Kultur

Sein, Schein und Schwein

Von Florian Keller, Solothurn. Aktualisiert am 21.01.2011 2 Kommentare

Zurück in den Kalten Krieg: Das politische Kammerspiel «Manipulation» hat gestern die 46. Solothurner Filmtage eröffnet.

Die Bundespräsidentin und der Filmtagedirektor: Ivo Kummer und  Micheline Calmy-Rey kurz vor der offiziellen Eröffnung der Solothurner Filmtage.

Die Bundespräsidentin und der Filmtagedirektor: Ivo Kummer und Micheline Calmy-Rey kurz vor der offiziellen Eröffnung der Solothurner Filmtage.

Wozu Esprit, wenn es auch ohne geht? Staatsmännisch, spröde und ohne einen Funken Ironie, so hat Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey gestern die 46. Solothurner Filmtage eröffnet. Selbst ihr Gedenken an Stephanie Glaser klang unpersönlich. Neben dem hohen Gast aus Bern wirkte sogar Ivo Kummer, seit einer gefühlten Ewigkeit Direktor der Filmtage, wie ein aufgekratzter Jungkomiker. Erfolg komme von «etwas Sein, etwas Schein und etwas Schwein», reimte Kummer in seiner Rede. Und schickte gleich den ältesten Treppenwitz des Filmgeschäfts hinterher: «Es gibt drei goldene Regeln, wie man künstlerisch und kommerziell erfolgreiche Filme produziert. Leider weiss niemand, wie diese lauten.»

Die Zukunft, sagte Kummer, sehe man oft im Rückspiegel. Ob er mit diesem Rückspiegel in die Zukunft auch den Eröffnungsfilm «Manipulation» gemeint hat? In dem Fall hätten wir finstere Tage vor uns. Der Film von Pascal Verdosci und Alex Martin führt, recht frei nach Walter Matthias Diggelmanns Roman «Das Verhör des Harry Wind», zurück in den Kalten Krieg. Und man muss schon sagen: Der bürokratische Mief, den das akkurate Setdesign im Film transportiert, bietet eine erfrischende Abwechslung zu dem ländlichen Geraniengeist, der derzeit im Schweizer Kino regiert.

TV-Thriller-Regie

Ein alter Fuchs vom Staatsschutz nimmt hier den Offizier und PR-Mann Harry Wind ins Visier, der im Verdacht steht, als Doppelagent mit den Sowjets zu paktieren. Und der Ermittler zappelt bald in einem Netz von Geschichten, die Wind ihm auftischt. Es sind zwei Stars aus dem benachbarten Ausland, die in den farblosen Büros der Bundespolizei zum rhetorischen Showdown antreten: Klaus Maria Brandauer gibt den Kommunistenjäger im Rollstuhl; Sebastian Koch, das Stasi-Opfer aus «Das Leben der Anderen», spielt Harry Wind routiniert als Beau mit Pokerface. Es ist ein packendes schauspielerisches Gipfeltreffen, das lange Zeit darüber hinwegtäuscht, dass die Regie mit dem nicht gerade feinen Besteck eines durchschnittlichen TV-Thrillers operiert. Dräuende Musik und Donnergrollen behaupten da ein Klima der Paranoia, das die Bilder nicht einlösen.

Dabei hätte der Plot das Zeug für einen Schlüsselfilm zur politischen Geschichte der Schweiz. «Manipulation» ist ein Kammerspiel über die Ingenieure der Angst, die eine feindliche Unterwanderung beschwören, um politisches Kapital daraus zu schlagen. So nimmt der Film zwar den Umweg in eine muffige Vergangenheit, denkt aber immer auch die Gegenwart mit. Bloss: Die Lektion über die Macht der Fiktion wird einem hier so kräftig aufs Auge gedrückt, bis es auch die ganz Begriffsstutzigen kapiert haben. Der Film ist nicht auf Augenhöhe mit seinem schillernden Zentrum: Es fehlen ihm die Raffinesse und die Durchtriebenheit, wie sie Harry Wind verkörpert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.01.2011, 21:06 Uhr

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2 Kommentare

gabriela merlini

21.01.2011, 04:47 Uhr
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@Florian Keller: warum haben Sie es nötig der Bundespräsidentin und Ivo Kummer Ihren Duftstoff aufzuzwingen? Was hindert Sie daran, sorgfältiger und differenzierter auf den Film einzugehen? Waren Sie derart unter Druck? Sehr geschliffen kommt Ihr Artikel bei mir an, doch scheint er sich leuchten zu wollen. Schade. Antworten


Karin Zink

21.01.2011, 10:04 Uhr
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Spröde, unpersönlich, etc. Was erwartet man von einer MCR, die eiskalt und (egoman) berechnend politisiert? Wenn sie Kammerspielen beiwohnt, treibt sie wenigstens nichts Schlimmeres. Möge dieses Präsidialjahr so schnell wie möglich an uns vorbeihuschen.... Ich sehne mich nach den Wahlen!!! Antworten



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