Reich an gegenläufigen Melodien
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«Adoration», der neue Film von Atom Egoyan, ist aufgeladen mit Politik und Religion aus der Zeit nach 9/11. Doch der kanadische Autorenfilmer erweist sich, einmal mehr, als Virtuose des eigenen, ganz und gar nicht erwartbaren Nachhalls. Eine Unbekannte, aus grosser Entfernung gefilmt, spielt Violine auf einem Landungssteg, weit draussen am Wasser: Dieses der Zeit enthobene Bild, dieser ferne Sound – seelenverloren und dabei doch viel zu sehr strenge Etüde, um etwa in Kitschverdacht zu geraten – ist das, was bleibt von den einhundert Kinominuten. Auch wenn wir bis zum Schluss manches erfahren haben über die Musikerin, will diese Szene nicht aufgehen im Kontext. Sie bleibt ein grosses, befremdendes Rätsel. Es ist ein Kontrapunkt in einem Film, der überreich ist an gegenläufigen Melodien, fluktuierenden Meinungen, wechselnden Identitäten und manchmal auch sehr gesucht wirkenden Konstrukten.
Angestossen wurde Egoyan durch einen bereits älteren Zeitungsbericht zu einem versuchten Terroranschlag: Ein Jordanier wollte seine schwangere irische Freundin auf eine Reise nach Israel schicken und hatte in ihrem Gepäck eine Bombe versteckt; die Katastrophe konnte verhindert werden, weil der Plastiksprengstoff vor Abflug der El-Al-Maschine aufgespürt wurde.
Auffälliges Engagement
In einer Schule in Toronto nutzt die aus Libanon stammende Französischlehrerin Sabine (Arsinée Khanjian) nun genau diesen Zeitungsartikel als Übersetzungsvorlage – und einer der Schüler ist auffallend engagiert bei der Sache: Simon (Devon Bostick), dessen Eltern etliche Jahre zuvor bei einem Unfall ums Leben gekommen waren, schlüpft in die Rolle jenes Sohnes, den der jordanische Vater beim Anschlag sterben lassen wollte. Sabine schlägt vor, dass Simon die Geschichte weiter ausgestaltet und so tut, als sei sie seine eigene Wirklichkeit; beim Theaterfest der Schule wird er dann einen dramatischen Monolog aufführen.
Doch bevor es dazu kommt, macht die Erfindung sich selbstständig, kursiert in den Chatrooms des Internet, ruft heftigste Reaktionen hervor. Was für Simon als stille Suche nach sich selbst begann, donnert nun als Medienlawine auf ihn und seine Lehrerin herunter.
Irgendwann erfahren wir, dass Simons wirklicher Vater Muslim war. Und der Grossvater mütterlicherseits, ein hinterhältiger Familientyrann (Kenneth Welsh), verdammt dann ebendiesen Sami noch auf dem Sterbebett als «Mörder». Von den Beziehungen wird in Nebenhandlungen und (Traum-) Rückblenden erzählt, ein Puzzle beginnt sich einigermassen stimmig zusammenzufügen. Aber Egoyan scheint geradezu süchtig zu sein nach zusätzlichen Rätseln. Was will die orientalisch Verschleierte, die nachts durch die winterliche Vorstadt Torontos geistert und Anwohner in Gespräche über Weihnachtskrippen verwickelt? Und warum weiss Sabine so viel über den toten Sami und schleicht sich in Simons Haushalt ein?
Angestrengte Verrätselungen
Das wird ungemein geheimnisvoll stilisiert und verdankt seine schnell vorübergehende Wirkung doch lediglich einigen angestrengten, zunehmend gewollt wirkenden Verrätselungen: Eine bis ins Marottenhafte verschachtelte Erzählweise erkünstelt hier sehr viel mehr an Bedeutung, als die schlussendliche Auflösung zu beglaubigen vermag. Ist dann endlich alles ausbuchstabiert, will man nur noch einen sehr fernen Violinton hören. (Der Bund)
Erstellt: 13.08.2009, 11:03 Uhr
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