Reden mit den Aliens

«Arrival» von Denis Villeneuve ist einer der mit grosser Spannung erwarteten Filme dieses Jahres. Er handelt von einer Linguistin, die mit Ausserirdischen spricht – als Dialog in Trance.

Diese Fantasie über globale Kooperation spielt in Montana, Schiffshörner blasen den Soundtrack dazu: Szene aus «Arrival». Foto: Sony Pictures

Diese Fantasie über globale Kooperation spielt in Montana, Schiffshörner blasen den Soundtrack dazu: Szene aus «Arrival». Foto: Sony Pictures

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Kapitän Ahab suchte den weissen Wal, wir suchen den intelligenten Blockbuster. Irgendwo da draussen soll es ihn geben. Klar, es wurden in der Geschichte schon einige Filme gedreht, die nicht nur gut, sondern auch erfolgreich waren. Aber in den letzten fünfzehn Jahren wurden die Sichtungen immer seltener. Manche flüstern, sie hätten den Wal in Christopher Nolans «Inception» gesehen. Andere meinen, das sei bloss Gischt gewesen, kein Wal; wenn man genauer hingeschaut hätte, hätte man das merken müssen. Einige nennen deshalb als Beispiel «Star Trek» von J. J. Abrams oder «The Lego Movie». Aber die meisten halten weiter Ausschau, besessen von der Idee, dass es etwas geben muss, das niemanden für dumm verkauft – weil es gescheit genug ist, um zu wissen, dass die Intelligenz Vergnügen nicht ausschliesst.

In den Seelenkeller und zurück

Alle Jetons also auf das Feld Denis Villeneuve. Der Regisseur und Drehbuch­autor kommt aus Québec. Mit seinem Bürgerkriegsdrama «Incendies» (2010) und dem Selbstjustizthriller «Prisoners» (2013) hat sich der Kanadier den Ruf eingehandelt, nicht den erstbesten Erzählweg zu nehmen, tiefer hinunterzusteigen in die menschlichen Seelenkeller und an unerwarteten Stellen wieder herauszukommen, mit umso wuchtigerem Resultat. Die Warner wiesen früh auf seine Pseudoprofundität hin, auf die leeren Gesten von Tiefsinnsfinsternis, mit denen er seine Kioskkrimiplots verwischte. Der zum Morallehrstück aufgemotzte Thriller «Sicario» (2015) über Drogenjäger an der US-amerikanisch-mexikanischen Grenze schien die Kritiker zu bestätigen. Aber man liess sich nicht beirren und blieb dabei: Denis Villeneuve ist mehr als einer, der besonders effektvoll Gischt produziert.

«Arrival» ist sein erster Science-­Fiction-Film, im nächsten Jahr wird sein «Blade Runner»-Sequel folgen. Es ist jenes Genre, dem heute so einige Hits und Superheldenfilme entstammen. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass viele Leute schon aufstöhnen, wenn sie nur das Wort «Alien» hören. Davon aber gibt es einige in «Arrival», und für Villeneuve scheint das Fach massgeschneidert. Es paart spekulatives Erzählen mit einer planetarischen Perspektive, er muss sich folglich nicht mehr entschuldigen, wenn er ins existenzielle Grübeln kommt. Die Frage, was es heisst, wenn Ausserirdische bei uns landen, löst von sich aus ja schon meditative Schwermut aus. Und wer könnte sie besser beantworten als die Linguistikprofessorin Louise (Amy Adams), die Englisch, Farsi und Mandarin spricht und bald auch Alien. Louise wird von einem Militär­helikopter abgeholt, nachdem das Krisenereignis eingetreten ist und sich zwölf schwarze Raumschiffe wie riesige halbe Kaffeebohnen über den Planeten verteilt haben, wo sie einige Meter über Boden schweben. Mit einem Physiker (Jeremy Renner) wird Louise in die Kapsel im US-Bundesstaat Montana gehievt. Sie geht dann mit einer Schreibtafel auf die Aliens zu, auf der «Human» steht.

Der Trailer zum Film. Video: KinoCheck (Youtube)

Die Aliens sind bestechend: schemenhaft erscheinende Oktopuswesen, die freundlich und neugierig wirken. Louise soll klären, ob sie mit guten Absichten gelandet sind; das Militär macht Druck. Dazu muss sie herausfinden, ob die Wesen verstehen, was ein Fragesatz und was eine Intention ist – unter den Linguisten gehört Louise offensichtlich zu den Formalistinnen. Sie kann auch in kurzer Zeit Alphabet- von Bedeutungsschriften unterscheiden, wenn man ihr genug Symbole vorlegt, denn die Aliens schreiben mit etwas Tusche-Ähnlichem auf eine Nebelwand, die im Raumschiff Mensch und Nicht-Mensch voneinander trennt. Die Kontaktschranke hat die Form einer Kinoleinwand – ein «smoke screen» als berauschendes Sinnbild für die Täuschungen des digitalen Spektakelfilms. Und ein Ort des tranceartigen Dialogs, dessen Splitter immer tiefer in Louises Bewusstsein und in ihre Erinnerungen eindringen.

Die Kommunikationsmembran trennt und verbindet uns mit denen, die so fremdartig aussehen und in feindseliger Absicht die Nationen der Erde aufeinanderhetzen wollen – so sehen es bald die Chinesen. Als politisches Kino erschöpft sich «Arrival» schnell mal im esperantohaften Wunsch nach Völkerverständigung. Der Menschheitsuniversalismus, den Villeneuves Vision erträumt, wirkt umso mehr wie ein schlechter Scherz, als diese Fantasie über globale Kooperation nie den Schauplatz Montana verlässt. Und weil Louise, wie wir im Prolog erfahren, ihre Teenagertochter an eine tödliche Krankheit verloren hat, ist dies auch ein bisschen ein Film darüber, wie ein Single im besten Alter dank dem Kontakt mit Ausserirdischen zurückfindet in den Partnerschaftsmarkt.

Gescheiter Umgang mit der Zeit

Louise besorgt als Wissenschafterin das Weiche und Verständnisvolle im Gegensatz zur männlichen Aggression, die von einem Radiotalker aus der rechten Ecke aufgeheizt wird. Ihre Kontaktaufnahme wird begleitet von Jóhann Jóhannssons Drone-Soundtrack, der mehr oder weniger komplett aus Schiffshörnern besteht. Und man musste schon stutzen, als der Colonel der Professorin erklärte, ihr Zugang zu Top-Secret-Informationen sei wegen eines früheren Auftrags noch zwei Jahre gültig. Gibts da auch Abos?

Da will das Drehbuch von Eric Heisserer Zeit gewinnen, um zu Louises Offenbarungsbegegnungen vorzudringen. Und auch wenn wir nicht abstreiten, dass Linguistikstudenten auf Bachelor-Stufe «Arrival» lehrreich finden können oder vielleicht sogar alle, die bei der Sozialforschung der Spieltheorie begegnet sind – gescheit ist Villeneuves Science-Fiction-Film vor allem in der Art, wie er mit Zeit umgeht. Er lässt sie uns anders verstehen, eher als Kreis denn als Linie. Mehr dazu kann man nicht sagen, ohne das Kinoerlebnis zu verderben.

Nur so viel: TV-Serien sind allein schon dank ihrer Dauer besser darin, eine Annäherung gefühlsmässig aufzu­fächern. Der Spektakelfilm hingegen nimmt notgedrungen Abkürzungen, gerade wenn es darum geht, Metaphysisches im Intimen zu spiegeln. «Arrival» behauptet Komplexität mit Begriffen wie «nonlineare Orthografie» – Intelligenzwimpel, mit denen man den Plot behängen kann. Aber im Innersten hält der Film ein Modell echter Komplexität bereit: Wo er die lineare Erzählung auflöst, legt er verschiedene Zeitphasen übereinander – und befreit die Vielschichtigkeit davon, sich in der Dauer einer Serienstaffel entwickeln zu müssen. Ein Vorschlag, um wieder Vertracktheiten zu entdecken – und um sagen zu können: Schau, ein weisser Wal.

In den Kinos ab nächstem Donnerstag. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.12.2016, 17:17 Uhr

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