Spektakel mit Brachialpoesie

Eine einzige Kunstform ist ihr nicht genug: Die Zirkus-Theater-Truppe Cirque de loin hat ihr Treiben zu einem Spielfilm geformt. Mit «Son of a Fool» und einem ganzen Zirkuszelt kommt sie nun nach Bern.

Ein Clown, dem das Lachen abhandengekommen ist, in melancholischem Schwarzweiss: Szene aus dem Film «Son of a Fool».

Ein Clown, dem das Lachen abhandengekommen ist, in melancholischem Schwarzweiss: Szene aus dem Film «Son of a Fool». Bild: Brigitte Fässler/zvg

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Man weiss jetzt nicht recht: Ist das nun ein Archetyp? Oder doch nur furchtbar abgelutscht? Es beginnt hier alles mit einem traurigen Clown, dem das Lachen abhandengekommen ist. Und geht weiter mit einer traurigen Seiltänzerin, die ihr Gleichgewicht verloren hat. Die zwei kommen zusammen, doch Glück ist ihnen nicht gegönnt, trotz einem gemeinsamen Sprössling.

«Son of a Fool» heisst der Film, der mit dieser Geschichte beginnt; er ist das Produkt einer Gruppe, der eine einzige Kunstform nicht genug ist. Der Cirque de loin, gegründet vom Schweizer Schauspieler und Regisseur Michael Finger, steht mit einem Bein in der freien Theaterszene, mit dem anderen im Zirkus. Darüber hinaus gibt es nun auch eine CD-Veröffentlichung und eben diesen Spielfilm, der das Treiben der Truppe halbdokumentarisch festhält.

Während später die Farben schillern, ist die Vorgeschichte mit dem tragischen Clown in brachialpoetischem Schwarzweiss gefilmt; einzelne Farbtupfer und neblige Landschaften vervollständigen die Kalenderbild-Optik.

Vor dem Kitsch hat der Cirque de loin allerdings noch nie besondere Scheu gezeigt, in der Regel hat man es in den Bühnenproduktionen sogar gerne noch deftiger. Diese Woche nun stellt die Truppe ihr Zirkuszelt auf der Warmbächlibrache auf (siehe Kasten); in Bern gab es zuvor schon mehrere Gastspiele, zuletzt 2016 im Schlachthaus-Theater mit «Mendrisch» und vorher, 2013, im Stadttheater mit «The Fool and the Princesses». Proben und Tournee zu dieser Produktion sind der Stoff für «Son of a Fool».

Der Gefühlshahn ist weit offen

Michael Finger gibt darin den Sohn des anfangs beschriebenen Clowns, der sich als Regisseur einer Zirkus-Theater-Truppe mit Formalitäten, Gelddingen, Gefühlskarambolagen und künstlerischen Zweifeln herumschlagen muss. Irgendwo im Süden hat das Ensemble seine Zelte für die Proben zu «The Fool and the Princesses» aufgeschlagen, und es wird gespielt, geflirtet und gestritten. Vor den Wohnwagen baumelt die Wäsche romantisch, drinnen geht es oft weniger romantisch zu, wenn sich ein langjähriges Paar auf den Wecker geht oder ein frisches über die Definition seiner Beziehung uneins ist. Beim Sex geben sich die Protagonisten ebenso artistisch wie auf der Bühne, dafür lappen die Konflikte aus dem Stück ins Private hinein. Doch das möchte Regisseur Finger eben gerade von seinen Schauspielern und Artisten: dass sie ihr eigenes Leben mit der Kunst verschmelzen lassen.

Ein Kuddelmuddel von Bühnenfiguren und realen Egos ergibt das also, aber was nun echt ist und was fiktiv, spielt keine Rolle – Hauptsache, der Gefühlshahn ist immer ganz weit offen. Die hippieske Clique zelebriert das Leben als permanenten Hochseilakt, und während dieser Energieüberschuss auf der Bühne oder im Zirkuszelt begeistern mag, wird er im Filmformat irgendwann einmal etwas zu viel.

Aber immerhin: Was die Produktion von dramatischem Bildmaterial angeht, ist der Cirque de loin ganz im Element. Gerne posieren die Artisten in ihren Glitzerkostümen vor der auf- oder untergehenden Sonne oder auf pittoresken Mittelmeerinseln. Das ist spektakulär – und sehenswert. Wenn nicht gerade ein betrübter Clown im Nebel ins Bild kommt. (Der Bund)

Erstellt: 09.07.2017, 20:16 Uhr

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