Süsser Wahnsinn Jugend
Von Simone Meier. Aktualisiert am 25.11.2009 3 Kommentare
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Als Teenager fand ich die Sonne blöd. Lieber las ich im verdunkelten Zimmer Romane, in denen mindestens die Hälfte eines Liebespaares starb. Ich starrte den Mond an, wenn er denn einmal da war, und ging gerne allein im Wald spazieren. Verschwitzte Küsse in elterlichen Partykellern zwischen an-gerissenen Chipspackungen und mit Ketch-up verschmierten Plastiktellern entsprachen damals nicht meiner Vorstellung von romantischer Liebe, und dass die Erfüllung von Sehnsucht gerade in ihrem Unerfülltsein lag, jedenfalls literarisch, das leuchtete mir völlig ein. Wäre «Twilight», der erste Teil, damals im Kino gelaufen, es wäre mein Film gewesen.
Jeder Kuss ein Vorbote des Verbotenen
Aus meiner Teenagerperspektive hätte alles gestimmt: das Unheil hinter der ländlichen Fassade, das Mädchen Bella allein im vermoosten Wald oder auch zu zweit mit dem glitzernden Vampir Edward auf einer Blumenwiese, die Liebe, die weder sein kann noch darf, aber halt einfach ist – wie heisst es in einem Song von Nena? «Liebe wird nicht – Liebe ist»! –, der Nebel, der Regen, das langsame, quälende Sichverzehren, das Verlangen, lebensgefährlich wie der Sprung in einen Vulkan, jeder Kuss ein Vorbote des Verbotenen. Und all dies gespielt von diesen unfassbar schönen Kindern (Robert Pattinson und Kristen Stewart), die eigentlich nichts anderes tun müssen, als einander traurig verlangend mit Blicken zu verschlingen. Ein Traum von einem Teenagerfilm.
Übersehen hätte ich damals die prekäre Konstruktion dieser Welt, die elitären Bildungsvampire mit viel Geld in der Bauhaus-Villa im Wald, die weissen Kinder in der properen Highschool, die Indianer als nette Proleten im Reservat, das alles übertünchende Hochhalten der Keuschheit, mit dem die Mormonin Stephenie Meyer in der Romanvorlage ihre Figuren verbrämt hat und das Melissa Rosenberg – nicht nur in den «Twilight»-Filmen eine Drehbuchautorin des biederen und banalen Grauens – getreulich adaptiert hat.
«Trink mein Blut!»
All das wäre mir als Teenager egal gewesen, und ich hätte mit den über 100 Millionen anderen Teenager, die den Film gesehen haben, gekreischt, gelitten, genossen und vielleicht sogar ganz leise für mich geflüstert, was andere Mädchen Robert Pattinson bei den Autogrammstunden laut entgegenschreien, nämlich: «Trink mein Blut!» Teenager dürfen das. Wie sagte doch F. Scott Fitzgerald? «Jedermanns Jugend ist ein Traum, eine Art von chemischem Wahnsinn.» Ja, genau.
Und jetzt ist also «New Moon» (Regie Chris Weitz) da, Teil 2 der dreiteiligen «Twilight Saga»; die Fans werden sich wieder nicht fassen können, und an der Premiere letzte Woche in Los Angeles führte sich die halbe Hollywoodprominenz wie hormonell gestörte Teenager auf. Und natürlich wurde über nichts anderes geredet als darüber, ob Stewart (19) und Pattinson (23) jetzt auch im richtigen Leben ein Paar sind, also auch eines mit Sex und so, oder ob die nächtlichen Paparazzi-Bilder aus Paris, der Weltstadt der Liebe, auf denen man sie Händchen haltend sieht, nicht doch nur Zeugnisse einer besonders tiefen Freundschaft waren.
Zwischen Werwolf und Vampir
Wie man ja weiss, hat Pattinson, der verruchte Brite, während der Dreharbeiten jeden Abend Partys mit viel Alkohol gegeben und dabei Gitarre gespielt und gesungen, und alle machten mit, besonders Stewart. Die beiden hätten auf jeden Fall von Anfang weg «komplexe, intensive Gefühle» füreinander gehegt, sagt Catherine Hardwicke, Regisseurin des ersten «Twilight»-Films; das kann alles heissen, das Management hat den beiden jedenfalls verboten, über die ganze Komplexität zu sprechen und sich irgendwie intim miteinander zu zeigen, und hat so geschickt aus dem Gerücht eine reale existierende romantische Möglichkeit gemacht, die sich in die Vermarktung dieses ganzen «Romeo und Julia»-Teenageruniversums einspannen lässt. Wie fies und berechnend die Erwachsenenwelt doch wieder ist!
Als netter Erwachsener muss man jetzt, nach einem ganz abgeklärten Besuch von «New Moon», aber einfach mal konstatieren: Was für ein absurder, sublimierter Brunz das Ganze doch ist! Die Sache mit dem hehren Verzicht geht jetzt so weit, dass Edward (17, dies allerdings seit 1901) nach einem kleinen Zwischenfall mit seiner Sippschaft – er führt ihm wieder einmal deutlich vor Augen, wie gut Jungfrauenblut doch tun würde – die totale Abstinenz wählt.
Edward, der liebeskranke Trottel
Bella (18) verfällt daraufhin einen Winter lang der Volkskrankheit Depression und schaut nur noch Zombiefilme. Weil sie nun einfach mal ein Faible für jüngere Männer hat, beschliesst sie, sich mit dem 16-jährigen indianischen Muskelprotz Jacob (Taylor Lautner) mit den seltsam gebleachten Zähnen abzulenken. Jacob wiederum kann wahnsinnig gut Töffli reparieren und wird in seiner Freizeit zum Werwolf. Weil Bella beim Töfflifahren erlickt, dass Edward ihr erscheint, sobald sie sich in Lebensgefahr begibt, tut sie dies sofort ausgiebig.
Edward, der liebeskranke Trottel, hat sich gegen jede Vernunft und Erfahrung für den Liebestod entschieden und macht sich nach Italien zu den sogenannten Volturi auf, einer hochgeheimen Sterbehilfeorganisation für Vampire mit einem sehr gemeinen Chef (Michael Sheen). Bella, das tapfere Mädchen zwischen Werwolf und Vampir, eilt flugs in einem Virgin-Flugzeug (was für ein Vorschlaghammer-Witz, aber immerhin ein Witz!) zu seiner Rettung.
Kein Biss vor der Ehe
Und so geht denn die vergleichsweise richtig plausible und einigermassen intim verfilmte Liebesqual aus dem ersten Teil jetzt im zweiten auf in einem grossen Fantasy- und Geheimlogen-Getöse. Man sieht das viele, viele Geld, das den Zwielichtern nach ihrem Monstererfolg plötzlich zur Verfügung stand, der süsse Wahnsinn Jugend wird zum allgemeinen und in diesem Fall leider auch äusserst geheimnislosen Hollywood-Wahnsinn.
Es gibt dann ganz abrupt ein Ende, wie es sich jedes naive Mädchen wünscht, und es hat ganz klar mit «kein Sex (beziehungsweise Biss) vor der Ehe» zu tun. In Teil 3 wird es zwischen Edward und Bella sicher zu noch mehr kommen als bis jetzt, und hoffentlich wird Edward, der den Namen Vampir bisher wirklich nicht verdient hat, dann auch endlich einmal kräftig zubeissen. Damit wenigstens ein bisschen Körpersaft fliesst.
Twilight: New Moon (USA 2009). 130 Minuten. Regie: Chris Weitz. Mit Kristen Stewart, Robert Pattinson, Taylor Lautner, Michael Sheen u.a. Ab heute Mittwoch in Zürich in den Kinos Abaton, ABC, Arena und Corso. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.11.2009, 06:23 Uhr
3 KOMMENTARE
Herrlich geschrieben, nun muss ich mir den Film fast anschauen gehen... ;)
ich freue mich ebenfalls auf den film, auch wenn die kritik nicht durchaus positiv ist. der erste teil hat mich dermassen gefesselt, dass ich den zweiten kaum erwarten kann. :-)
nach diesem artikel freue ich mich nun doch auf heute abend, mir diesen film anzusehen ... und werde dabei sicher des öfteren an die worte von frau meier denken ;)
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