Kultur

Showdown der Trickfilmhelden vor der Toilettentür

Von Walter Niederberger, Emeryville. Aktualisiert am 30.07.2010

Alle zehn Filme von Pixar haben viel Freude gemacht – und viel Geld. Das wird sich auch mit «Toy Story 3» nicht ändern. Ein Besuch im schicksten Trickfilmstudio der Welt.

Die Helden von «Toy Story» – ausnahmsweise aus Legosteinen gebastelt: Buzz Lightyear und Cowboy Woody.

Die Helden von «Toy Story» – ausnahmsweise aus Legosteinen gebastelt: Buzz Lightyear und Cowboy Woody.
Bild: Pixar

«Toy Story 3»

Der Junge Andy geht aufs College, seine Spielzeugfigürchen werden ausgemistet. Cowboy Woody, Astronaut Buzz Lightyear und die anderen Toys landen im Kinderhort, wo ein Teddybär mit eiserner Faust regiert. Und so planen Woody und seine Freunde in diesem erklärtermassen letzten Teil von «Toy Story» den Ausbruch. Dies ist der beste Ausbruchsfilm seit «The Great Escape» (1963) – und einer der besten Animationsfilme überhaupt. Die neuen Figuren Barbie und Ken sind reizende Farbtupfer; für Aufsehen sorgen aber vor allem die dunklen Momente. Die Sequenz in einer Müllverbrennungsanlage ist so dramatisch und herzzerreissend, dass einem das Popcorn im Hals stecken bleibt. (ase)

Der Film

Toy Story 3 (USA 2010). 103 Minuten. Regie: Lee Unkrich. Mit den Stimmen von Tom Hanks, Tim Allen, Joan Cusack, Michael Keaton u.a.

In Zürich in den Kinos Abaton, Arena, Corso und Metropol.

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Es ist dieses wunderbare Licht, dieses milde, mediterrane Licht, das einen sofort umgibt, wenn man von der Bay Bridge abbiegt und nach Emeryville rollt. In San Francisco sitzt noch der Nebel, hier drüben aber ist das ganze Jahr über Spätfrühling und Frühherbst in einem. Vorbei an einer Novartis-Produktionsanlage, an Lagerhallen und leeren Werkstätten kommt man zu den Studios, in denen seit 15 Jahren einige der besten, bahnbrechenden Animationsfilme produziert werden, etwa «Finding Nemo», «Monsters, Inc» oder «Wall-E».

Das Erfolgsrezept von Pixar ist zunächst dieser Standort: In bequemer Fahrdistanz zu führenden Hightechfirmen wie Apple, Google, Yahoo und Electronic Arts zwar, aber doch nicht im etwas selbstverliebten Silicon Valley gelegen, sondern gerade neben der alten Industriestadt Oakland. Sauberes Handwerk hat hier Tradition und ist ebenso wichtig wie die technische Raffinesse. Das auch ist es, was Pixar antreibt. Und eben das Licht.

Der Filmemacher als Fan

Licht und Schatten sind in den Pixar-Streifen perfekt abgemischt, und wer genau hinschaut, entdeckt erstaunlich präzise Lichtspiele. Nicht zuletzt: Pixar ist an der Bucht von San Francisco zu Hause, nicht in Hollywood. Hier sind viele der bedeutendsten amerikanischen Filme der letzten 40 Jahre entstanden. Francis Ford Coppola, Martin Scorsese, Steven Spielberg und George Lucas haben hier, abseits der Studiomoloche, ihre grössten Werke produziert. «Bei Pixar sind wir alle Filmfans. Es ist die Liebe für die Meisterwerke der grossen amerikanischen und europäischen Regisseure, die uns verbindet», sagt Jason Katz, einer der Story-Supervisors des Studios, der auch die Oberaufsicht über «Toy Story 3» ausübte.

Ein Animationsfilm ist ein seltsames Gebilde. Er entsteht in den Köpfen von Dutzenden von kreativen Leuten, die alle von ihren eigenen Ideen überzeugt sind und sie durchzusetzen hoffen. Zugleich aber muss der Film als Ganzes stimmen und setzt deshalb eine lange, oft auch hitzige Phase der Angleichung voraus. Für die Gründer Ed Catmull und John Lasseter gibt es einen unverrückbaren Grundsatz bei Pixar: Die Gruppe kommt vor dem Einzelnen, und der Wille zur Zusammenarbeit ist wichtiger als das individuelle Talent: «Wir haben eine grosse Toleranz für exzentrische Leute», so Catmull. «Doch von talentierten, aber sozial dysfunktionalen Leuten trennen wir uns.»

Das Feedback ist brutal

Der Beginn von «Toy Story» verdeutlicht diesen Anpassungsprozess. Der erste Entwurf sah einen Auftritt von Cowboy Woody in einem Wildwestkaff vor, wo er sich in einem Showdown bewähren sollte. Die Anleihe bei den Spaghetti-Western wurde aber in der ersten Sichtung des Rohfilms als zu langweilig verrissen. Es folgten mehrere Runden mit neuen Entwürfen, erneuten Sichtungen und frustrierten Zeichnern, bis die Eröffnungsszene feststand.

«Es kommt vor, dass wir uns stundenlang über einer einzelnen Szene die Köpfe zerbrechen und heftig diskutieren», sagt Katz. «Wir sind unsere schärfsten Kritiker.» Es kann auch vorkommen, dass die Zeichner zurück an den Computer müssen, um den unstimmigen Schattenwurf eines Konfettis zu korrigieren. «Das Feedback kann brutal sein», so Catmull, «aber nur so können wir unseren Anspruch einlösen.» Es erstaunt nicht, dass Pixar insgesamt rund vier Jahre benötigt, um einen Film fertigzustellen. Und trotz raffiniertester Technologie: Noch heute müssen für jeden Film Tausende von Skizzen, Zeichnungen und oft grossartigen Gemälden angefertigt werden. Für «Toy Story 3» waren es über 300'000 Zeichnungen.

Das Kindlich-Kreative bewahrt

Der Druck, einen stimmigen, glaubwürdigen Film zu produzieren, ist in Emeryville mit Händen zu greifen. Die Designer und Zeichner arbeiten in winzigen Studios. Um ihre Isolation abzuwenden, griff Steve Jobs zu einem Trick: Die Toiletten liegen in der Mitte der Gebäude, sodass der Gang aufs Örtchen sozusagen zum sozialen Akt wird. Apple-Chef Jobs ist bei Pixar aber nicht nur Toilettengestalter. Er hatte Pixar 1986 von George Lucas übernommen und 2006 an Disney weiterverkauft. Er sicherte sich aber eine markante Beteiligung und die künstlerische Mitsprache. Jobs setzt sich regelmässig in die internen Vorführungen der Rohfassungen und trägt seine Bedenken vor.

Ähnlich wie Apple und Google hat sich Pixar etwas Kindlich-Kreatives bewahrt. Die Studios sind vollgestellt mit übergrossen Cartoonfiguren, Spielzeugen, Postern. An der Bar gibts neben Kaffee und Fruchtsäften gratis auch acht Müeslimischungen. Bald wird für die Mitarbeiter eine neue Turnhalle eröffnet und das Schwimmbad gefüllt. Dazu kommen Fussball- und Volleyballfelder. Das entschädigt wenigstens zum Teil dafür, dass Pixar gemäss Katz keine extravaganten Löhne und Boni zahlt.

Pixar ist nicht Disney

Pixar will eine klare Distanz zwischen sich und das Mutterhaus legen. «Wir tun immer genau das Gegenteil von dem, was Disney tun würde», so Katz. Disney-Filme haben einen Bösewicht, die von Pixar nicht. Disney setzt auf einen Hauptcharakter, Pixar auf die Gruppe. Disney will einen Titelsong, Pixar auf gar keinen Fall. Disney macht Musicals, Pixar nicht. Aber die Beziehung gilt dennoch als harmonisch, als geprägt von gegenseitigem Respekt. Katz: «Disney weiss, dass wir nur funktionieren, wenn sie uns in Ruhe lassen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.07.2010, 20:14 Uhr

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