«Neben Koblet fühlte ich mich plötzlich so klein»
Die Rolle des Hugo Koblet könnte für ihn den Durchbruch in seiner Karriere als Kino-Schauspieler bedeuten: Manuel Löwensberg. (Bild: agenturkelterborn.com)
Herr Löwensberg, 2009 ist ein Schicksalsjahr was Ihre Karriere als Leinwand-Darsteller betrifft. Gleich zwei Filme mit Ihnen in der Hauptrolle sorgen für Gesprächsstoff.
Ja, beim Koblet-Film müssen wir jetzt mal noch schauen, wie erfolgreich er dann wirklich sein wird und wie ich darin abschneide. Wir sind erst am Drehen. Für den Film ist es natürlich super, dass er so oft in den Medien stattfindet. Aber ich finde es schwierig, während den Dreharbeiten darüber zu sprechen, als ob er schon im Kasten wäre.
Ihr Film «Tag am Meer» steht auf Platz 13 der Kino-Charts. Nicht schlecht für einen Schweizer Film mitten im Sommerloch.
Das ist ja super. Ich verfolge das alles gar nicht so genau. Ich habe nur mitbekommen, dass er gute Kritiken erhalten hatte. Das hat sicher auch geholfen.
Wie kamen Sie zu Ihrer aktuellen Rolle als Schweizer Radrenn-Star Hugo Koblet?
Ich war an einem Casting. Und ganz nüchtern betrachtet: Es musste jemand gecastet werden, der Koblet zwischen dem 21. und 39. Altersjahr darstellen kann, also schon etwas Erfahrung hat aber jung wirken kann. Ausserdem musste er Zürcher sein, Koblet gleichen. Das sind dann viele Aspekte, die die Auswahl einschränken. Eine Rolle zu bekommen ist aber noch kein Qualitätsbeweis. Erst wenn man die Rolle spielt, kommt heraus, ob man ihr gewachsen ist.
Sie haben Szenen auf der Radrennbahn selber gedreht. Diese Rennräder haben keine Bremsen und einen Starrlauf, das heisst, die Pedalen drehen sich unablässig und man muss mit den Beinen nachmögen. War das keine wahnsinnige Herausforderung für Sie als Ungeübten?
Am Anfang war es sehr anstrengend. Ich ging dreimal ins Training. Ich bin relativ fit, von da her ging es. Man muss einfach ein gewisses Tempo draufhaben, um in der Kurve nicht mit den Pedalen den Boden zu streifen. Wenn man ein bisschen Übung hat, geht es. Ich muss ja nicht unbedingt sehr schnell sein auf dem Rad oder zumindest nicht für lange Zeit schnell sein. Es muss nur so aussehen, als wärs schnell. Ich habe ja auch keine Velofahrer-Beine. Das ist alles Film, da geht das schon.
Wie ist es, an einen Mythos wie Hugo Koblet heranzugehen und ihn verkörpern zu müssen? Keine Angst, dass viele sagen: Der ist der Rolle gar nicht gewachsen, der richtige Koblet war ganz anders?
Doch ich hatte Angst und bin auch jetzt noch manchmal nervös. Aber hatte nie das Gefühl, ich müsse dem Menschen Koblet in seiner Gänze gerecht werden. Ich kann gewisse Aspekte seines Lebens thematisieren, aber ich kann einen Menschen nicht vollumfänglich imitieren, das habe ich auch gar nicht versucht. Aber man vergleicht sich natürlich automatisch mit der Person, die man darstellt. Das passiert einfach. Plötzlich fühlte ich mich so klein. Er war 1,90 Meter, ich bin 1,75 Meter gross. Ich habe vorher nie einen Gedanken an meine Grösse verschwendet. Aber dadurch, dass man sich so vergleicht, denkt man: Wow, der war riesig und ich nicht – einerseits von der Körpergrösse her, aber auch metaphorisch gesehen. Koblet hatte ja auch so ein hübsches, symmetrisches Gesicht. All das habe ich überhaupt nicht. Ich habe eine schiefe Nase, zwei verschiedene Augen, einen schiefen Mund. Solche Sachen wird man sich plötzlich gewahr. Ich muss aber probieren, vom Bild von Koblet in meinem Kopf Abstand zu gewinnen.
Warum?
Nun, gerade wenn es um Charme und Witz geht, zwei von Koblets herausragenden persönlichen Attributen. Charmant und witzig kann man, glaube ich, nur sein mit seinem eigenen Charme und Witz. Sonst beginnt man sich zu stark einzuschränken und wirkt unnatürlich, wenn man meint, man müsse eine bestimmte Idee von Witz darstellen. Ob mir das geglückt ist, kann ich ehrlich nicht sagen. Der Film ist halb dokumentarisch, halb gespielt und ob diese beiden Bilder von Koblet – das gespielte und das echte – sich in einer guten Art ergänzen, weiss ich heute noch nicht. Aber letztendlich liegt es auch nicht nur an mir, wie Koblet im Film rüberkommt, sondern auch am Drehbuch, am Schnitt und an der Regie.
Sie haben nach der Schauspielschule vor allem Theater gespielt. Liegt Ihnen das mehr als Film und TV?
Das war kein bewusster Entscheid. Ich habe im Gymi ein Ein-Personen-Stück gemacht. Das war relativ erfolgreich, ich bekam viele positive Rückmeldungen. Da merkte ich, dass ich was zu sagen habe, die Bühne ein guter Ort dafür ist und dass ich das professionell machen möchte. Das war dann der ausschlaggebende Punkt, dass ich mich für die Schauspielausbildung entschied. Nach der Ausbildung spielte ich viel Theater. Aber nicht, weil ich weniger gern vor der Kamera stehe, ich hätte schon gern mehr gedreht. Aber der Schweizer Markt ist halt nicht so gross und man hat mich hier noch nicht so oft angefragt.
Deshalb versuchen Sie, auch im Ausland Fuss zu fassen. Sie haben eine deutsche Agentur. Leben Sie überhaupt noch in der Schweiz?
Nein, ich habe meine Wohnung hier aufgegeben. Ich wusste schon letzten Sommer, wie mein Programm in den nächsten Monate aussehen würde: Ich habe letzten Herbst in Wien ein Stück gespielt bis im Dezember, dann war ich von Januar bis März in Deutschland für ein anderes Stück, von März bis Juni spielte ich am Schauspielhaus Salzburg den Romeo und kam erst jetzt im Juli in die Schweiz für den Koblet-Film. Ich habe zurzeit ein kleines Zimmer in Wien. Von da aus kann ich alles gut erreichen. Und nächsten Herbst und Frühling bin ich sowieso wieder in Wien engagiert, von daher macht es Sinn, dort für den Moment meine Basis zu haben.
Sie sind ständig engagiert und können dann wohl auch von Ihrer Kunst leben.
Ich bin seit acht Jahren bis auf einen kurzen Unterbruch immer voll als Schauspieler beschäftigt. Wohl, weil ich sehr offen bin für alles. Ich war drei Jahre am Stadttheater, habe in München an einem Boulevard-Theater gespielt, was eigentlich nicht so mein Ding ist. Dann habe ich Stücke mitentwickelt an kleinen und grösseren Bühnen, machte Tanz-Theater, Operetten - das ist alles nicht das Burgtheater, aber es sind gute Erfahrungen und die Leute sind lässig. Ich hatte immer das Glück, mit sympathischen Menschen arbeiten zu können. Das ist mir sehr wichtig.
Wieso ist das so wichtig für Sie?
Ich kann sehr schlecht vorsprechen, ich werde immer sehr nervös. Das ist etwas doof. Teilweise war ich traurig darüber. Ich hatte beispielsweise mal ein Vorsprechen in Bochum, das nicht gut war, da war ich betrübt darüber. Aber im Nachhinein dachte ich, vielleicht wäre ich in dieser Arbeitssituation gar nicht glücklich geworden, vielleicht war es richtig, dass ich da nicht angenommen wurde. Ich bin schliesslich immer da gelandet, wo ich mich wohl gefühlt habe. Vielleicht ist das ein körperlicher Selbstschutz: Er verkrampft sich, wenn er merkt, dass mir nicht wohl ist.
Ihr Vater Moritz Leuenberger ist ein begnadeter Redenschreiber und Komiker, haben Sie Ihr Talent von ihm geerbt?
Was woher kommt, weiss man nie.
Ist er stolz, dass sie als Schauspieler immer weiter vorwärts kommen? Manchmal hat man das Gefühl, er wäre selber gerne Schauspieler geworden.
Das kann schon sein. Fragen Sie ihn doch mal.
(DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.07.2009, 16:56 Uhr
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