Kultur
Von der Wühlkiste ins Kino
Von Florian Keller. Aktualisiert am 10.04.2012 1 Kommentar
DVD / Kino
«The Sound of Noise» inkl. zwei Kurzfilmen ist auf DVD bei Frenetic/Moviemento erschienen. Lena Dunhams «Tiny Furniture» inkl. vier Kurzfilmen ist auf DVD bei Criterion erschienen (US-Import, nur Code 1). «Iron Sky» läuft in Zürich in den Kinos Abaton und Riffraff.
Trailer: «Sound Of Noise».
Trailer: «Tiny Furniture».
Trailer: «Iron Sky».
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Die sechs Einbrecher warten in ihrem roten Volvo, bis ein älteres Paar mit Hündchen aus dem Haus kommt. Dann dringt die ganze Bande in die fremde Wohnung ein, durchwühlt wortlos die Küche nach allerhand Alltagsutensilien – und beginnt, topseriös und hoch konzentriert, als stünde das Schicksal der Menschheit auf dem Spiel, auf diesen Gegenständen zu trommeln. Die klauen nichts, die wollen nur spielen. Diese Bande ist bloss eine illegale Band.
Mit ihrem klandestinen Ständchen klopfen sie in der Spiesserwohnung den Groove aus dem Alltag – ein gewaltloses Verbrechen im Dienste höheren Blödsinns. «Music for One Apartment and Six Drummers» (2001) heisst dieser schwedische Kurzfilm von Johannes Stjärne Nilsson und Ola Simonsson. Er kommt einem vor, als hätten ein paar chronisch unterforderte Musiker eine skandinavische Antwort auf «Stomp» ausgeheckt. Ein skurriles Kabinettstück ist das, ein verschrobener kleiner Zirkus ohne den Geruch von Sägemehl und mit den neun Minuten ein perfekter Pausenfüller für den Alltag am Bildschirm: alles wie gemacht, um auf dem filmischen Rummelplatz namens Youtube zu reüssieren.
Subversiver als ein Raub
Nachdem die trommelnden Schweden allein auf Youtube von gegen 4 Millionen Zuschauern angeklickt worden sind, dürfen sie nun auch abendfüllend trommeln, und zwar in einem weit grösseren Aktionsradius. «The Sound of Noise» heisst der Langspielfilm von Nilsson und Simonsson, der nun auf DVD erschienen ist. Die musikalische Alltagsguerilla nimmt hier eine ganze Stadt in Beschlag (was durchaus wörtlich zu verstehen ist). Einmal überfallen die sechs Schlagzeuger eine Bank und lehren die braven Kleinsparer in der Schalterhalle das Fürchten mit ihrem Spieltrieb: Weil die Band auch beim Geld nur am Sound interessiert ist, landen die Banknoten im Aktenvernichter statt in der eigenen Tasche. Mit ihrem Soundtrack zur Krise operiert diese Bande subversiver als jeder branchenübliche Bankräuber: Hier wird das Geld nicht einfach den Reichen weggenommen, sondern vernichtet.
Zwar haben die musikalischen Anschläge in «The Sound of Noise» in der zweiten Hälfte nicht mehr dieselbe Raffinesse – da wird die städtische Philharmonie brachial mit einem Konzert aus Baumaschinen sabotiert, und eine Starkstromleitung wird als Saiteninstrument bespielt. Trotzdem trägt der Film spielend über 100 Minuten; nie hat man den Eindruck, hier sei bloss eine Kurzfilmidee breitgetreten worden.
Stiefkind Kurzfilm
Der Kurzfilm als Vorstufe und Visitenkarte fürs abendfüllende Werk: Das ist eigentlich ein eingespieltes Muster. Neu ist aber die potenzielle Massenwirkung, die ein Jekami-Portal wie Youtube für Kurzfilme auch von Amateuren eröffnet. Innerhalb der traditionellen Auswertungskanäle des Kinos sind Kurzfilme ja bis heute ein Stiefkind geblieben: Auf der grossen Leinwand werden sie, wenn überhaupt, zum Vorfilm relegiert, im Fernsehen, wenn überhaupt, als Pausenfüller gesendet. So blieb es den spezialisierten Festivals überlassen, den Kurzfilm nicht bloss als Fingerübung auf dem Weg zur Langstrecke auszustellen, sondern als eigene Kunstform zu feiern. Auch die schwedische Trommlerbande startete ihren Triumphzug an Festivals, um anschliessend das Netz zu erobern.
Mit dem Internet hat sich die Aufmerksamkeitsökonomie für Kurzfilme umfassend verbessert. Dank den Videoportalen im Netz haben junge Talente manchmal nicht einmal mehr eine Ehrenrunde durch Kurzfilmfestivals nötig, um breites Aufsehen zu erregen. Bereits sind auch erste Rückkoppelungen ins Kino zu beobachten: An der Zürcher Kurzfilmnacht stellte der holländische Werber Dagan Cohen kürzlich sein internationales Wanderfestival Upload Cinema vor, das Netzfilme adelt, indem es ausgewählte Fundstücke auf die grosse Leinwand bringt. Muss die Filmindustrie, wenn sie den Anschluss an die Zukunft nicht verpassen will, ihre Talentspäher also die Wühlkiste namens Youtube durchforsten lassen?
Die Erfolgsgeschichte eines Amateurs
Einer dieser Youtube-Aufsteiger, der sich dieser Tage über besonders lautes Medienecho freuen darf, ist der 33-jährige Finne Samuli Torssonen, Produzent der Nazis-auf-dem-Mond-Groteske «Iron Sky». Seit 1992 hatte Torssonen ein halbes Dutzend «Star Trek»-Parodien gedreht, die er, damals noch ein Teenager, laufend ins Netz stellte, mit sich selbst als Hauptdarsteller. Die erste, vier Minuten kurze Folge seiner «Star Wreck»-Reihe bestand noch aus rudimentären Computeranimationen wie aus dem Kinderzimmer; mit der siebten und letzten Episode hatte sich Torssonen dann an einen abendfüllenden Spielfilm gewagt, den er gratis zum Download anbot.
Als er mit seinem Freund, dem Regisseur Timo Vuorensola, den Wechsel ins Profigeschäft vorbereitete, konnte Torssonen für die Schwarmfinanzierung von «Iron Sky» auch die weltweite Nerd- und Fangemeinde anzapfen, die er jahrelang mit seinen Internetfilmen aufgebaut hatte (TA vom 4. April). So ist «Iron Sky» die Erfolgsgeschichte eines Amateurs, der vom sympathischen Heimvideo zur professionellen Millionenproduktion expandieren konnte. Schade, dass Regie und Drehbuch nicht mithalten konnten. Das Ergebnis ist Amateurkino mit imposanten Produktionswerten.
Zähneputzen im Brunnen
Ganz anders Lena Dunham, der jüngste Darling des amerikanischen Independent-Kinos. Die 25-jährige Tochter eines New Yorker Künstlerpaars hat ihren preisgekrönten Langfilm «Tiny Furniture» in der Wohnung ihrer Mutter gedreht, mit einem Budget von 50'000 Dollar. Lena Dunham, der weibliche Woody Allen der Generation Youtube: So oder ähnlich lauten seither die gut gemeinten Titel, die sich die Autorin, Regisseurin und begnadete Selbstdarstellerin gefallen lassen darf.
Den ersten Schritt dazu hatte auch sie mit einem bescheidenen kleinen Video auf Youtube getan, das sie noch als Studentin drehte. Medialer Statusneid, erklärte sie einmal, spielte dabei auch eine Rolle: «Ich war eifersüchtig auf alle diese Mädchen, die sich in ihren Filmen als besoffene Jessica Simpson ausgaben und damit locker 500'000 Klicks erzielten.» Die Antwort der Lena Dunham hört sich an wie aus einem Proseminar für Performancekunst: Sie gab sich als sie selbst aus und liess sich im Bikini filmen, wie sie in einem Springbrunnen auf dem Campus ihre Morgentoilette verrichtet. Sie wäscht sich die Haare und putzt die Zähne, bis ein Mann in Uniform das ordnungswidrige Treiben unterbindet.
Das Filmchen nannte sie «The Fountain», mit viel gutem Willen konnte man darin eine Fingerübung sehen oder gar den studentischen Versuch einer Kunstaktion. Lena Dunham stellte das vierminütige Werk ins Netz, und weil bei Youtube jemand auf die Idee kam, die öffentliche Hygiene dieser Studentin auf der Startseite zu platzieren, schnellten die Klicks über Nacht in die Höhe. Bald hatten ihr über eine Million beim Zähneputzen im Bikini zugesehen.
Hätte Woody Allen Youtube nicht geliebt?
Die Erfahrungen mit dem kurzlebigen Internetruhm liess Lena Dunham in den autobiografisch gefärbten Langfilm «Tiny Furniture» einfliessen, bei dem sie als Autorin und Regisseurin zeichnet und die Hauptrolle spielt. Schon ihr Name im Film birgt einen doppelbödigen Witz über den Ruhm im Zeitalter seiner digitalen Reproduzierbarkeit: Lena, dieses Kind der Generation Youtube, heisst hier Aura. In der Rolle der Aura spielt Lena Dunham, wie sie nach der Uni in der Provinz wieder bei Mutter und Schwester in Manhattan einzieht und fortan planlos durch das Vakuum zwischen Studium und Berufsleben gondelt. Einmal schaut sie sich auf Youtube ihren Film mit dem Springbrunnen an, später liest sie die erniedrigenden Kommentare der User vor. Mutter und Schwester übrigens werden von Lenas eigener Mutter und Schwester gespielt.
Man sieht schon: Der Vergleich mit Woody Allen ist nicht abwegig. Hätte sich nicht auch der junge Woody auf Youtube ausgetobt, wenn es zu seiner Zeit schon einen so breitenwirksamen Tummelplatz für mehr oder weniger talentierte, mehr oder weniger exhibitionistisch veranlagte Selbstdarsteller gegeben hätte? Auch Lena Dunham arbeitet sich an eigenen Befindlichkeiten ab. Ihre Pointen allerdings rattern nicht als verbale Salven durch den Film, sondern kommen mehr beiläufig um die Ecke geschlurft. Diesem verschlafenen Esprit hält der Film optisch eine streng abgezirkelte Bildsprache entgegen.
Dass bei Dunham auch ein grosses schreiberisches Talent dahintersteckt, ist auch den Chefs beim Bezahlsender HBO nicht entgangen: Dort gab man ihr freie Hand für ihre eigene TV-Serie «Girls», die sie wiederum als Autorin, Regisseurin und Hauptdarstellerin in Personalunion verantwortet. Produziert wird die Serie vom Komödienpatron Judd Apatow («Bridesmaids»), nächsten Sonntag geht der Pilot auf Sendung, die zweite Folge heisst «Vagina Panic».
Der Anfang einer Romanze
So weit in die Oberliga der Unterhaltungsindustrie wird es die Musikterroristen aus «The Sound of Noise» nicht spülen, dazu sind sie doch zu skurril mit ihrem Projekt einer Wiederverzauberung des Alltags. Die Panik, die sie im Film damit auslösen, ist allerdings ziemlich umfassend. Dass daraus mehr wird als ein auf Spielfilmlänge ausgewalzter Musikerwitz, dafür sorgt die Rahmenhandlung um einen traurigen Polizisten. Der heisst Amadeus, stammt aus einer hochdekorierten Musikerdynastie – und reagiert allergisch auf alle Arten von Musik. Und ausgerechnet dieser Amadeus soll der Band das Handwerk legen. Diese Figur ist mehr als ein Einmanngag: In ihrer Abscheu vor der musikalischen Dauerberieselung im Alltag wie gegen den klassischen Musikbetrieb mit seinen Regeln und Normen erweisen sich die Terroristen und dieser Polizist letztlich als heimliche Verbündete. Es ist der Anfang einer wunderbaren, weil unmöglichen Romanze.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 10.04.2012, 08:06 Uhr
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