Verschwendung und Hingabe
Von Thomas Allenbach. Aktualisiert am 08.07.2009
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Zur Person
Birgit Minichmayr wurde 1977 in Pasching, einem Vorort von Linz, geboren. 1999 debütierte sie am?Wiener Burgtheater als Dirne in Schnitzlers «Reigen». Nach dem Erfolg als Medea in Grillparzers «Das goldene Vlies» wechselte sie 2004 an die Volksbühne Berlin. Letztes Jahr kehrte sie ans Burgtheater zurück. Auf der Leinwand debütierte sie 1999 in Jan Schüttes «Abschied» als Barbara Brecht. Sie spielte Nebenrollen u.a. in «Der Untergang» (2004), «Das Parfum» (2006), «Der Knochenmann» (2008). Für «Alle Anderen» wurde sie dieses Jahr an der Berlinale als beste Schauspielerin ausgezeichnet.
«Bund»: Die Burgtheater-Produktion «Der Weibsteufel» war in Wien das Stück der Saison, Sie sein umjubelter Star. Vor Kurzem mussten Sie wegen Krankheit eine Vorstellung absagen. Ist Ihnen das schon einmal passiert?
Birgit Minichmayr: Nein, das ist das erste Mal. Ich fühlte mich sehr schlecht, nicht nur körperlich. Eine Vorstellung absagen ist für einen Schauspieler der Tod. Man fragt sich zigmal, ob man wirklich zu krank ist, um aufzutreten. Man hat ja den Anspruch, immer alles zu geben.
Böse Zungen meinten, das seien Spätfolgen Ihrer Wahl zur Buhlschaft im «Jedermann» bei den Salzburger Festspielen, die tags zuvor bekannt geworden war.
Oh Gott! Für wen halten mich denn diese Leute?! Ich hatte eine schlimme Fleischvergiftung und hätte unmöglich auftreten können.
Bei Fleischvergiftung kommt einem Ihr letzter Film in den Sinn, «Der Knochenmann» mit Josef Hader, eine Groteske, in der Fleisch ebenfalls eine ungesunde Rolle spielt.
Ein sehr fleischhaltiger Film, stimmt. Es hat wahnsinnig Spass gemacht, mit Josef Hader dieses Liebespaar zu spielen. Er kokettiert damit, dass er kein wirklicher Schauspieler, sondern nur ein Kabarettist sei, dabei ist er ein wunderbarer Schauspieler – und ein sehr lustiger, feiner, tiefsinniger Mensch.
Die Buhlschaft ist in Salzburg ein Gesellschaftsthema, ihr Décolleté für viele wichtiger als die künstlerische Leistung. Sophie Rois, eine Ihrer Vorgängerinnen und eine furchtlose Schauspielerin wie Sie, hat sich heftig über den «Titten-Fetischismus» beklagt.
Das verstehe ich. Es ist etwas sehr Widerliches, wenn Frauen nur auf Äusserlichkeiten festgelegt werden. Ich hoffe, dass ich nicht darauf reduziert werde – vielleicht aber komme ich drauf, dass diese Rolle tatsächlich nicht mehr als das ist.
Sie haben am Reinhardt-Seminar in Wien Schauspiel studiert, Ihr Mentor war Klaus Maria Brandauer. Was ist das Wichtigste, was Sie von ihm gelernt haben?
Er hat von uns immer wieder gefordert, dass wir uns konstant fragen, weshalb ausgerechnet wir das Privileg haben, diesen Beruf auszuüben. Das Wichtigste war ihm, dass wir eine eigene Haltung entwickeln, dem Leben und dem Theater gegenüber. Man kann diese immer wieder revidieren, aber ohne eigene Haltung geht nichts. Er holt auf den schönsten Wegen alles aus einem raus, nimmt einen bei der Hand. Man fühlt sich bei ihm sehr aufgehoben – einmal in seiner Gunst, für immer in seiner Gunst. Er ist mein wichtigster Wegbegleiter.
Vom Reinhardt-Seminar wurden Sie auf den Theater-Olymp, ans Wiener Burgtheater, berufen. Dessen Direktor Klaus Bachler bezeichnete Sie als «eine der grössten Begabungen ihrer Generation». Wie geht man mit solchem Druck um?
Ich habe Schwierigkeiten mit Superlativen, aber wenn solches Lob von Leuten kommt, die man selber auch schätzt, dann ist das zuallererst eine sehr schöne Anerkennung. Den Druck hat man sowieso, den macht man sich selber, vor Premieren oder bevor ein Film rauskommt.
Sie gelten als eine Schauspielerin, die sich vorbehaltlos hingibt. Monica Bleibtreu hat Sie als eine Frau beschrieben, die sich verschwendet. Empfinden Sie das auch so?
Ich denke schon, dass unser Beruf sehr viel mit Hingabe zu tun hat. Mit Monica Bleibtreu habe ich meinen ersten Film gedreht, «Abschied» von Jan Schütte, damals haben wir uns angefreundet. Beide, Brandauer wie Bleibtreu, sind Menschen, die Gefühle in Überfülle zu verschenken vermögen oder vermochten – Monica ist ja viel zu früh von uns gegangen. Diese Grosszügigkeit habe ich von ihnen gelernt.
Jetzt kann man Sie als Gitti in Maren Ades «Alle Anderen» auf der Leinwand sehen. Ist Ihnen die Figur dieser jungen Frau auf der Suche nach Liebe besonders nahe, näher als etwa der Narr in Luc Bondys «King Lear»?
Nein. Man findet zwischen mir und meinen Figuren stets sowohl Parallelen wie Unterschiede. Vom Narr zum Beispiel ist mir die kindliche Art nahe. Maren Ade erzählt in ihrem Film von einer fragilen Liebe. Natürlich betrifft mich das auch als Privatperson, aber das war nicht ausschlaggebend, warum ich diese Rolle angenommen habe. Es ging nicht darum, dass ich mich darin wiederfinde oder reflektiere. Mich haben die Figur, das Thema und die Begegnung mit Maren Ade besonders interessiert.
Gitti will Klarheit, ihr Freund Chris entzieht sich ihr immer wieder. Mehrmals möchte man Gitti zurufen, sie solle diesen Zauderer doch verlassen. Weshalb bleibt sie fast bis zur Selbstaufgabe bei ihm?
Weil sie ihn liebt.
Aber Liebe darf doch nicht zur Selbstaufgabe führen.
Das merkt sie dann ja auch. Wir müssen oft zuerst einmal Irrwege einschlagen, um den richtigen Weg zu erkennen.
Ist dieses Hin und Her zwischen Gitti und Chris typisch für Ihre Generation?
Zuerst einmal beschreibt der Film etwas Universelles. Typisch für unsere Generation ist aber, dass wir grosse Schwierigkeiten haben, uns einzulassen.
Fehlt es dazu heute an Mut?
Die Angst ist ein starker Motor. Die Angst, sich einzulassen, die Angst davor, man könnte etwas verpassen, es könnte unbequem werden. Beziehungen sind nicht immer bequem, sie erfordern Arbeit, und das empfinde ich nicht als negativ.
Kennen Sie diese Ängste auch?
Sicher. Aber ich weiss auch, dass kein Weg darum herumführt, endlich mal Ja zu sagen. Man sollte sich lieber einmal entscheiden, statt immer zu zaudern. Als ich es geschafft habe, mich einzulassen, merkte ich, dass dies ein Geschenk ist. Es stellt sich eine grosse Ruhe und Sicherheit ein.
Haben Sie eigene Erfahrungen in die Figur der Gitti eingebracht?
Nein. Maren hat die Gitti ja auch nicht auf mich hin geschrieben. Natürlich greift man bei der Arbeit an einer Figur auf die eigene Fantasiewelt zurück, und in dem Sinne stimmt es, dass ich dabei aus meinem Privaten schöpfe. Aber da geht es um meine Vorstellungskraft und Erlebnisfähigkeit und nicht um Biografisches.
Gitti sucht die Erfüllung in der Liebe, Chris im Beruf: Entspricht das nicht zu sehr dem Geschlechter-Klischee?
Beide suchen nach einer Veränderung. Bei ihm konzentriert sich vieles auf den Beruf einfach deshalb, weil er in einer beruflichen Krise steckt. Mittlerweile versuchen nicht nur Frauen, sondern auch Männer, Liebe, Familie und Beruf unter einen Hut zu kriegen und sich von den Rollen zu lösen, wie sie unsere Eltern uns vorgelebt haben. Noch aber zeichnet sich dieses Neue erst in Umrissen ab, noch hängen wir ein bisschen in der Luft.
Was bedeutet für Sie Erfüllung in der Theater- und Filmarbeit?
Zusammenarbeit. Respekt. Dass man es mit Menschen zu tun hat, die einander ernst nehmen, dass man sich in gegenseitiger Hingabe findet.
Sie haben schon mehrere Preise erhalten, zuletzt den Silbernen Bären für «Alle Anderen». Wie wichtig ist Ihnen diese Auszeichnung?
Ich bin schon stolz darauf. Man kommt an diesen Bären ja nicht so schnell heran. Man muss zuerst einen Film haben, dann muss der in den Wettbewerb eingeladen und dann auch noch prämiert werden. Ich hatte danach eine herrliche Woche von Gelassenheit und Ruhe.
Ihr Markenzeichen ist Ihre Stimme. Stimmt es, dass diese nicht immer so rau und verraucht war?
Das stimmt. Ich habe früher mal für zwei Jahre Operngesang gemacht und hatte einen ganz hellen Sopran. Da sieht man, was Zigaretten mit einem anstellen.
In Ihrem Fall ist das nur zu Ihrem Vorteil.
Stimmt. Trotzdem hören Sie von mir kein Lob aufs Rauchen. Das Rauchen empfinde ich nach wie vor als Laster, das ich loswerden möchte.
Sie brauchen Ihre Stimme neuerdings auch als Sängerin, im Duett mit Campino . Das Liebeslied «Auflösen» erinnert stark an ein anderes Duett, an «Stella Maris» von Meret Becker mit Blixa Bargeld.
Das ist ebenfalls ein fantastischer Song. Campino und ich standen zusammen in Berlin bei der «Dreigroschenoper» auf der Bühne. Er sagte mir, dass er gerne einmal ein Duett aufnehme würde, dass ihm meine Stimme gefalle und dass wir das doch probieren sollten. Ich bin ihm wahnsinnig dankbar, dass dieses Lied draus geworden ist. Ich finde es extrem schön, auch von der Textaussage her.
Der Titel «Auflösen» passt perfekt zu Ihrer verschwenderischen Hingabe ans Schauspiel und ans Leben.
Das kann man so sehen. Aber ich mag es immer gern, wenn Sätze und Wörter ambivalenter sind, als sie scheinen.
Sie sind mehrmals mit Campino aufgetreten, in der Wiener Stadthalle, bei der Verleihung des Echo-Preises in Berlin, bei «Beckmann» im Fernsehen. Es wird viel über Ihre Beziehung zu Campino gerätselt. Wie stehts darum?
Dazu äussere ich mich nicht. Natürlich freut es mich, dass die Leute derart an mir interessiert sind, dass sie auch in meinem Privatleben rumstöbern möchten. Aber Sie müssen verstehen, dass ich das nicht zulasse. (Der Bund)
Erstellt: 08.07.2009, 17:14 Uhr
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