Viel Action in der luftdichten Fantasiewelt der Agentenfilme
Von Florian Keller. Aktualisiert am 15.12.2011 1 Kommentar
«Mission: Impossible 4», Trailer
Film
Mission: Impossible – Ghost Protocol (USA 2011). 133 Minuten. Regie: Brad Bird. Mit Tom Cruise, Paula Patton, Simon Pegg, Jeremy Renner u. a.
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Da ist er wieder: Tom Cruise. 49-jähriger Stehaufmann mit jugendlichem Siegergrinsen. Schauspieler mit beschränktem Ausdruck. Gewinner von keinem Oscar, dafür immerhin Operierender Thetan der Stufe VII. Das klingt nach militärischem Adel, dabei ist das sein Erleuchtungsgrad in der Scientology-Stufenleiter. Haben wir den Mann nicht schon abgeschrieben, wegen peinlicher Tänze auf dem Sofa von Oprah Winfrey, wegen sinkender Umsätze und schwindender Starpower, wie das im Jargon heisst? Aber so einfach werden wir ihn nicht los. Also Augen zu und durch?
«Das ist zwar ein Film, aber kein Kino.» So sprach einst Godard in einem anderen Zusammenhang, der hier nichts zu Sache tut. Bei der vierten «Mission: Impossible» müsste man umgekehrt fragen: Die startet jetzt zwar in den Kinos, aber ist das überhaupt ein Film? Es ist eine Vorführung von spektakulären Gadgets, die man im normalen Leben nirgends kaufen kann. Es ist eine Revue aus halsbrecherischen Zirkusnummern unter dem Vorwand, dass dabei die Welt gerettet wird. Und das alles passiert auf der Welttournee dieses notorischen Extremkletterers namens Ethan Hunt, der sich für einen Geheimagenten hält. Aber ein Film?
Kurzlebige Sensationen
Die andere Frage ist: Spielt das überhaupt eine Rolle? Das Actionkino der Gegenwart ist ein Genre der Ingenieurs-, nicht der Erzählkunst. Deshalb vergisst man diese Filme – nennen wir sie trotzdem so – immer gleich wieder, wenn man aus dem Kino kommt. Was man mit nach Hause nimmt, sind Einzelteile ohne Zusammenhang: die kurzlebigen Sensationen einer Reihe von fachgerecht ausgeführten Schaustücken. Daran gemessen ist «Ghost Protocol», wie diese vierte unmögliche Mission heisst, ein prima Actionfilm.
Warum also muss Tom Cruise jetzt freihändig wie Spider-Man an der gläsernen Fassade des Burj Khalifa in Dubai emporklettern, nur mit haftstarken Handschuhen als Hilfsmittel? Keine Ahnung, aber die Aussicht ist phänomenal da oben. Vor fünf Jahren, im dritten Film der Reihe, landete Agent Hunt noch bei Philip Seymour Hoffman im Folterkeller. Damals, vor dem Hintergrund von Guantánamo und Abu Ghraib, sollte das wohl eine gewisse Bodenhaftung zur politischen Gegenwart herstellen, und es war, als habe ein bisschen von der Verbissenheit des Jack Bauer aus «24» auf Ethan Hunt abgefärbt. Dabei spielt dieser seine Kernkompetenz ja gerade dann aus, wenn er in der Schwebe bleibt, sich in eigentlich einbruchsichere Tresorräume abseilt. Hunts Paradestück ist der Drahtseilakt in der Vertikalen. Und so ein Held ist der Letzte, der auf Bodenhaftung angewiesen wäre.
Mit «Ghost Protocol» schwenkt die Reihe wieder weg von solchen realistischen Allüren des Vorgängers. Produzent Tom Cruise hat dafür einen Regisseur engagiert, der bislang ganz im Trickfilm zu Hause war: Brad Bird führte Regie bei «The Incredibles» und begleitete später auch die Ratte Rémy in «Ratatouille» auf ihrem Weg in die Haute Cuisine – beide Eskapaden wurden mit dem Oscar für den besten Animationsfilm belohnt. Und apropos «Ratatouille»: Zu Beginn von «Ghost Protocol» kehrt Brad Bird zurück in die Kanalisation, nur dass wir hier nicht in Paris sind, sondern in Moskau. Und anstelle der Ratte stapft eben Tom Cruise durch die Abwässer.
Unpolitisches Paralleluniversum
Da ist er gerade aus einem finsteren russischen Gefängnis ausgebrochen, in einem spitzbübischen Manöver, in dem sich schwere Jungs zum Swing von Dean Martin prügeln. Draussen dann, gut getarnt hinter einem unbrauchbaren Münztelefon, wartet schon die nächste Mission auf Agent Hunt: Er soll im Archiv des Kreml eine geheime Akte besorgen. Moskau, Kreml: Droht uns da ein Flashback in den Kalten Krieg? Nein, es zeigt bloss, wo dieser Film seine Prioritäten setzt. «Ghost Protocol» hat den russischen Markt im Visier, ansonsten spielt dieses Abenteuer in einem unpolitischen Paralleluniversum, in der luftdichten Fantasiewelt der Agentenfilme.
Das ist eine Welt, wo sich eine schöne französische Killerin noch mit Diamanten bezahlen lässt. Und es ist eine Welt, wo der böse Terrorist, ganz altmodisch, einfach ein Wahnsinniger ist, der die Zerstörung der Welt für einen notwendigen Teil der Evolution hält. Der droht zwar mit der Atombombe, aber auch wenn ihn Michael Nyqvist aus den schwedischen Stieg-Larsson-Filmen mit der nötigen nordischen Kälte gibt: So richtig bedrohlich wirkt dieser Schurke nicht. Und der Plot? Zusammenfassung zwecklos. Der böse Kurt jagt den Kreml in die Luft, darauf wird der gute Ethan von seinem Geheimdienst abgenabelt und muss sich nun allein mit seinem kleinen Team bewähren, ohne Rückendeckung aus der Zentrale. Es ist ein patentes Grüppchen, mit dem Tom Cruise hier grosszügig das Rampenlicht teilt: Da ist Paula Patton (schön), Simon Pegg (lustig) und vor allem, als vermeintlicher Schreibtischagent und möglicher Nachfolger in kommenden Abenteuern, Jeremy Renner, der Bombenentschärfer aus «The Hurt Locker». Und man wundert sich bloss ein wenig, wie diese abgenabelten Agenten immer noch so luxuriös um die Welt jetten.
Moskau, Dubai, Mumbai, das sind die Stationen, und das klingt nach branchenüblicher Globetrotter-Action. Dabei setzt «Ghost Protocol» dramaturgisch aber einen schönen Kontrapunkt zur humorlosen Hektik der Bourne-Filme. Die setzten fürs Actionkino zwar neue Massstäbe mit ihrer horrenden Schnittfrequenz (und infizierten damit gar James Bond, in «Quantum of Solace»). Aber wer den Temporausch sucht, muss zwischendurch auch abbremsen können, und das macht Regisseur Brad Bird hier meisterhaft.
Slapstick und Suspense
Wie Hunt und sein Computertechniker einen russischen Wachmann mit einem digitalen Schirm ablenken, ist ein lautloses Kabinettstück, in dem sich Slapstick und Suspense die Waage halten. Wie sich Hunt später an eine Hausfassade drückt und sein russischer Verfolger in aller Seelenruhe zuschaut, wie der Gejagte nicht zu springen wagt – ein köstlicher, stummer Dialog der Blicke. Und wenn das Drehbuch wieder einmal ein besonders albernes Manöver parat hat, reden die Protagonisten so lange darüber, bis die Situation vollends ad absurdum geführt ist. In solchen Momenten wird «Ghost Protocol» fast zum Meta-Actionfilm.
Einer aber beharrt dann doch auf Authentizität. Tom Cruise hat die Stunts angeblich selber gemacht, namentlich auch hoch oben am Burj Khalifa. Fragt sich allerdings, was solche Beteuerungen überhaupt wert sind im Zeitalter der computergenerierten Bilder. Das muss uns Tom Cruise ja nicht mehr beweisen, dass er frei von Höhenangst ist: Wer schwindelfrei auf dem Sofa von Oprah Winfrey tanzt, braucht auch das höchste Gebäude der Welt nicht zu fürchten. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.12.2011, 09:42 Uhr
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