Oft lauschen ihm nur die Berge

Der Berner Dodo Hunziker zeigt in seinem Dokumentarfilm «Tibetan Warrior», wie sich ein Exil-Tibeter Gehör verschaffen will.

Der Regisseur Dodo Hunziker folgt Loten Namling nicht nur nach Genf, sondern weiter bis nach Dharamsala und zum Dalai Lama.

Der Regisseur Dodo Hunziker folgt Loten Namling nicht nur nach Genf, sondern weiter bis nach Dharamsala und zum Dalai Lama. Bild: zvg

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Der «Tibetan Warrior», der tibetische Krieger, heisst Loten Namling. Er ist seit mehr als zwanzig Jahren in der Schweiz, seit langem in Kehrsatz. Er lebt bei uns, mit uns. Viele sind ihm hier schon begegnet. Andere kennen ihn näher oder haben ihm sogar zugehört. Der Exil-Tibeter ist Musiker des Dalai Lama.

Er singt, Krieg führt er nicht. «Das Beste, was ich habe, ist, dass ich singen kann», bekennt er. In seinen Liedern ist Heimat. In ihnen führt er die tibetische Kultur mit sich. Oft lauschen nur die Berge seinem Gesang. Eigentlich sind es Lieder des Friedens, Lieder für uns alle. Heute sind es Lieder für jene Sterbenden geworden, deren Hilfeschreie hier, in der Welt, nicht gehört wurden.

Loten Namling singt für die Tibeter im Tibet, die buddhistischen Mönche, welche sich dort verbrannten, um ohne Gewalt, jedoch mit dem Opfer des eigenen Lebens Fackel zu sein, Fackel für ein freies Tibet, Fackel für ein lebenswertes Dasein, Fackel für die Menschenrechte. Über 130 sind es bis heute.

Pilger mit Sarg

In seiner Verzweiflung habe er schon gedacht, es diesen jungen Menschen gleichzutun, aber er habe den Mut nicht, sich anzuzünden. Was kann ein Exil-Tibeter in der Schweiz tun, um seine Heimat, seine Kultur, sein Volk von der chinesischen Unterdrückung zu befreien? Nichts zu tun, wurde für Loten Namling unerträglich. Er wählte die Bewegung, den Weg, die Pilgerschaft auf unseren Strassen, durch unseren Verkehr, unsere Hast, unsere Gegenwart.

In Kehrsatz erleben wir den Abschied des Vaters von seinen Kindern, ein Mahl und ein Gebet zwischen Kulturen und Generationen am Rand von Bern. Und wir sind im Mai 2012 beim Aufbruch auf dem Bundesplatz dabei. Loten Namling hat sich an einen Sarg auf Rädern gekettet. «Tibet», «Free Tibet» steht auf dem makabren Gefährt, das Symbol ist für das leidende Tibet.

Allerdings enthält es auch alles Lebensnotwendige für eine lange Reise, die Hoffnung wecken soll. Ein paar Menschen, Tibeter und Neugierige, haben sich um den Pilger versammelt, der in Bern, der Bundesstadt jenes Landes, das für ihn Freiheit und Gerechtigkeit bedeutet, aufbricht nach Genf. Auf der Place des Nations ist ein Konzert geplant, eine internationale Manifestation engagierter Musiker für Tibet – von der schweigenden UNO ein Echo heischend.

Loten Namlings Freund Franz Treichler (The Young Gods), der auch die Filmmusik komponiert hat, hilft entscheidend mit. Eines wird sofort klar: Das ist kein stiller Auftritt. Der Exil-Tibeter wirft sich nach buddhistischer Tradition auf den Bundesplatz, wie es einst sein Vater in der Heimat tat, als er nach Lhasa aufbrach, um im Drepung-Kloster Mönch zu werden. Und wie Wegmarken wiederholt sich das Einswerden mit der Erde. Loten Namlings Pilgerschaft führt in die Welt.

Er hat den Kameramann an seiner Seite. Sein Weg wird durch die feinfühlige, stets distanzierte Filmdokumentation Dodo Hunzikers zu einer Einladung, Anteil zu nehmen am Aufbruch eines Einzelnen für die Sache Tibets. Und wir erleben, wie eine Pilgerschaft unseren Alltag beeinträchtigt. Gesuchtes Ziel sind ja wir, das Publikum, Hörende und Schauende.

Durchs heile Schweizerland

Omnipräsent ist das Auge der Kamera, sind die insgesamt sieben genannten Kameraleute. Der Filmautor, Regisseur und Kameramann Dodo Hunziker begründet sein Engagement so: «Loten Namling kam zu uns ins DokLab, die Filmproduktionsfirma in der Berner Matte, welche ich zusammen mit Urs Schnell gegründet habe.

Er erzählte von seinem Vorhaben, und ich hatte sofort dieses starke Bild im Kopf: Ein heimatloser Tibeter zieht einen schwarzen Sarg durch das heile Schwizerländli.» Die Idee für einen Dokumentarfilm war geboren. Für einen Dokumentarfilm, der immer auch Spielfilm ist: ein Stück von Loten Namling, sein Spiel von Liebe und Tod.

Loten Namling ist auch ein ausgezeichneter Schauspieler, der sich die Rolle des gewaltfreien Kämpfers gegeben hat, und dann ist er vor allem der Sänger, welcher in antiker Manier durch die Lande zieht in vertrautem Gespräch mit dem lauschenden Volk auf dem Lande und am Stadtfenster, mutig vor den Mächtigen, heute den Politikern.

Wenn beispielsweise Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann und das Parlament ein Freihandelsabkommen mit China aushandeln, erarbeiten und annehmen können, ohne darin die Menschenrechte auch nur ein einziges Mal zu erwähnen, so ist das äusserst bedauerlich und vor allem mutlos. Oder doch nicht? Könnte der Kompromiss zu einem ersten Schritt werden?

Reise ins Innerste

Letztlich ist es nicht allein das Abstimmungsresultat, das gilt. Auch die Verlierer haben das Recht, weiterhin für ihre Meinung einzustehen. Die Haltung jedes Einzelnen zählt. Um einen Aufbruch und damit um die Initiative und Aktion des Einzelnen geht es Loten Namling.

Nicht eingeplant für die Pilgerfahrt war jedoch seine sich immer deutlicher abzeichnende Wandlung. Dodo Hunziker folgt Loten Namling nicht allein bis nach Genf, sondern über den grossen Auftritt hinaus weiter bis nach Dharamsala, seine nordindische Heimat, und zum Dalai Lama.

Diese Reise lässt sich weder zeitlich noch örtlich fassen. Sie zielt in Loten Namlings Innerstes und führt bis an die Grenze der Gewaltlosigkeit, bis vor die Wahl des Terrors, der in unserer Welt mehr Echo erhält als die Lieder eines fahrenden Sängers auf seiner Suche nach Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit, nach Heimat. Der Dalai Lama sagt: «Gewalt führt immer ins Verderben.»

Im Ringen um die Unabhängigkeit Tibets gibt es für ihn nur den Dialog, den er als Mittelweg sieht. Loten Namling findet nach Bern zurück, zurück zu seinen Kindern. Werden sie zu seiner Kraftquelle, den Weg des Sängers fortsetzen? Werden sie ihm dereinst folgen?

Ab Donnerstag im regulären Programm im Kino Movie (Vorstellung am Donnerstag um 18.30 Uhr in Anwesenheit der Crew). (Der Bund)

(Erstellt: 12.02.2015, 08:53 Uhr)

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