Kultur

Jean-Martin Büttner
Reporter


Wenn es sein musste, kämpfte er gegen ein Känguru

Aktualisiert am 07.07.2012 5 Kommentare

Regisseur Woody Allen hat sich zwei Jahre lang vom Dokumentarfilmer Robert Weide begleiten lassen. Dieser zeigt ihn als grossen Handwerker der Komik.

Am Ende bekommt er immer, was er will: Woody Allen, Scarlett Johansson. Foto: PD

Am Ende bekommt er immer, was er will: Woody Allen, Scarlett Johansson. Foto: PD

Trailer: «Woody Allen: A Documentary».

Im Kino

«Woody Allen: A Documentary» (USA 2012). 113 Minuten. Regie: Robert B. Weide. Mit Woody Allen, Penélope Cruz, Scarlett Johansson, Letty Aronson u. a., läuft ab jetzt in den Schweizer Kinos.

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Ein entscheidendes Zitat fehlt in der Kinoversion von «Woody Allen: A Documentary», es findet sich nur in der längeren Fernsehfassung. Das macht aber nichts. Denn das Entscheidende an diesem Zitat ist seine Banalität. «Filmemachen ist keine Quantenphysik», sagt der Regisseur und schaut durch seine Hornbrille, halb besorgt und halb amüsiert. «It’s just storytelling.»

Woody Allen hat 41 Filme in ebenso vielen Jahren gedreht, bereits ist ein neuer fertig und sind weitere geplant. Man braucht nur die Filmausschnitte in Robert Weides Porträt wiederzusehen, um zu wissen: Woody Allen, der jüdische Tragikomiker aus Brooklyn, kann Geschichten erzählen.

Keine Komik bleibt aus

Seine wegwerfende Bemerkung ist bezeichnend, weil sie so viel über seine Arbeitsweise, seine Ästhetik und sein Berufsverständnis aussagt. Woody Allen ist ein Handwerker des Komischen, ein Akkordarbeiter und als Autor, Regisseur, Schauspieler und Essayist ein Fastalleskönner. Dabei begann er als Autodidakt, der die Schule hasste, weil er sie als antisemitische Strafanstalt erlebte. Schon mit 16 Jahren verdiente er als Witzeschreiber mehr als seine Eltern. Später quälte er sich als Stand-up-Komiker durch die Clubs von Greenwich Village, schrieb Stücke, probierte Sketches, trat im Fernsehen auf und boxte gegen ein Känguru. Obwohl er unter seiner Schüchternheit litt, wusste er genau, was er machen wollte: nämlich alles zu seinen eigenen Bedingungen. Und er tat es. Von seinem ersten eigenen Film an behielt er die Kontrolle über Buch, Besetzung, Dreh und Schnitt.

Robert Weide hat mit Schauspielern, Regisseuren, Kritikern, Verwandten, Agenten und natürlich Allen selbst gesprochen. Neues erfährt man nicht in seinem Film, bekommt es aber ausgesprochen angenehm serviert. Gerade von Allen selbst, der Weide grosszügig, selbstkritisch und selbstironisch begegnet. Das überrascht bei einem Künstler, der rote Teppiche meidet, die Oscars ignoriert, Interviews nicht mag und oft mürrisch oder quengelig daherkommt. Davon ist hier nichts zu sehen. Möglicherweise hat sich der eine Regisseur im anderen erkannt. Weide hat das Komische ebenso obsessiv dokumentiert, wie Allen es verfilmt. Der 53-jährige porträtierte Komiker wie die Marx Brothers, Lenny Bruce, Mort Sahl und W. C. Fields, und er drehte mit Larry David die herrlich geschmacklose Serie «Curb Your Enthusiasm». Er versteht also sowohl das Handwerk wie die Handwerker.

Schauspieler kopieren selbst seine Stimme

Handwerk gründet in Routine. Vor jedem Film breitet Woody Allen seinen Stoss von Blättern, Zetteln und abgerissenen Notizen auf dem Bett aus. Jedes Jahr schreibt er am selben Pult mit derselben deutschen Schreibmaschine ein Skript auf das immer gleiche gelbe Papier, das er mit Schere und Bostitch rekombiniert. Er dreht termingenau mit einem eingespielten Team, minimalem Budget und so unkompliziert wie möglich. Kaum hat er einen Film fertig, fängt er mit dem nächsten an.

«Mein einziges Problem ist, dass ich kein anderer bin», hat er einmal geschrieben. Das ist lustig, aber nicht wahr. Wie Weides Film deutlich macht, ohne es kritisch zu hinterfragen, dreht sich bei Woody Allen alles um ihn. Um sein Werk, seine Welt, seinen Willen, seine Vorstellungen. Selten bricht er aus der Gesellschaft aus, in der er sich bewegt. Schwarze kommen in seinen Filmen fast keine vor, Armut hat bei ihm oft etwas Kulissenhaftes, bei den Reichen weiss man selten, womit sie ihr Geld verdienen. Dreht er in London, kommt einem die dortige Aristokratie vor wie die jüdische Upperclass von New York mit englischem Akzent. Schauspieler in seinen männlichen Hauptrollen kopieren seine Mimik, seine Gesten, Manierismen und sogar seine Stimme.

Dabei lässt gerade er seinen Schauspielerinnen und Schauspielern grosse improvisatorische Freiheiten, redet ihnen nicht drein, gibt kaum Regieanweisungen. «Dennoch bekommt er immer, was er will», sagt der Komiker Larry David; selbst er, ein Griesgram, äussert sich superlativ über den Kollegen. Kritik kommt selten auf in diesem Film, was das Lob entwertet.

Allen ist resolut gegen den Tod

Immerhin bleibt Allen sogar sich selber gegenüber glaubhaft skeptisch. Er hoffe jedes Mal, sagt er, sein nächster Film werde «Citizen Kane». Und jedes Mal breche beim Drehen die Realität über ihm zusammen. Zum Glück hält ihn die Enttäuschung nicht vom Weitermachen ab, nicht einmal das Mittelmass oder der Misserfolg. Woody Allen dreht dauernd Filme, weil nur das ihn vom «Unhappy End» des Lebens ablenkt. Wie er es mit dem Tod halte, fragt ihn ein Journalist in Cannes. «Ich bin sehr dagegen», sagt er.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.07.2012, 09:37 Uhr

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5 Kommentare

Jutta Maier

07.07.2012, 13:40 Uhr
Melden 6 Empfehlung 0

Irgendwann wird Vätterchen Tod auch ihn holen, aber bis dann geniesse ich jeden seiner Filme. Auch Geschichtenerzählen kann nicht jeder, ebensowenig wie Quantenphysik verstehen. Antworten


Adam Gretener

07.07.2012, 20:40 Uhr
Melden 2 Empfehlung 0

@Maier. Es gibt kein Väterchen Tod, nur ein Väterchen Frost. Mich fröstelt es auch wenn Menschen einfach feste Wortwendungen vergewaltigen. Nur so nebenbei. Antworten



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