Kultur

Meine Woche unter Holocaust–Leugnern

Von Michael Sauter. Aktualisiert am 15.12.2009

Internationales Teheraner Kurzfilmfestival 2009. Ein Schweizer Drehbuchautor ist eingeladen, geht hin, trifft eine verschrobene Jury. Per Internet findet er heraus: Er ist unter die Revisionisten gefallen. Und fliehen geht nicht.

Irans streng islamisches Regime betrachtet die Kunstform Film als ideologisches Vehikel: Kinobesucher in Teheran.

Irans streng islamisches Regime betrachtet die Kunstform Film als ideologisches Vehikel: Kinobesucher in Teheran.
Bild: Reuters

Michael Sauter

Der Zürcher Michael Sauter, 36, ist Drehbuchschreiber («Sennentuntschi», «Grounding», «Mein Name ist Eugen», «Snow White», «Strähl»,«Achtung, fertig, Charlie!»).

Will man sich als Stadtzürcher eine Vorstellung von der iranischen Hauptstadt Teheran machen, muss man sich einfach vorstellen, die Rosengartenstrasse würde 17 Millionen Menschen beherbergen und hätte sich zum Sterben in die persischen Berge zurückgezogen. Die Luft ist zum Schneiden. Der Verkehr ist lücken- und ordnungslos; manchmal reicht die Länge einer Zigarette, um Zeuge mehrerer Unfälle zu werden. Die klotzigen Gebäude stammen meist aus den Siebzigern, sind aus Beton, und der Smog frisst an ihnen wie Karies.

Das Innere der Häuser bleibt für Nicht-Iraner eine No-Go-Area. Unter vorgehaltener Hand wird von ausschweifenden Partys berichtet. Von Alkohol und Drogen. Von Frauen, die unter dem Tschador Tattoos, künstliche Brüste und Genitalpiercings trügen. Dem Aussenstehenden bleibt diese Welt verborgen. Und das offizielle Teheran mit seinen schmuddeligen Banken, den von grellem Neonlicht erleuchteten Shops, den allgegenwärtigen Porträts von Khomenei und Khameini fühlt sich an wie ein Krebs, der zu müde ist, einen zu töten, und einen lieber dahinsiechen lässt.

Im Zentrum des urbanen Tumors liegen das Hotel Howeyzeh sowie das Kino Palestine. Ersteres hat vier Sterne, Letzteres einen Gebetsraum. Ein Stockwerk tiefer amtet es, November 2009, als Hauptzentrale des «Internationalen Teheraner Kurzfilmfestivals», zu dessen Katalog Präsident Ahmadinejad das Vorwort beigesteuert hat. Unter den Bewerbern um den ersten Preis in der Sektion «Bester internationaler Film»: «Endsieg – Everything changes in one shot», den ich geschrieben und mein lieber Freund Daniel Casparis inszeniert hat. Er beginnt mit einer wehenden Hakenkreuzflagge und endet mit dem Tod eines guten G. I. Der böse Nazi kommt davon.

Hätten wir es umgekehrt gemacht – eine zwar radikale, doch überflüssige Erfahrung wäre uns erspart geblieben.

Dieudonné, zahm wie ein Lamm

Die Jury des Festivals besteht aus einem Trio sympathischer älterer Leute: ein kultivierter Herr aus Tunesien mit Hercule-Poirot-Schnauzer. Ein gemütlicher schwarzer Berg von einem Mann aus Frankreich, Monsieur Dieudonné, dort angeblich ein angesehener Stand-up-Comedian, hier zahm wie ein Lamm. Und schliesslich eine schüchterne Dame von gut 60 Jahren, um die ein Aufheben gemacht wird, als sei sie der Star des Festivals: Madame Poumier aus Paris.

Madame Poumier könnte an einem Rudolf-Steiner-Schulbasar den Dörrfrüchtestand leiten, verehrt das Filmwerk des polnischen Existenzialkatholiken Krzysztof Kieslowski, hat aber selbst mit Filmen nichts zu tun; sie sei eine Aktivistin, sagt sie. Für welche Sache?, frage ich mich. Katholischer Feminismus? Dialog der Kulturen? Eine Art weiblicher Hans Küng?

Und dann sind da noch wir, die geladenen Künstler: Simone aus Italien, Fikri aus Indonesien, Daniel und ich. Das Festival sorgt sich rührend um seine Gäste: Für jeden gibt es einen eigenen Betreuer, der uns auf Schritt und Tritt begleitet – und gehen wir auch nur vors Hotel eine Zigarette rauchen. Anders ausgedrückt: Wir sind Gefangene. So fristen wir ein in feste Bahnen gezwängtes Dasein zwischen Hotel Howeyzeh und Kino Palestine, wo uns das mehrheitlich islamische Kurzfilmschaffen trotz unbequemen Sitzen regelmässig in den Schlaf treibt.

Jedem sein eigener Betreuer

Dazwischen geben wir immer wieder mal ein Interview, wobei der Interviewer unseren Film weder gesehen hat noch sonst irgendwie daran interessiert ist. Aber sicher, Teheran sei eine tolle Stadt, beten wir ihm nach. Die iranische Kultur sei eine Pracht. Und ganz genau, ein Film sei nur wahr, wenn die Wahrheit islamisch sei, wie es der Präsident dieses prima Landes in seinem Festivalkatalogsvorwort auf den Punkt gebracht hat, und das komme vielleicht tatsächlich am besten im islamischen Experimentaldokumentarfilm zum Tragen. Aber eigentlich, packt uns plötzlich der Unmut, fänden wir Experimentaldokumentarfilme Geldverschwendung und gäben klaren Erzählstrukturen wie im amerikanischen Kino entschieden den Vorzug.

Aber da hat der gute Mann das Aufnahmegerät bereits ausgeschaltet, lächelt durch seinen Bart, verschwindet geduckt in der Nichtraucher-Cafeteria und bestellt flüsternd ein glasiertes Gebäck.

Nach dem ersten Screening unseres Werks, das vom iranischen Publikum mit wohlwollendem Klatschen bedacht wird, steht plötzlich die schüchterne kleine Madame Poumier neben mir. Sie fragt, um was für Experimente es sich denn handle, die der Nazi-Bösewicht unseres Films, den wir Mengele nachempfunden haben, in den KZs durchgeführt habe? Solche wie Mengele eben, antworte ich. Madame Poumier schaut mich von unten geheimnisvoll herablassend an. Später beim Abendessen äussert sie, unser Film sei «terrible», genau wie dieser «Inglourious Basterds» von Quentin Tarantino, den sie so schrecklich findet, dass sie die Erinnerung daran mit einer Handbewegung wegfegen muss.

Die zart besaitete Dame

Mir kommt ein Verdacht: Diese französische Dame ist so zart besaitet, so dem Dialog der Religionen und einem femininen Frieden verschrieben, dass sie rohe Männerfilme, bei denen es handfest zur Sache geht, einfach nicht erträgt. Ich schaue sie an mit ihrem grau-weissen Haar unter dem obligatorischen Kopftuch, ihrem türkis Foulard, ihrem feinen Gesicht, von reiner Menschlichkeit geformt. Und ich empfinde Sympathie für diese alte Dame, die sich nicht schämt, ganz unschuldig von der Welt etwas Harmonie zu verlangen. Da reicht mir Madame Poumier ein Buch über den Tisch, gehalten in edlem Bordeauxrot. Der Titel lautet «Proche des neg'», von Maria Poumier. Die Autorin erklärt, das Buch sei in Amerika verlegt worden. Auf der Rückseite bedankt sie sich bei Roger Garaudy. Ich schlucke leer und schlage es auf. Das erste Kapitel hiess: «Wie ich Antizionistin geworden bin.»

Jetzt ist alles klar: Unser und Quentin Tarantinos Film haben Madame Poumier nicht gefallen, weil beide antifaschistisch sind. Ihr Buch wurde in den USA verlegt, weil es in Frankreich der Zensur zum Opfer gefallen wäre. Madame Poumier ist eine Revisionistin. Sie leugnet den Holocaust. Der Mann, dem sie Dank schuldet, Roger Garaudy, war der bunte Hund der französischen Philosophie. In den Fünfzigerjahren Marxist, wurde er nach seinem Ausschluss aus der Kommunistischen Partei 1968 zum Christen und konvertierte in den Achtzigern zum Islam. 1995 machte er klar Schiff mit seinem in der zivilisierten Welt verbotenen Buch «Die Gründungsmythen der israelischen Politik», das in keiner Nazi-Bibliothek fehlen darf.

Wortlos gebe ich Madame Poumier ihr «Werk» zurück. Ich habe keine Ahnung, wie ich mit dieser Situation umgehen soll. Ich habe vorher noch nie mit einer Holocaustleugnerin diniert. Also gehe ich rauchen.

Mittels des Laptops von Simone, dem Italiener, finden wir wenig später im Internet heraus, dass Madame Poumier Roger Garaudys Sekretärin ist.

Taufpate Le Pen

Auch über ein anderes Jurymitglied, den liebenswerten schwarzen Komödianten, finden wir einiges heraus: Dieudonné M'bala M'bala unterhält in Paris das antisemitische Théâtre de la Main d'Or. Und der Taufpate seines dritten Kindes heisst Jean-Marie Le Pen. Gern tritt er, als orthodoxer Jude verkleidet, in Fernsehshows auf, macht den Hitlergruss und schreit: «Isra-Heil!» 2007 kandidierte er gar bei den französischen Präsidentschaftswahlen. Zu seinen Unterstützern gehörten neben Madame Poumier die versammelten französischen Holocaustleugner sowie die Terrorlegende Carlos.

Über das dritte Jury-Mitglied, den schnauzbärtigen Tunesier Lassad Jamoussi, weiss das Internet nichts Einschlägiges zu berichten, was uns einigermassen erleichtert. Doch schon beim nächsten gemeinsamen Essen im Hotel hält er eine Lobrede auf Roger Garaudy, seinen Mut zur Unpopularität und seine wissenschaftlichen Durchbrüche. Die Jury ist ideologisch geeint.

Man möchte nur noch duschen

Wer schon mal eine Woche eng auf eng mit Holocaustleugnern verbracht hat, wird mir beipflichten: Das ist keine angenehme Erfahrung. Man muss immer duschen, um das Gefühl des Schmutzes, das ihre Nähe auslöst, wegzuwaschen. Man will sich von ihnen fernhalten (kann es in diesem Fall aber nicht, da die Gästegruppe von den einheimischen Betreuern stets zusammengehalten wird). Ich denke, es ist eine Definition von Hölle: Tag für Tag, Abend für Abend, nüchtern und nicht rauchend, in einer tristen iranischen Hotellobby neben älteren, liebenswürdigen Nazis zu sitzen und zusammen Press-TV zu schauen, das iranische Pendant zu CNN, das einen über alles und jeden informiert, nur dass am Ende immer die Juden schuld sind.

Natürlich gewinnt unser Film dann keinen Preis. Das ist bei dieser Jury die grösste Ehre, die man sich denken kann. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2009, 09:05 Uhr

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