«Wie auf Nadeln»

Der Wahnsinn der Oscars: Niemand kennt ihn besser als Julianne Moore. Wie sie die Nacht erlebte – und was die Nominierten erwarten wird.

Der grosse Moment: Julianne Moore erhält den Oscar für «Still Alice».


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Wer am Sonntag den Oscar gewinnen wird, weiss man nicht. Wer ihn überreichen wird, dagegen schon: die letztjährige Siegerin Julianne Moore (55) wird als Preispräsentatorin auf der Bühne stehen. Letzte Woche war sie noch an der Berlinale, wo sie ihren neuen Film «Maggie’s Plan» vorstellte, eine wunderbare New-York-Komödie von Rebecca Miller. Im Interview erinnert sie sich an die letztjährige Oscarfeier – und an das Glatteis zwei Tage danach.

Wo haben Sie Ihren Oscar aufbewahrt?
In meinem Büro. Das ist nicht sehr interessant, ich weiss. Es gibt Leute, die ihn ins Wohnzimmer stellen oder gar auf die Toilette, damit jeder Besucher ihn sehen kann. Ich mag es ein wenig diskreter.

Letztes Jahr sagten alle, Sie würden ganz bestimmt gewinnen für «Still Alice».
Ich bekam das mit, ja. Aber so fühlt es sich definitiv nicht an, ich sass auf Nadeln, den ganzen Abend. Und je näher der Augenblick kam, desto schlimmer wurde es.

Julianne Moore in ihrer Oscarrolle als Alzheimerpatientin in «Still Alice».

Man weiss es ja nie, bis das Couvert geöffnet wird.
Eben. Einen Augenblick lang dachte ich sogar: Oh, hoffentlich gewinne ich nicht, ich bin zu aufgeregt dafür ...

Aber Sie waren klar die Favoritin, auch bei den Buchmachern.
Ja, und die haben immer recht, nicht wahr? (lacht) Das ist es ja gerade. Häufig irren sich auch die Buchmacher. Je mehr sagten, «du gewinnst, du gewinnst», desto schwieriger wurde es für mich.

Und als Ihr Name dann gerufen wurde?
War es wunderbar. Die Oscars sind ja wirklich der Preis der Filmindustrie. Das bedeutet, dass diese Menschen, die im gleichen Beruf tätig sind, ein Kreuz neben deinem Namen gemacht haben. Das hat mich wirklich gerührt und geehrt. Ich liess mich gerne feiern.

Bis es so weit war, mussten Sie allerdings an viele Essen gehen und viele Hände schütteln.
Das ist schon ein Problem. Es gibt immer mehr Preise in Hollywood, die Saison dafür ist viel zu lang. Und eigentlich ist mein Beruf ja, in Filmen zu spielen und nicht andern Leuten zu schmeicheln, damit sie für mich stimmen. Aber ich bin nicht an jedes Diner gegangen, an das ich eigentlich hin sollte. Es hat offenbar trotzdem gereicht.

Haben Sie Ihren Sieg wenigstens danach noch ein wenig genossen?
Leider nein. Ich war die ganze Nacht auf den Beinen. Dann flog ich zurück nach New York, wo ich am Montagnachmittag gegen 17 Uhr eintraf. Am nächsten Morgen musste ich gleich nach Brooklyn fahren, weil die Dreharbeiten zur Komödie «Maggie’s Plan» begannen. Als Erstes musste ich da etwas tun, was ich wirklich nicht kann: Eislaufen.

Julianne Moore in der Komödie «Maggie’s Plan» mit Ethan Hawke.

Das war Ihre erste Szene?
Offenbar konnte es nicht anders geplant werden, es ist die einzige Szene, in der alle Hauptdarsteller anwesend sind, die musste gleich zu Beginn gedreht werden. Da standen wir also, Greta Gerwig, Bill Hader, Ethan Hawke und noch ein paar andere. Sie alle waren viel bessere Schlittschuhläufer als ich. Zum Glück hatte das Eisfeld wenigstens Banden, an die ich mich klammern konnte.

Der Oscargewinn hat Sie nicht beflügelt?
In allem andern schon. In dieser konkreten Situation nicht. Aber es passte zur Rolle.

Dieses Jahr, als Präsentatorin, können Sie es gelassener angehen.
Nun ja, ich will es gut machen. Nervös werde ich auch da sein.

Was werden Sie tragen, haben Sie sich schon entschieden?
Ja, aber das bleibt vorläufig mein Geheimnis. Ich weiss, einige meiner Kolleginnen entscheiden sich locker erst in letzter Sekunde. Ich bin nicht so, ich muss es vorher wissen.

Und wer sind Ihre Favoriten in den Schauspielkategorien?
Ha, ha, das werde ich Ihnen bestimmt nicht sagen. Alle sind grossartig. Und es gibt ein paar weitere, die nicht nominiert wurden, die ebenfalls dabei sein sollten. Ich denke zum Beispiel an Kristen Stewart in «Clouds of Sils Maria» und Idris Elba in «Beasts of No Nation».

Dass alle Nominierten weiss sind, sorgte dieses Jahr für Aufregung.
Ja, aber das ist nicht unbedingt ein Problem der Oscars. Es braucht einfach mehr farbige Menschen, und wenn wir schon dabei sind, auch mehr Frauen in verantwortungsvollen Positionen in den Studios. Ist das einmal erfüllt, werden sich die Preise schon von selbst einstellen. Man kann nicht als Frau hingehen, in ein männerdominiertes Studio, und sagen: Hey, schreibt mehr Filme über Frauen. Das müssen wir schon selber tun. Nur so gibt es Veränderungen.

Wenn wir gerade bei Nominierungen sind, was sagen Sie zur anstehenden Präsidentenwahl in den USA?
Da ist gerade viel los. Aber es geht noch lange bis zu den Wahlen. Es wird interessant sein zu sehen, wer am Ende die beiden Kandidaten sind. Jetzt beginnen sie ja langsam aus dem Rennen zu fallen, einer nach dem andern.

Unterstützen Sie jemanden?
Jawohl. Hillary Clinton. (DerBund.ch/Newsnet)

(Erstellt: 23.02.2016, 17:40 Uhr)

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Die grosse Erleichterung: Moore umarmt nach der Verleihung Emma Stone. (22. Februar 2015) (Bild: Keystone )

Julianne Moore und die Oscars

Im neuen Film «Maggie’s Plan», der im August bei uns in die Kinos kommt, beweist die Schauspielerin, dass sie auch eine hervorragende Komödiantin ist. Oscars gibt es aber eher für ernste Rollen, wie eben letztes Jahr diejenige einer Alzheimerpatientin in «Still Alice».

Julianne Moore war zuvor bereits viermal nominiert, im Jahr 2003 sogar doppelt: einmal als beste Hauptdarstellerin («Far from Heaven») und als beste Nebendarstellerin («The Hours»). (ml)
(Bild: Keystone )

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