Warum weinen Frauen bei «Wonder Woman»?

Der erste grosse Superhelden-Blockbuster mit einer Frau als Hauptfigur macht sehr, sehr viel richtig. Und rührt Frauen damit regelmässig zu Tränen. Was ist da los?

Stets stolz und königlich: Gal Gadot als Wonder Woman.

Stets stolz und königlich: Gal Gadot als Wonder Woman.

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Wer sich entschliesst, einen Actionfilm im Kino anzusehen, weiss eigentlich, was emotional so kommen wird. Langsam anschwellende Grundsympathie für den Helden. Dann sanfte Anspannung, wenn er auf die Mütze kriegt. Und schliesslich Erleichterung, wenn die Welt mal wieder vor dem ultimativ Bösen gerettet ist.

Was man eher nicht erwartet, ist Rührung. So stark, dass sie Tränen in die Augen treibt und das gleich in einer der allerersten Szenen.

Doch genau das passiert in «Wonder Woman». Der Film hat seit seinem Kinostart in den USA vor zwei Wochen weltweit 450 Millionen Dollar eingespielt. Es ist das beste Ergebnis, das je eine weibliche Regisseurin (Patty Jenkins) erzielt hat. Und er hat viele Frauen zum Weinen gebracht. Auf Twitter und in den Online-Ausgaben grosser englischsprachiger Zeitungen finden sich diverse Tränen-Geständnisse – zu lesen etwa hier im «Guardian» oder hier in der «Los Angeles Times».

Wieso weinen diese Frauen? Der Selbstversuch zeigt: Es geht ganz schnell. Der Film beginnt auf der Amazoneninsel Themyscira. Die kleine Diana, sie wird später Wonder Woman sein, büxt ihrer Lehrerin aus, weil sie lieber den grossen Amazonen beim Training zusehen will. Verständlich ja auch. Denn wie da auf einer Terrasse über dem Meer diese hochathletischen Frauenkörper durch die Luft wirbeln, wie sie Bögen im Sprung spannen und Pfeile irrwitzig genau ihre Ziele treffen lassen, das ist eine der bestchoreografierten Kinoszenen seit Langem.

Aber was man bei diesen Bildern empfindet, ist etwas anderes als ästhetische Befriedigung. Es ist die Erkenntnis, dass man so etwas noch nicht gesehen hat. Egal, wie viele Actionfilme man kennt: Ein Dutzend attraktiver Frauen, das sich gekonnt bewegt, dabei einigermassen knapp bekleidet ist – und trotzdem sieht keine nach Sex-Symbol aus. Diese Frauen sind Subjekte, nicht Objekte einer lüsternen Kamera. Und von nirgendwoher fällt ein Blick auf sie, der etwas anderes in ihnen sieht als edle Kämpferinnen für das Gute.

Frauen spielen die unangefochtenen Hauptrollen

Jede Einstellung scheint diese Frauen zu bewundern. Aber nicht, weil sie erotisch sind. Sondern weil sie stark sind. Und weil sie gut sind in dem, was sie tun. Vor allem aber, und vielleicht ist das wirklich nur auf einer mythischen Insel ohne einen einzigen Mann möglich, weil sie die unangefochtenen Hauptrollen spielen. Nirgends ist da ein Batman in Sicht, oder ein Tony Stark, in dessen Team auch mal eine Frau mitkämpfen darf. Es geht um sie. Man muss darauf nicht bewusst gewartet haben, um zu fühlen, dass es gefehlt hat.

Und dann passiert es eben: Die Tränen drücken gegen die untere Augenkante.

Es ist, als zeigte erst die utopische Frauenwelt auf Themyscira, dass es ja tatsächlich so sein könnte: Keine gesellschaftliche Position, auf der keine Frau zu finden ist. Niemand, der überrascht ist vom noblen, königlich-stolzen Verhalten dieser Frauen. Man würde gern länger auf Themyscira bleiben, herausfinden, wie das ist, in dieser Frauengesellschaft. Was gibt es da zum Frühstück? Wie wird getanzt? Wie geht das mit der Fortpflanzung? Leider spielt der restliche Film woanders. In der Männerwelt des Ersten Weltkriegs nämlich, in einem Europa, wo Frauen noch nicht einmal das Wahlrecht haben.

Und doch bleibt «Wonder Woman» auch dort auf diese merkwürdige, überraschende Weise anrührend, die all diese Frauen in den Kinosälen zum Heulen bringt. Denn diese Heldin, die Amazonenprinzessin Diana, ist ein Kind dieser Insel. Und sie bleibt es, auch nachdem sie sie verlassen hat. Auf Themyscira aufzuwachsen, entspricht offenbar ungefähr dem Pädagogikkonzept dieser geschlechtergerechten Kindergärten in Schweden, wo die Pronomen neutral und die Puppen-Spielecken für Jungs und Mädchen gleichermassen gedacht sind.

Stolz und königlich

Und offenbar wirkt das: Stolz und königlich läuft Wonder Woman jedenfalls durch London – bis zu einem Treffen von Politikern und Generälen. Und als die Schnauzbartherren staunen und tuscheln, weil da eine Frau mit im Raum ist, guckt sie nur weiter stolz und königlich. Sie kommt schlicht nicht auf die Idee, dass sie hier, wo die Mächtigen sich versammeln, wegen ihres Geschlechts nicht dabei sein darf.

Und genau das, dieser Zustand stolzer Unschuld, ist zu gleichen Teilen rührend und traurig. Es erreicht einen solchen Zustand schliesslich nur, diesen Schluss legt der Film zumindest nahe, wer auf einer Amazoneninsel aufgewachsen ist.

Niemand hat Wonder Woman als Mädchen je gesagt, subtil vermittelt oder vorgelebt, dass Frauen irgendetwas nicht können. Dass sie ängstlicher sind, und vor allem anderen schön zu sein haben. Dass Wonder Woman aussieht wie Gal Gadot, eine frühere Miss Israel, ist ihr ziemlich egal. Sie weiss gar nicht, dass es eine Rolle spielen könnte für die Art, wie sie sich durch die Welt bewegt.

Noch so eine Szene also, von der viele Frauen berichten, sie hätten geweint: Als Diana hört, dass hinter dem Todesstreifen an der Front Menschen gefangen sind, steigt sie aus dem Schützengraben. Knapp bekleidet. Das kann man nun blöd finden (aber sieht man nicht auch an männlichen Superheldenkörpern unter dem hautengen Bodysuit jede Minimuskelwölbung?), aber es ist trotzdem unfassbar beeindruckend, wie sie sich dem Kugelhagel entgegenstemmt. Natürlich schafft sie es. Wonder Woman durchbricht die Front.

Kein Superman mit Brüsten

Trotzdem, und das ist vielleicht das grösste Verdienst dieses Films, ist Wonder Woman kein Superman mit Brüsten geworden. Wie einfach wäre es gewesen, die männlichen Comicsuperheldenklischees einfach auf eine Frau zu übertragen – die Abgeklärtheit, die ironischen Sprüche, die Technik-Begeisterung.

Aber nichts davon. Wonder Woman ist ernsthaft, idealistisch – aber ohne stählern zu sein. Als Wonder Woman auf der Strasse in London eine Mutter sieht, die ihr Baby stillt, ruft sie strahlend: «Ein Baby!» Dass sie auch weibliche Klischees erfüllt, macht sie nicht «schwach», es ist Teil ihrer Identität. Und wieso sollte es überhaupt ein Widerspruch sein, dass man die Welt retten will und gleichzeitig Babys süss findet?

Ja, warum eigentlich? «Wonder Woman» hätte sehr leicht aussehen können wie diese angestaubten Karriereratgeber klingen. Die, in denen steht, dass Frauen mit Ambitionen den Dienstwagen fordern sollen, weil sie sonst nicht respektiert werden. Auch wenn der Dienstwagen sie nicht interessiert. Dass sie tiefer sprechen und bloss nicht von der Familie erzählen sollen. Aber Diana von Themyscira ist rebellisch, ohne dabei wie ein Mann sein zu müssen.

Deshalb darf sie sich auch in ihren charmanten Co-Helden verlieben. Und der darf sie bewundern, ohne deshalb gleich an seiner Männlichkeit zweifeln zu müssen. Und sie darf mit «Liebe» argumentieren, bevor sie am Ende den bösen Kriegsgott, der für das Elend des Ersten Weltkriegs mitverantwortlich ist, kaputtblitzt.

Wobei, das ist nicht ganz richtig. Wonder Woman darf das nicht. Sie tut es einfach. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.06.2017, 15:00 Uhr

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