Man sollte einen Klamauk-Film auch nicht allzu ernst nehmen.
Ein "EMP" (elektromagnetischer (Im)puls) kann zwar in einem gewissen Umkreis schon viel Unheil anrichten, aber sicher nicht so.
(Deshalb werden schon seit einiger Zeit wichtige elektronische Dokumente "EMP"-sicher aufbewahrt).
Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre