Sherlock Holmes mit Sixpack und auf Drogen
Von Simone Meier. Aktualisiert am 28.01.2010 1 Kommentar
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Von Bäuchen, Pubs und Parasiten
Dass historische Kostüme im Film rein gar nichts mit Bequemlichkeit zu tun haben, das weiss auch die schöne Rachel McAdams, die in «Sherlock Holmes» eine ehemalige Gefährtin des Detektivs spielt. Sie versuchte nämlich während der Dreharbeiten, die Kostümdamen auszutricksen, indem sie sich zum Frühstück einen Extrabauch zusammenfrass. Sie hoffte, dass ihr Korsett so im Lauf des Morgens mit wieder abnehmendem Umfang ein bisschen lockerer zu sitzen käme, wurde jedoch erwischt. Robert Downey Jr. wiederum verdankte seinen gänzlich verschwundenen Bauch einem Parasiten, den er sich bei einer Promo-Tour in Japan eingefangen hatte und den er so lange bei sich behielt, bis er sich dünn genug fand. Der offenbar dünnhäutige Jude Law hatte sowieso noch nie einen Bauch, dafür Probleme bei den Dreharbeiten mit seinen gestärkten historischen Hemdkragen, an denen er sich immer den Hals wund scheuerte. Guy Ritchie versetzte dreist seinen Londoner Pub The Punch Bowl in die Vergangenheit und lässt ihn kurz als Product Placement in eigener Sache in einer historischen Strasse aufblitzen. Und definitiv filmhistorisch ist die Wohnung von Sherlock Holmes: Sie gehörte schon Sirius Black in «Harry Potter and the Order of the Phoenix». (sme)
Es muss ein Schlag in Madonnas Gesicht sein: Kaum hat sie sich von Guy Ritchie getrennt, hat der Mann Erfolg! Und wie! Vergessen die Jahre, als ein ehemals hochbegabter britischer Jungregisseur («Lock, Stock & Two Smoking Barrels» oder «Snatch» mit Brad Pitt und Benicio del Toro) mit seiner zeigesüchtigen Gattin den verquälten Strandfilm «Swept Away» drehen musste, den niemand sehen wollte, und mit «Revolver» einen derart verquasten Gangsterfilm ablieferte, dass er erst zwei Jahre nach Fertigstellung in ein paar Kinos kam und in den meisten Ländern sowieso nur als DVD erschien. Guy Ritchie tat sich in diesen Jahren eher mit seinem Londoner Pub hervor.
Und jetzt ist also alles bestens, die Amerikaner stürmen «Sherlock Holmes», bereits ist eine Fortsetzung im Tun, und vor zehn Tagen erhielt Robert Downey Jr., der Holmes im Film, einen Golden Globe als bester Hauptdarsteller. Auch Downey ist so ein Stehaufjunge; 2002 wurde er wegen schwerer Drogenprobleme aus der Serie «Ally McBeal» geschmissen, seither hat er sich wieder hochgekämpft, mit sehr lustigen («Tropic Thunder») und sehr ernsten Rollen (er ist der ganzkörperbehaarte Geliebte von Nicole Kidman in «Fur», dem Film über die Fotografin Diane Arbus). Jetzt, als Sherlock Holmes, ist er ganz auf der Höhe als schlauer, schneller, unendlich erfindungsreicher viktorianischer Superheld, der 1891 das Londoner Parlament und den Rest der Welt vor nichts Geringerem als der ersten funkgesteuerten chemischen Massenvernichtungswaffe rettet.
Der Schlaue und der Schöne
Es ist dies nun kein von Sir Arthur Conan Doyle verbürgtes, sondern ein gänzlich neues Holmes-Abenteuer, das drei Drehbuchautoren für Guy Ritchie erfunden haben, und ihr Holmes entspricht auch so gar nicht der mittlerweile klassischen TV- und Kinofigur des distinguierten Detektivs mit kariertem Cape, Dächlikappe und Pfeife. Downey spielt einen Anarcho-Ermittler, einen völlig vergammelten, sehr den Drogen und dem Dreck zugeneigten Junggesellen, der in seinem Zimmer in einer WG mit Dr. Watson Schiessübungen veranstaltet, Fliegen dressiert und sich nachts in einem unterirdischen Fight Club mit proletarischen Hünen prügelt. Er hat die Gabe, blitzschnell im Geist jede Bedrohung analytisch zu sezieren und zu seinen Gunsten vorwegzunehmen (wir sehen diese Geistesblitze jeweils in herrlich detailverliebter Zeitlupe). Und wenn er einmal gar nicht mehr weiterkommt, kommt der treue Dr. Watson (Jude Law). Der ist zwar nicht so schlau wie Holmes, aber als Kriegsveteran mindestens genauso stark und erst noch schöner.
Gemeinsam heben sie eine ritualmordende Geheimloge unter der Führung des schlimmen Lord Blackwood (Mark Strong) aus, versenken ein riesiges Schiff in der Themse oder retten Holmes' Ex-Geliebte Irene (Rachel McAdams) vor dem Tod durch eine Schweinesäge in einer Schlachterei. Gemeinsam ist ihnen auch ein grosses Problem, nämlich das Ende ihrer Herrenkommune, weil Watson endlich seine geliebte Mary (Kelly Reilly) heiraten will. Und so lieben und nerven sich denn der sarkastische Punk-Detektiv und der verlässliche Aristo-Doktor immerfort, was auf dialogischer und lebensweltlicher Ebene stets zu amüsanten Resultaten führt.
Über alledem geht unendlich viel prächtiges historisches Material zu Bruch (designt von Sarah Greenwood, die etwa «Atonement» eingerichtet hat), und ganz London ist ein melodramatisch dunkel dräuender Moloch voller Tod und Verwesung – und voller Baustellen. Die Tower Bridge etwa, auf der das tollkühne Finale spielt, ist erst ein monströses Gerippe. So wie auch London zwischen Morast und Moderne pendelt, so liegt auch der grosse Reiz von «Sherlock Holmes» darin, die Urzeit des Ermittlertums, als das wichtigste Werkzeug einzig der gesunde Menschenverstand war, in aufwendig produziertes Action-Kino zu verwandeln. Man sieht Regie und Kamera an, dass die ausführenden Jungs jetzt endlich mal so richtig die Hightech-Sau durchs Dorf jagen wollten. Die Probleme ihrer Helden bleiben dabei von ganz bodenständiger Machart, historisch korrekt eben, und der Clash zwischen antikem Inhalt und avancierter Verpackung zeitigt ganz wundervollen Unterhaltungsbombast.
Musikalischer Pomp
Kommt dazu, dass Hans Zimmer («Pirates of the Caribbean») den mitreissenden musikalischen Pomp liefert, die schönen Kostüme stammen von Jenny Beavan, die auch Ang Lees «Sense and Sensibility» oder «A Room with a View» verkleidet hat. Und dass Kameramann Philippe Rousselot schon «La Reine Margot» und «Interview with the Vampire», aber auch «Charlie and the Chocolate Factory» filmte, prädestiniert ihn geradezu für dieses Period Piece mit psychedelischem Einschlag.
Man hat diesen «Sherlock Holmes», ganz ehrlich, sofort nach Verlassen des Kinos wieder vergessen, es ist weiss Gott kein Meisterwerk der Nachhaltigkeit. Aber so lang er dauert, ist er dem Auge eine Freude und dem Zwerchfell auch und überhaupt ein kugelrunder Kosmos des Vergnügens.
Sherlock Holmes (USA 2009). 128 Minuten. Regie: Guy Ritchie. Mit Robert Downey Jr., Jude Law u. a.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 28.01.2010, 11:28 Uhr
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