Kultur

«One Day»: K. o. in 100 Film-Minuten

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 03.11.2011 6 Kommentare

Es hätte die Literaturverfilmung des Jahres werden sollen: «One Day», basierend auf dem grossartigen Liebesroman von David Nicholls. Herausgekommen ist eine grosse Enttäuschung.

1/8 Am 15. Juli 1988 landen Mauerblümchen Emma und Charmeur Dexter im selben Bett und sind von da an Freunde.
Bild:

   

Trailer von «One Day»

David Nicholls: Zwei an einem Tag. Roman. Aus dem Englischen von Simone Jakob. Kein & Aber, Zürich 2009. 544 S., ca. 35 Fr.

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Es gibt Romane, die so gut sind, dass man es kaum erwarten kann, bis sie endlich auf der Leinwand lebendig werden. Aufkeimende Bedenken, dass die Verfilmung den ganzen Zauber des Buchs zunichte machen könnte, wischen wir schnell weg, weil wir mehr wollen und uns eine Dimension erhoffen, die unsere Fantasie noch übertrifft. Immerhin sind in den vergangenen Jahren einige teils knifflige Buchverfilmungen gelungen: «Lord of The Rings», «Atonement» oder «Harry Potter» zum Beispiel. Weshalb also nicht auch «One Day»?

20-mal derselbe Tag

Es war eine kleine Sensation, die der britische Autor David Nicholls 2009 veröffentlichte: ein erfrischender Liebesroman, weder dröge noch kitschig. «One Day» schnellte rasch an die Spitze der internationalen Bestsellerlisten; im Mai dieses Jahres auch im deutschsprachigen Raum, wo sich «Zwei an einem Tag», wie der Roman auf Deutsch heisst, seither immer mindestens in den Top 6 halten konnte. Der Plot ist kreativ, die Dialoge sind witzig: Eine Studentin, Typ streberhaftes Mauerblümchen, landet am College-Abschlussabend mit dem begehrten Schönling der Schule im Bett – wie so viele vor ihr. Es ist der 15. Juli 1988 in Edinburgh, es regnet, der Sex bleibt im letzten Moment aus, eine Freundschaft beginnt.

Der Clou: In den kommenden 20 Jahren zoomt die Geschichte jeweils am 15. Juli in das Leben der beiden so unterschiedlichen Charaktere. Die sarkastische Emma hat grosse Ambitionen, immer das Ziel vor Augen, Schriftstellerin zu werden, endet dann aber beinahe als Kellnerin in einem mexikanischen Restaurant. Dexter kostet sein Leben in vollen Zügen aus mitsamt Frauen, Drogen, Alkohol. Ohne zu wissen, was er mit seinem Leben anfangen soll, schlittert der Sohn aus gutem Haus in eine anfangs steile Karriere als TV-Moderator und stürzt dann immer mehr ab. Der Kontakt zwischen Emma und Dexter bleibt über all die Jahre bestehen.

Vielversprechende Regisseurin

Endlich, endlich wieder einmal ein kreativer Liebesfilm. Die Ankündigung, dass «One Day» verfilmt wird, schürte die Erwartungen. Gross war die Erleichterung, als bekannt wurde, dass die dänische Regisseurin Lone Scherfig («An Education», «Italian for Beginners») sich des Drehbuchs annehmen würde, das von David Nicholls persönlich geschrieben wurde. Ideale Voraussetzungen also. Bloss bei der Besetzung der Hauptrolle durch Anne Hathaway, ausgerechnet einer Amerikanerin in der Rolle der Britin Emma, rümpften viele die Nase. Dabei hätte die Regisseurin etwa mit Carey Mulligan aus «An Education» eine mindestens ebenbürtige, wenn nicht bessere britische Variante gehabt.

Nächste Woche ist es so weit, der Film startet in den Deutschschweizer Kinos. DerBund.ch/Newsnet hat ihn bereits gesehen. Nach knapp 100 Filmminuten springt der Film – genau wie das Buch – wieder zur Bettszene in Edinburgh zurück, ins Jahr 1988. Für einen Moment hofft man, dass alles nur ein Traum gewesen ist und der eigentliche Film nun beginnt. Aber dann folgt der Abspann und man fragt sich (nach minutenlangem, ratlosen Auf-die-Leinwand-Starren): Was ist da bloss schiefgelaufen? Wie konnte ein so origineller Plot derart verhunzt werden? Wo ist der Zauber geblieben?

Keine Chemie, zu viel Hektik

Die ursprüngliche Hauptbefürchtung, dass Anne Hathaway die Sache mit dem britischen Akzent nicht hinbekommen würde, gehört nicht zu den Gründen für das Scheitern des Films. Das Problem ist vielmehr, dass die Chemie zwischen ihr und Jim Sturgess alias Dexter überhaupt nicht stimmt. Warum sich Dexter nach Jahren der Zurückweisung plötzlich Hals über Kopf in Emma verliebt, macht im Buch Sinn, auf der Leinwand überhaupt nicht; wohl auch, weil vor allem Emma zu klischiert dargestellt ist: als hässliches Entlein, aus dem der schöne Schwan jeden Moment herauszuplatzen droht. Taschentücher sind definitiv keine nötig, der Funke springt nie über. Emotional wird es bloss kurz beim starken, völlig überraschenden Höhepunkt der Geschichte. Aber selbst diesen ruinierte das Duo Nicholls/Scherfig, indem es schon in der ersten Filmszene plump darauf hinweist.

20 Tage in 20 Jahren in knapp 100 Minuten, das war offenbar eine zu grosse Hürde für Lone Scherfig. Im Film kommen die einzelnen Jahre daher wie ein überhastetes Aneinanderreihen von losen Szenen. Kaum hat man sich in der neuen Situation, beziehungsweise im Jahr, zurechtgefunden, – Schnitt –, folgt schon der 15. Juli des folgenden Jahres und klemmt dabei jeglichen Zwischentöne ab. Viele Dinge bleiben so nicht nachvollziehbar, die Momentaufnahmen wirken belanglos. Ein paar zusätzliche Filmminuten oder ein paar unterschlagene Jahre hätten wohl nicht geschadet. Logisch, dass eine Literaturverfilmung abstrahieren muss. Aber Scherfig macht den Fehler, sich auf die Liebesgeschichte zu konzentrieren. Dabei ist der Roman viel mehr als das. Es zeigt das Scheitern der beiden, wie lange es dauert, bis sie im Leben endlich Fuss fassen. Im Film wird dies nebensächlich. So kriegen sich die beiden auf einmal und man weiss gar nicht recht, weshalb. Es ist ein Jammer, wohl selbst für diejenigen, die das Buch nicht gelesen haben. Und das ist das Traurigste daran.

Sollte man von originellen Romanverfilmungen die Finger lassen? Welche Adaptionen sind besonders gelungen, welche nicht? Meinungen bitte unten eintragen.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.11.2011, 10:24 Uhr

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6 Kommentare

Alberto Echo

03.11.2011, 11:29 Uhr
Melden 8 Empfehlung

Ich habe schon viele Bücher gelesen und die Filme dazu gesehen. Man darf den Fehler die beiden zu vergleichen nicht machen. Das Buch ist die Geschichte, welche jemand erfunden hat. Dazu hat dann der Leser seine eigent Vorstellung zu dem was er liest.
Wird dann daraus ein Film gemacht, hat wiederum der Regisseur seine Vorstellung und dass diese dann nicht mit allen übereinstimmen kann ist logisch.
Antworten


Matt Kimmich

03.11.2011, 11:32 Uhr
Melden

Schade - Lone Scherfig hat mit Italian for Beginners und An Education zwei sehr schöne Filme geliefert. Ich frage mich (auch mit der Besetzung von Anne "Bambi Eyes" Hathaway), ob die Produzenten einen Film wollten, der 100% auf die Romanze setzt. (Bin gespannt, wie AH sich im Nolan-Batman-Universum machen wird.) Wäre nicht das erste Mal... Antworten



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