Seine Unterhose ging um die halbe Welt

Das Porträt des US-Politikers Anthony Weiner ist das Highlight im Dokumentarfilmwettbewerb des Zurich Film Festival.

Video: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Politik ist, wenn ein Mann ins Leere schreit. Man sieht ihn fuchteln, ausrufen an seinem Pültchen und hört immer nur einen Teil der Debatte, eine Seite der Story: die laute. Anthony Weiner sitzt allein im Fernsehstudio, Liveschaltung von New York nach Washington D. C. Der Moderator der Politsendung fragt ihn über den Knopf im Ohr: «What's wrong with you?» Und Anthony Weiner, von Gott und allen Geistern verlassen, schlägt zurück gegen den unsichtbaren Gegner, bellt in die Kamera, ins einzige Auge im ganzen Raum. Er äussert Drohungen, steigert sich immer weiter hinein, bis er die Fassung verliert. Eine Farce, ein Desaster. Schon wieder.

«Weiner», das Filmporträt von Anthony Weiner, das im Dokumentarfilmwettbewerb des Zurich Film Festival zu sehen war, zeigt die Katastrophe im Loop. Der Fall eines Mächtigen in zwei Akten. Der erste Akt ist der Prolog: Weiner, kämpferischer Kongressabgeordneter für die Demokraten in New York, verschickt aus Versehen ein «dick pick» via Twitter an die halbe Welt. Es folgen Hysterie, Häme und Witze über seinen Namen – «wiener» ist Umgangssprache für «Penis». Der Politiker streitet ab, gibt dann zu, tritt zurück. Eine Karriere, die es nicht über die Wölbung in einer Unterhose schaffte.

Zweiter Akt: Das Comeback. Weiner kandidiert für die Bürgermeisterwahl 2013 in New York. Um ihn herum ein junges Kampagnenteam. Der Film von Josh Kriegman und Elyse Steinberg begleitet ihn jetzt im Wahlkampf. Weiner ist beliebt in der Stadt, ein schmächtiger Jude auf dem City Bike, der die Bewohner abklatscht und auf Tour geht mit progressiven Ideen. Ein Charismatiker mit gesunder Libido, die New Yorker sehen die Sexting-Affäre nicht so eng, trotz Medienschlacht und den nicht enden wollenden Wortspielen.

Die Ehefrau im Hintergrund

Bis ein, zwei Frauen mehr ans Licht treten, denen Weiner Sex-SMS geschickt hat – auch dann noch, als er geschworen hatte, er habe damit aufgehört. Zusehends konsterniert wimmelt nun Weiners Kommunikationsteam Interviewanfragen ab. Die Geschichte dreht von allein derart wild, dass es unmöglich wird, ihr Spin zu geben. Weiner im Wagenfond, er sagt, es sei jetzt die «Timeline» zentral, die Frage, wann er wo welches Statement abgegeben hat. Diskussion im behelfsmässig eingerichteten Wahlkampfbüro: «Verneinen wir es?» – «Nein, das ist nicht die Strategie.» Weiner wird ins Fernsehstudio gefahren: «What's wrong with you?» Er tickt aus.

Als er sich das Katastropheninterview zu Hause ansieht, steht seine Frau Huma Abedin daneben, die heutige Vizekampagnenleiterin von Hillary Clinton. Ihr Blick ist fassungslos, sie schüttelt den Kopf über diesen Buben, der den Mist, den er gebaut hat, auch noch vorzeigt. Mittlerweile hat Abedin die Trennung angekündigt, hier aber steht sie noch an seiner Seite: still leidend im Hintergrund, eine politische Top-Beraterin, die das Spiel von Medien und Geld beherrscht, aber dieses Schmutzgeschäft nur noch sprachlos verfolgt.

So nah dran, dass es schmerzt

Kriegmans und Steinbergs Porträt steigt wie kaum ein anderer Film in die innere Mechanik einer sensationalisierten Politik. Es zeigt sie als Nahkampf mit wüsten Mitteln, es gibt einen ungeschminkten Einblick in Medienarbeit und Krisenkommunikation, in die Konjunkturen einer heissen Story. Der Film ist schmissig wie überlegt montiert, und erzählt über direkte Beobachtung und Fernsehausschnitte. Und vor allem: so nah dran, dass es wehtut.

Anthony Weiner scheint ein ausserordentliches Talent zu haben, sich selber zu Fall zu bringen. Man versteht ihn nicht, man versteht ihn doch. Seine Beharrlichkeit nährt sich auch daraus, dass der Schmächtige instinktiv den Kampf gegen die Bullys aus Politik und Fernsehen aufnimmt. Er weiss um die Verlogenheit der Medien, die ihn wegen desselben moralischen Fehltritts filetieren, auf den sie sich stürzen. Er kennt die Gesetze des Skandals, der immer durcheinanderbringt, was man sich zurechtlegt. Und wenn Weiners Schwäche für Sexting-Affären mit jungen Groupies hirnlos ist, so scheint sie auch nicht viel anderes zu sein als die aufregendere Live-Version des weit verbreiteten Internetpornos. Er habe einen «blind spot» dafür, sagt Weiner, für «the thing», das er immer wieder gemacht habe.

Doch «Weiner» psychiatrisiert ihn nicht. Sondern zeigt, was man nie sieht und kaum glaubt. Warum er ihn all das habe filmen lassen, fragt Josh Kriegman am Ende. Die Antwort von Anthony Weiner ist eine Mischung aus Lächeln und Achselzucken.

Dann schaut er wieder ins Leere hinaus, dorthin, wo gar keine Kamera mehr steht. (DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.09.2016, 14:28 Uhr

Artikel zum Thema

«Clinton könnte zu einer echten Gefahr werden»

Interview DerBund.ch/Newsnet-Autor Jean-Martin Büttner traf Oliver Stone in Zürich zum Interview. Warum sich der Starregisseur Sorgen macht, dass Hillary Clinton Präsidentin wird. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Werbung

Urban und trendy?

Mal im Selbstversuch, mal beim Ortstermin. Oft mit Nachgeschmack. Immer allumfassend.

Die Welt in Bildern

Lichtermeer: Kinder rennen durch eine Licht-Installation im Zoo von Sydney (21. Mai 2017).
(Bild: Wendell Teodoro) Mehr...