Kultur

Schleusen zum Übernatürlichen

Von Florian Keller. Aktualisiert am 15.04.2011 1 Kommentar

Die Sehnsucht nach Transzendenz in einer geheimnislosen Welt: Jenseits von «Poltergeist» gehen im Kino scharenweise Tote um.

Der Geist des Toten kreist um seine Schwester, weil er sie beschützen muss: Paz de la Huerta als Linda in Gaspar Noés «Enter the Void».

Der Geist des Toten kreist um seine Schwester, weil er sie beschützen muss: Paz de la Huerta als Linda in Gaspar Noés «Enter the Void».
Bild: PD

Artikel zum Thema

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Sie melden sich nicht mit Klopfzeichen und klirrendem Geschirr wie einst in Spielbergs «Poltergeist». Sie stolpern auch nicht hungrig durch die Gegend wie die Untoten in den Filmen eines George A. Romero. Nein, sie hängen still an der Decke oder sitzen als Zottelmonster manierlich mit den Lebenden am Tisch. Das seriöse Autorenkino wird dieser Tage gleich reihenweise von verstorbenen Seelen heimgesucht. Friedfertig grüssen sie aus dem Totenreich, und die Séance will gar kein Ende nehmen.

Den Anfang machte Matt Damon. In Clint Eastwoods «Hereafter» empfing er Botschaften von drüben, aber die übersinnliche Gabe war ihm mehr Fluch als Segen, weil sie jede intime Beziehung im Diesseits verhinderte. Dann folgte Javier Bardem, der in «Biutiful» die Toten wie riesige Nachtfalter an der Decke kleben sieht. Und im fernen Thailand bittet der todkranke Bienenzüchter in «Uncle Boonmee» die Geister der Liebsten, die vor ihm verstorben sind, zum einträchtigen Tischgespräch. Ein multinationales Rührstück, ein grimmiges Sozialdrama übers Prekariat und ein verwunschenes Filmgedicht aus Südostasien: Das Jenseits raunt überall.

«I see dead people»

Es ist, als habe der globalisierte Autorenfilm jenen Satz des Jungen aus «The Sixth Sense» zum neuen erzählerischen Credo erhoben: «I see dead people.» Selbst der Schweizer Film öffnete in den letzten Jahren wiederholt die Schleusen zum Übernatürlichen: Im Dokumentarfilm «Beyond Farewell» suchte Susanna Hübscher über Antennen ins Jenseits den Kontakt zu ihrem verstorbenen Vater, in «Arme Seelen» klopfte Edwin Beeler das geografische Herz der Schweiz auf alten Geisterglauben ab. Von den unerlösten Seelen im «Sennentuntschi» ganz zu schweigen.

Was wollen sie uns sagen, diese Stimmen, die das Kino mit ihrem metaphysischen Gemurmel erfüllen? Bedienen sie die Sehnsucht nach dem Mysterium in einer durchinformierten Mediengesellschaft, wo seit Wikileaks selbst die banalsten Geheimnisse keine mehr sind? Schenken sie uns einen Rest Transzendenz in einer ernüchterten Zeit, welche die Grenzen des Bewusstseins höchstens noch zur Entspannung sucht, um danach umso effizienter den grenzenlosen Markt voranzutreiben?

Geisterhaftes Medium

Man braucht dieses Raunen aus dem Drüben nicht vorschnell in eine gesellschaftliche Diagnose zu giessen. Schliesslich waren die Grenzen zwischen Leben und Tod im Kino schon immer durchlässig. Film war von Beginn an ein geisterhaftes Medium: Als die Bilder laufen lernten, bewegten sie sich flackernd wie Phantome. Und im Rückblick sieht es so aus, als hätten die Filmpioniere mit ihrem Budenzauber bloss die technisch aufgerüstete Fortsetzung für die okkulten Séancen geliefert, die Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Blütezeit erlebten: Im Lichtspielhaus setzten sich die Schaulustigen ins Dunkel, um etwas zu sehen, was gar nicht da war. Leuchtende Erscheinungen in abgedunkelten Räumen: Das Kino war der spiritistische Zauber für die moderne Industriegesellschaft.

Das Kino lebt seit seiner Geburt in einer innigen Liaison zum Jenseits, und eines der prägendsten Traumbilder von der Schwelle zwischen Leben und Tod schuf Carl Theodor Dreyer im Film «Vampyr» (1932). Da verschlägt es einen Studenten in ein Dorf, das unter einem bösen Fluch steht. Der Reigen des Okkulten gipfelt in einer Tricksequenz, die bis heute zu den gespenstischsten Szenen der Filmgeschichte gehört. Im Schlaf schält sich die Seele des Studenten aus dem Körper, wie ein Phantom wandelt sie nun durchs Dorf. Und als der Geist des Studenten einen frisch gezimmerten Sarg öffnet, sieht er sich selbst im Sarg liegen, als Leichnam mit offenen Augen. Aus der Perspektive des Toten, der aus dem Dorf zu Grabe getragen wird, erlebt er nun seine eigene Beerdigung mit.

Die Kamera im Kopf des Junkies

Die Welt mit den Augen eines Toten sehen: Diese unmögliche Perspektive hat Gaspar Noé in «Enter the Void» zum Thema einer hypnotischen Reise durch die Nacht gemacht, die nun auf DVD erschienen ist. Noé, seit «Irréversible» bekannt als Chefprovokateur des französischen Kinos, hat sich dafür vom «Tibetischen Totenbuch» und von Kathryn Bigelows «Strange Days» inspirieren lassen. Es ist, zumindest formal gesehen, die atemberaubendste Jenseitsvision, die das Kino zu bieten hat. Hier nämlich ist es die Kamera selbst, die als unsterbliche Seele durchs nächtliche Tokio geistert. Klingt esoterisch, ist aber vor allem: ein psychedelischer Rausch.

Der Trip in die Leere beginnt mit subjektiver Kamera im Kopf eines Junkies. In seiner Haut gleiten wir durch die glühenden Sporenwelten eines Drogenrauschs, mit seinen Augen streifen wir durch die Nacht in Tokio, bis er bei einer Razzia in einer Bar von der Polizei erschossen wird – und wir mit ihm.Der Mann ist nun tot, aber die subjektive Kamera lebt weiter. Den ganzen Rest von «Enter the Void» erleben wir aus der Perspektive seiner Seele, die nun schwerelos durch die Neonschluchten der japanischen Metropole gleitet, auf der Suche nach einer Öffnung für die Reinkarnation in einem neuen Körper. Dabei kreist der Geist des Toten über seiner Schwester, weil er ihr versprochen hat, immer für sie da zu sein. Die Schwester arbeitet in einem Nachtclub, und als ihr der tote Bruder wie ein unsichtbarer Spanner beim Strippen zuschaut und beim Afterworksex buchstäblich mit unter die Haut geht, fragt man sich: Ist das schon Inzest, wenn der Bruder nur im Geist mitmacht, weil er ja tot ist?

Grandios durchkomponierter Fiebertraum

Es kommt dann noch kruder, mit kosmisch glühenden Geschlechtsteilen und einer Wiedergeburt des toten Bruders aus dem Mutterleib seiner Schwester. (Nebenbei: «Enter the Void» dürfte der erste Spielfilm sein, der einen Zeugungsakt aus der Perspektive des Muttermunds zeigt.) Man merkt: Noé ist ein Visionär, der das Kino furchtlos an die Grenzen des Darstellbaren treibt, aber seine Fantasie als Erzähler ist so beschränkt, dass sie selbst im Jenseits nur um Sex und Drogen kreist. So ist «Enter the Void» zwar ein gestalterischer Triumph und ein grandios durchkomponierter Fiebertraum von hypnotischer Kraft – aber auch ein missglücktes Melodrama, das mit seinen Ambitionen irgendwo zwischen fremdgesteuertem Videospiel und einem Bildschirmschoner hängen bleibt.Ob im neonfarbenen Vergnügungspark oder auf einer Bienenfarm in Thailand: Der Weg ins Jenseits führt das Kino stets vorwärts in die eigene Vergangenheit. Wenn das Kino heute gerne totgesagt wird, hat es vielleicht eine Zukunft bei den Geistern. Dort, wo es herkam.

«Enter the Void» (ab 18) ist bereits auf DVD erschienen. «Biutiful» läuft in Zürich im Arthouse Piccadilly, «Uncle Boonmee» im Arthouse Movie. «Hereafter» erscheint im Juni auf DVD, «Vampyr» ist auf DVD nur als Import erhältlich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.04.2011, 20:41 Uhr

1

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

1 Kommentar

Thomas Günter

15.04.2011, 10:15 Uhr
Melden

noch eine kleine Ergänzung zu Enter The Void:
Der Film entfaltet erst seine ganze Wirkung, wenn man ihn vor einer grossen Leinwand sieht.
Bitte nicht zuhause vor dem kleinen Fernseher schauen!
Und der Protagonist ist kein Junkie. Er ist Drogendealer.
Nur weil er ab und zu Drogen konsumiert, macht ihn das noch nicht zu einem Junkie.
Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre

Immobilien

Marktplatz
Wohnung/Haus suchen

Weitere Immo-Links
homegate TV
Hypotheken vergleichen
Umzug
Immobilie inserieren
Inserat erfassen
Grillsaison
homegate Besser grillieren mit unseren Experten-Tipps Mehr

In Partnerschaft mit:

Homegate

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.

DIE AGENDA

Informieren Sie sich über aktuelle Kulturveranstaltungen in der Stadt und Umgebung.

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!