Wasser, das Wellen wirft

Eine kleine Berner Filmproduktionsfirma kratzt am Image eines Grosskonzerns, der Wasser in Geld verwandelt. Die Dokumentation «Bottled Life» feiert an den Solothurner Filmtagen Premiere.

Tüfteln im Dokumentarfilmlabor: Urs Schnell (l.) und Dodo Hunziker, die Gründer von DokLab.

Tüfteln im Dokumentarfilmlabor: Urs Schnell (l.) und Dodo Hunziker, die Gründer von DokLab. Bild: Manu Friederich

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Zuerst kommt ein langer, dunkler Gang. Aber dann öffnet sich eine erstaunlich geräumige Hinterhoflandschaft, versteckt hinter einer Häuserzeile des Berner Matte-Quartiers. Hier ist das Domizil der Berner Filmproduktionsfirma DokLab. Und im Büroraum stehen sie schon, die Protagonisten des jüngsten DokLab-Films, schön aufgereiht auf einem Regal: Henniez, Perrier, San Pellegrino, Poland Spring, Vittel, Pure Life. Auf einer Flasche klebt noch ein Post-it-Zettel: «Originalwasser Nigeria».

Auch wenn die Etikette «Pure Life» verspricht – geniessbar sind die Wässerchen nicht mehr. «Die Flaschen sind zum Teil mehr als zwei Jahre alt», meint Urs Schnell lachend. Der Filmemacher hat zusammen mit seinem Partner Dodo Hunziker Anfang 2007 DokLab gegründet. Hier werden nicht nur Dokumentar- und Kurzfilme produziert, das «Dokumentarfilm-Labor» macht auch Informations- und Schulungsfilme, Grafik und Animation oder vermietet auch mal Material.

Im Moment ist aber ein anderes Projekt in den Startlöchern. Der Dokfilm «Bottled Life», der zeigt, wie Flaschenwasser die Umsätze sprudeln lässt, und der unangenehme Fragen aufwirft: Wem das Wasser gehört. Und ob Wasser ein Menschenrecht ist oder einfach eine Ware, die sich mit Profit vermarkten lässt. «Als wir DokLab gründeten, wollten wir mit einem grossen Projekt einsteigen und mit einem aktuellen, international bedeutenden Thema. Dabei kamen wir relativ rasch auf das Wasser», sagt Urs Schnell.

Ein ausuferndes Thema

Dass man für den Dokumentarfilm eine journalistische Herangehensweise wählte, war für den Filmemacher selbstverständlich, der in Bern einst Radio Förderband gegründet und lange fürs Schweizer Fernsehen gearbeitet hatte. Gemeinsam mit dem Zürcher Journalisten Res Gehriger machte sich Schnell an die Recherche. Allerdings merkten die beiden bald, welch gigantisches, ja wahrlich ausuferndes Thema sie da gewählt hatten. «Es ist schon unheimlich viel über Wasser publiziert worden. Aber da stiessen wir auf Bürgerbewegungen in den USA, die sich dagegen wehrten, dass jemand aus ihrem Quellwasser Profit schlägt – und dieser Jemand ist eine Firma, die wir hier in der Schweiz sehr gut kennen: Nestlé», so Schnell. Das Filmprojekt nahm Form an.

Der «falsche Film»

Nestlé ist nicht nur der mächtigste Lebensmittelkonzern der Welt, die Firma ist auch Weltmarktführerin in Sachen Wasser. Der Film zeigt, wie Konzernchef Peter Brabeck an einer Bilanz-Pressekonferenz Zahlenberge stapelt und von fetten Umsätzen schwärmt. Er betont aber auch die soziale Verantwortung, die eine Firma wie Nestlé habe, und stellt ein Wasserprojekt in einem äthiopischen Flüchtlingslager vor. Schön und gut. Aber DokLab schaut in «Bottled Life» genauer hin. Res Gehriger reist nach Äthiopien, wir folgen ihm zu der dünnen Wasserleitung, die Zehntausende Flüchtlinge versorgt, erfahren, dass Nestlé schon seit Jahren keine Unterstützung mehr gewährt. Damit konfrontieren können die Filmemacher die Verantwortlichen aber nicht – Nestlé verweigert den Dialog. Es sei «der falsche Film zur falschen Zeit».

Mehr Energie als in soziale Projekte scheint Nestlé in die Suche nach neuen Quellen zu stecken – so jedenfalls suggeriert es «Bottled Life»: etwa in den USA, wo man für ein Butterbrot Wasser pumpt, es in Flaschen füllt und mit einer riesigen Gewinnmarge verkauft. Oder in Pakistan, wo Nestlé sein «Pure Life» derart erfolgreich vermarktete, dass es zum Lifestyle-Objekt für die Mittelklasse geworden ist, während die Infrastruktur, die für sauberes Wasser für alle sorgen sollte, verlottert.Klar, dass solche Missstände auch mit Korruption zu tun haben. Aber dass die Welt ungerecht ist, dazu trägt auch Nestlé bei, wie der Film zeigt. Während der Konzern in den amerikanischen Gemeinden, in denen er Wasser abzapft, Spielplätze baut und Ortsvereine sponsert, darben in Pakistan jene Dorfbewohner, die gleich neben der Abfüllfabrik wohnen und deren Grundwasserspiegel deshalb sinkt: Ihnen verweigerte Nestlé eine Leitung mit sauberem Wasser.

Nicht ohne Sicherheitsleute

Urs Schnell und Dodo Hunziker, der für Gestaltung und Technik zuständig ist, sitzen am Schnittplatz. Szenen des Films flimmern über die Monitore. Die beiden erzählen von der vielen Reiserei, die der Film mit sich brachte, von bürokratischen Kämpfen in Pakistan und von den Sicherheitsleuten, die nötig waren, um das Team in einen Slum Nigerias zu begleiten. «Das ist das schönste Bild des Films», ruft Schnell aufs Mal. Ein Wasserfall in den Alpen, majestätisch, imposant, gefilmt aus einem Helikopter heraus. Tausende Franken habe das gekostet, wegen der Technik, die nötig sei, damit das Bild aus dem Helikopter nicht verwackelt – ein enormer Aufwand für ein paar wenige Filmsekunden.

Doch gerade auf solche sorgfältig gestalteten, sprechenden Bilder legen die beiden Filmemacher grossen Wert. Die Kontrolle über die Produktionsmittel und das Endprodukt zu haben: Genau das ist es, was Schnell und Hunziker dazu bewog, sich selbstständig zu machen. Auch wenn das neben der eigentlichen Filmproduktion allerlei Multitasking bedeutet: Management, Finanzen, Marketing und jede Menge Bürokram. Und es braucht viel Ausdauer: «Als Filmemacher ist man Langstreckenläufer, nicht Sprinter», so Hunziker. «Entscheidet man sich für ein Thema, will das gut überlegt sein. Schliesslich verbringt man die nächsten Jahre seines Lebens damit.» Schon jetzt hat DokLab ein weiteres grosses Projekt im Köcher.

Was Leidenschaft bewirkt

Zunächst aber sind Schnell und Hunziker gespannt, was ihr aktueller Film auslösen wird. Wie wird Nestlé wohl reagieren? Wird der Goliath dem David Steine in den Weg legen? «Wir begegnen Nestlé auf Augenhöhe. Man muss die Angst verlieren, dass man klein ist. So wie jene Nestlé-Gegner in den USA, die damit ans Ziel kamen», sagt Schnell. Und Hunziker fügt an: «Man kann etwas bewirken, wenn man es leidenschaftlich tut. Das ist das eigentliche Signal unseres Films.» Leidenschaft: Das haben auch die zwei Film-Enthusiasten, die von einem bescheidenen Berner Hinterhof aus arbeiten. Und nicht nur die Schweiz, sondern auch die Welt im Auge haben.

«Bottled Life» ist in Solothurn am 22. und 24. Januar zu sehen und läuft ab 26. Januar im regulären Kinoprogramm. (Der Bund)

(Erstellt: 17.01.2012, 07:57 Uhr)

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Solothurner Filmtage

Mit «Bottled Life», der für den Prix de Soleure nominiert ist, werden insgesamt 20 Berner Produktionen an den Filmtagen gezeigt. «So viele wie schon länger nicht mehr», sagt Stefanie Arnold vom Branchenverein Bern für den Film.

Dass 2011 ein guter Jahrgang für den Berner Film war, sowohl was die Quantität wie auch die Qualität der Filme betrifft, dafür scheint die starke Berner Präsenz in Solothurn der Beweis – vor allem im Bereich Dokumentarfilm. Bruno Moll ist mit «Alpsegen», Veronika Minder mit «My Generation» für den Prix du Public nominiert, ebenso Ueli Grossenbachers bereits mit dem Berner Filmpreis dekorierte Dokumentation «Messies, ein schönes Chaos».

Zudem zeigen Andreas Berger «Zaffaraya 3.0», Bernhard Giger «Herz im Emmental», Hugo Sigrist und Markus Baumann «A passo di bove» und Christine Repond «Nicht das Leben». Steve Walker hat in «Buebe gö z Tanz» die Berner Band Kummerbuben begleitet, die auch im Rahmenprogramm aufspielt. Auch im Kurzfilmbereich war Bern produktiv: Martin Guggisberg, Matto Kämpf, Fabio Friedli oder Stefan Eichenberger präsentieren neue Arbeiten.

Ob die aktuelle Blüte des Berner Films bereits eine Folge der 2009 aufgestockten kantonalen Filmförderung ist – diese Frage wird an einem Podium gestellt, das Bern für den Film organisiert hat, mit BAK-Filmchef Ivo Kummer, Barbara Den Brok vom Amt für Kultur des Kantons Bern und weiteren Teilnehmern (20. Jan., 15 Uhr, Uferbau). Auch wenn die Erhöhung des Filmkredits sich im Moment noch nicht auf die Zahl der abgeschlossenen Produktionen ausgewirkt haben dürfte, so scheint es gemäss Stefanie Arnold doch einen zumindest stimmungsmässigen Aufschwung in der Branche zu geben.

Mehr Informationen finden Sie unter www.solothurnerfilmtage.ch.

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