Mit den Springern am Abgrund

Mirjam von Arx hat mit «Freifall – eine Liebesgeschichte» einen Film gedreht, den nur sie drehen konnte: Nachdem ihr Freund in den Tod gestürzt war, fand sie einen einzigartigen Zugang zu Angehörigen und Springern.

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Herbert zögert. Minutenlang. Wie ein Kind auf dem Dreimeterbrett. Soll ich, soll ich nicht? Sein Freund Andi, der ihn zuerst von der Seite filmt, später von schräg hinten und ganz aus der Nähe, ist geduldig. Er brauche nicht zu springen, hört man Andi sagen. Doch für Herbert gibt es kein Zurück. Er lässt sich schliesslich vom Rand des Lauterbrunnentals in die Tiefe fallen. Es ist sein erster Basejump. Und einer seiner letzten.

Die Schlüsselszene im Film «Freifall – eine Liebesgeschichte» der Schweizer Regisseurin Mirjam von Arx ist unterlegt mit dem Geräusch eines klopfenden Herzens – mit dem gleichen Klopfen, das zuvor zu hören ist, als von Arx sich bestrahlen lassen muss. Die Regisseurin ist selber Teil der Geschichte, Teil der Liebes­geschichte. Im Sommer 2010 lernt sie Herbert Weissmann kennen, fast gleichzeitig erhält sie eine Krebs­diagnose, sie verlieben sich, wollen ­heiraten. Drei Monate später ist er tot.

Mama, Papa und Mirjam

Von Arx, die mit «Virgin Tales» 2012 ­ihren bisher bekanntesten Film in die ­Kinos brachte, entschliesst sich, eine schwierige Erkundung in Angriff zu nehmen. Sie will herausfinden, wie es kam, dass Herbert bereit war, sein Leben wegzuwerfen, während sie um ihres kämpfte. Schon am Tag der Beerdigung schaltet sie die Kamera ein. Auf der Schleife des Kranzes steht: Mama, Papa und Mirjam. Sie filmt im Haus der Eltern in Deutschland, sie filmt im Haus von Herberts Freund, der ihn fürs Basejumpen begeisterte, und der gegen den Willen von Frau und Kindern springt und im Film die Hauptrolle spielt, und sie filmt, vor allem, im Lauterbrunnental. Und überall spricht sie mit den Leuten.

Der Fallschirmlehrer ist wütend, weil sich Herbert, der noch Anfänger war, «fürs Basen» derart überschätzte. Er bringt auf den Punkt, worin das Problem besteht: Alles passiert nahe an den ­Felsen, nahe am Boden, ohne Reserveschirm – und ohne Zeit. Von Arx hört sich das harte Urteil regungslos an. Die Kamera fängt im Laufe der Geschichte immer wieder ihre Augen ein: Als der Notarzt schildert, wie er Herbert angetroffen hat. Und auch, als sie ein später aufgetauchtes Video betrachtet, das Herberts letzten Absprung zeigt – und wie er hinter der Kante verschwindet.

Teletubbies auf der Landewiese

Sich selber mit der Krankheit, der ­Liebesgeschichte und der Trauer zum Thema zu machen, ist ein riskantes Unterfangen. Die 48-Jährige geht dabei an Grenzen, zum Beispiel an die Grenze, wo der Voyeurismus beginnt. Als sie filmt, wie Herberts Mutter kurz nach dem Tod ­ihres Sohnes stumm Gemüse schneidet, wirkt das beklemmend. Der Sinn dieser Einstellung erschliesst sich später. Als von Arx nach Monaten erneut mit der Kamera nach Deutschland reist, ist ­erkennbar, dass in Herberts Elternhaus auch wieder Fröhlichkeit eingekehrt ist.

Ohne es zu wollen, war Mirjam von Arx zur Beteiligten geworden. Als Regisseurin hat sie diese seltene Gelegenheit ergriffen und einen einzigartigen Zugang zu Basejumpern und vor allem zu deren Angehörigen gefunden. «Freifall» leuchtet Bereiche aus, die bei den spektakulären Filmaufnahmen, die im Internet kursieren, ausgeblendet sind. Von Arx zeigt zwar ebenfalls überwältigende Action-Aufnahmen in der grandiosen Kulisse des Lauterbrunnentals. Und an einer Stelle wirkt der Film sogar überaus komisch: Dort, wo der australische Springer Chris Mcdougall in seinem gelb-orangen Anzug und ausgerüstet mit Helm und Helm­kamera über die Wiese spaziert, sieht er aus wie ein Teletubby. Am spektakulärsten aber sind die Bilder, die den Weg an die Öffentlichkeit unter normalen Umständen nie gefunden hätten – Bilder, die einen Blick ins Innere der Springer und ihrer Angehörigen erlauben. (Der Bund)

Erstellt: 03.12.2014, 08:49 Uhr

Agenda

Vorpremiere mit Regisseurin Mirjam von Arx: Heute Mittwoch, 3. Dezember, um 18.30 Uhr im Kino Movie, Bern. 
Ab Donnerstag in den Kinos.

Der Trailer

Mirjam von Arx. (Bild: zvg)

Regisseurin Mirjam von Arx

«Dieser Film ist mein eigener Sprung über die Klippe»

Frau von Arx, in einigen Szenen sieht man, wie Sie sich knallharten Aussagen zum Tod Ihres Freundes aussetzen. Warum haben Sie sich das angetan?
Diese direkte Konfrontation war für mich brutal. Aber ich habe die ehrliche Antwort gesucht und meine Gesprächspartner ausdrücklich darum gebeten, mir alles zu erzählen und ihre Meinung offen zu sagen. Das hat mir am Ende viel mehr gebracht, als wenn ich geschont worden wäre.

Trotzdem haben Sie die letzten Antworten nicht gefunden.
Jeder Springer hat wohl seine eigenen Gründe, warum er springt. Warum Herbert es getan hat, werde ich wahrscheinlich nie genau herausfinden können. Am plausibelsten erscheint mir die Erklärung, die Chris Mcdougall im Film abgibt: Für ihn ist Basejumpen mehr als bloss ein Sport. Er sieht darin eine Möglichkeit, Angst zu überwinden, was ihm sehr viel bringt für sein Leben.

Zum Preis, dass Angehörige in dauernder Angst leben müssen.
Die Springer sind sich dessen sehr ­bewusst. Herbert wusste, dass seine ­Eltern ein riesiges Problem damit hätten, darum hat er ihnen nichts davon ­erzählt.

Trotzdem scheint es, als ob Basejumper das Problem hätten, sich nicht besonders gut in andere Leute hineindenken zu können.
Andi, Herberts Freund, springt tatsächlich gegen den Willen seiner Frau und seiner Kinder. Daraus darf man aber nicht schliessen, er sei nicht zu Empathie fähig. Er fühlt sich gegenüber seiner Familie verantwortlich, aber er trägt eben auch eine Verantwortung gegenüber sich selber. Das Springen bedeutet ihm so viel, dass er nicht der gleiche Mensch wäre, wenn er diesen Teil seiner Persönlichkeit nicht ausleben könnte. Eine Beziehung kann nicht überleben, wenn sich der eine der Partner zu stark verbiegen muss.

Ist es am Ende nicht doch bloss leichtsinnig, sich solchen Gefahren auszusetzen?
Herbert war Ingenieur und sehr bodenständig. Unter den Basejumpern finden sich sehr viele Leute mit guten Ausbildungen: Ingenieure, Ärzte, Rechts­anwälte. Es sind Menschen, die sehr ­bewusst leben und auch sehr bewusst Herausforderungen suchen.

Sie sind mit Ihrem Film, in dem Sie sehr viel Persönliches preisgeben, ebenfalls Risiken eingegangen.
Ich bin nicht jemand, der seine Gefühle in die Welt hinausposaunt. Darum hatte ich auch Angst vor diesem Film. Gleichzeitig wusste ich, dass ich diese Perspektive wählen musste. Total falsch wäre es gewesen, wenn ich einen Dokumentarfilm über das Basejumpen gedreht hätte. Jeder hätte gemerkt, dass da etwas ausgeklammert worden wäre, dass etwas Tieferes zugrunde liegt.

In ein paar Szenen, zum Beispiel beim Besuch bei Herberts Eltern, ist die Intimität fast unerträglich.
Am Anfang habe ich nicht gedacht, dass ich gewisse Szenen zeigen würde. Beim Schneiden habe ich aber gemerkt, dass es diese Ehrlichkeit und diese Intimität braucht. Da und dort musste ich mich überwinden. So gesehen ist dieser Film mein Sprung über die Klippe. (db)

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