«Mein Film ist latent explosiv»
Von Thomas Allenbach. Aktualisiert am 20.01.2010
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Zur Person
Christof Schertenleib wurde 1958 in Saanen geboren. Er studierte von 1981 bis 1988 an der Filmakademie in Wien Regie und Schnitt. «Zwerge sprengen» ist nach «Grosse Gefühle» (1999) und «Liebe Lügen» (1995) sein dritter Kinospielfilm. 2000 drehte er den Tatort «Chaos», 2004 den Fernsehfilm «Lücken im Gesetz».
Schertenleib arbeitet regelmässig als Cutter, so unter anderem für die österreichischen Filmemacher Ulrich Seidl («Hundstage») oder Michael Glawogger («Slumming»). Schertenleib lebt in Bern und Wien.
«Zwerge sprengen», das klingt nach einer Attacke auf die bürgerliche Gemütlichkeit. Wie explosiv ist Ihr Film wirklich, Christof Schertenleib?
Christof Schertenleib: Er ist latent explosiv. Es fliegen zwar Zwerge in die Luft, aber wichtiger ist mir, was in der Familie Schöni, die im Zentrum des Films steht, unter dem Deckel gehalten wird. Zentrales Thema ist die protestantische Moral: Es geht um den fast zwanghaften Versuch, Harmonie auch da zu suchen, wo sie nicht mehr zu finden ist und möglichst alle Konflikte durch Toleranz im Keim zu ersticken.
Weshalb lassen Sie es denn beim Sprengen von Zwergen bewenden?
Es gäbe für Gefühlsexplosionen tatsächlich einige gute Gründe. Ich habe mir beim Schreiben des Drehbuchs überlegt, ob es, wie zum Beispiel in «Festen», auch in dieser Familie zu einer grossen Detonation kommen soll. Ich habe das dann aber klar verworfen, weil ich ja grad im Gegenteil davon erzählen wollte, wie es eben nicht dazu kommt und die Konflikte höchstens bedrohlich im Raum schweben. Das hat natürlich mit meinen eigenen Alltagserfahrungen zu tun, von denen ich bei meinen Geschichten immer ausgehe.
Kein «katholisches» Kino der dramatischen Ausbrüche also. Ist Ihr Film seinerseits ein Produkt «protestantischer» Zurückhaltung?
Ja, wahrscheinlich schon. Ich kann ja schliesslich nicht aus meiner Haut heraus.
Wie sind Sie eigentlich auf die Idee des Zwergesprengens gekommen?
Das ist nach und nach entstanden: Eine Inspirationsquelle war die überbordende Gartenzwerg-Verkaufsstelle in Zäziwil, an der ich schon als Gymnasiast öfter vorbeigekommen bin. Eine andere war der Film «Mean Streets» von Martin Scorsese. Da gefiel mir gut, wie Robert De Niro eingeführt wird: indem er nämlich einen Papierkorb sinnlos explodieren lässt. Als ich für die beiden Hauptfiguren Hintergrundgeschichten entwickelte, stellte ich mir vor, wie sie als Kinder an einem 1. August Gartenzwerge aus der Verkaufsstelle entführen und dann mit Zuckerstöcken explodieren lassen. Der Konflikt mit den Eltern und das Geschrei der Buben nach Wiederholung konnte nur mit zukünftigen Versprechen besänftigt und harmonisiert werden. Daraus hat sich dann im Verlauf der Jahre ein geordneter, streng reglementierter Familienbrauch entwickelt.
Ihr Film handelt von zwei Brüdern aus dem Emmental, die unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen haben und sich um ihre Leben beneiden. Wären auch Sie manchmal lieber ein anderer?
Wer wäre das nicht? Das Spiel mit alternativen Lebensentwürfen ist eine meiner kreativen Quellen und das Schreiben ist eine Möglichkeit, in andere Leben einzutauchen.
Die Hauptrollen spielen Michael Neuenschwander und Max Gertsch. Weshalb haben Sie die beiden ausgewählt?
Ich habe den Film für die beiden geschrieben. Dass sie in meinem zweiten Kinofilm «Grosse Gefühle», wo sie zwei kleine Rollen spielten, des öfteren verwechselt wurden, war einer der Auslöser für «Zwerge sprengen».
Filmtage-Direktor Ivo Kummer hat «Zwerge sprengen» als Eröffnungsfilm prominent programmiert. Mit welchen Gefühlen blicken Sie der Premiere in Solothurn entgegen?
Die Filmtage sind zweifellos einer der besten Orte für die Premiere dieses Films. Ich freue mich darauf, spüre allerdings auch eine recht grosse Nervosität, weil auf dem Eröffnungsfilm die grössten Erwartungen lasten. Daran können Filme auch zerbrechen, dieses Risiko aber muss man eingehen. Wenn man heute einen Film ins Kino bringen will, dann braucht es eine attraktive Plattform.
«Liebe Lügen» war 1995 ein Überraschungserfolg, «Grosse Gefühle» erreichte vier Jahre später viel weniger Zuschauer. Wie gross ist für Sie nun – nach zehnjähriger Kinoabstinenz – der Erfolgsdruck?
Der Druck ist natürlich gross. Bei dieser Betrachtung geht allerdings vergessen, dass ich zwischen «Grosse Gefühle» und «Zwerge sprengen» einen «Tatort» und den Fernsehfilm «Lücken im Gesetz» gedreht habe – meine Regietätigkeit verlief neben meiner Arbeit als Cutter kontinuierlicher, als es von aussen wahrgenommen wird. Ich habe es rückblickend manchmal bereut, dass ich «Lücken im Gesetz» nicht als Kinoprojekt vorangetrieben habe. In der Medienwahrnehmung spielen fast nur die Kinofilme eine Rolle.
Das Bundesamt für Kultur (BAK) hat den Film nicht unterstützt. Mit welcher Begründung?
Das weiss ich auswendig nicht mehr. Die Argumente gegen den Film waren für mich ziemlich widersprüchlich. Klar war eigentlich nur, dass «Zwerge sprengen» nicht zu den Filmen gehört, die das BAK unterstützen wollte, vielleicht auch deshalb, weil es sich dabei um einen zu «kleinen» Film handelte.
Hatten Sie den Eindruck, dass Sie für eine Form des Autorenfilms stehen, den der Bund nicht mehr will?
Das war nicht direkt aus der Begründung abzuleiten, sondern aus den allgemeinen, öffentlichen Stellungnahmen. Diese lassen vermuten, dass das Mittelfeld aus Filmen, die weder als populäres Unterhaltungskino konzipiert sind, noch internationale Festivalerfolge versprechen, nicht mehr gewollt sind. Diese Entwicklung empfinde ich als problematisch, weil die Breite und die Vielfalt verhindert werden, ohne die es ein funktionierendes Filmschaffen nicht geben kann.
Empfanden Sie keine Wut auf das BAK?
Wut nicht, ich war einfach enttäuscht. Beim Kampf um die Realisierung von «Zwerge sprengen» zeigte sich dann, dass ich stärker an den Film glaubte, als ich in den Phasen des Zweifelns – die für mich zum kreativen Prozess gehören – selber dachte.
Sehen Sie Ihren Film nun auch als ein Statement gegen die zunehmend auf Mainstream getrimmten und oft recht biederen Produzentenfilme der letzten Zeit?
Nein, «Zwerge sprengen» ist sicher kein Statement für oder gegen etwas. Ich will einfach Filme machen in einer Komplexität, wie ich sie in den letzten zehn Jahren im Kino weniger gesehen habe. Mich interessieren vielschichtige, ineinander verschachtelte, assoziative Filme. Das ist auch das, was ich als Cutter am meisten mag. In der Struktur sind meine Filme vielleicht sogar verwandt mit denen von Ulrich Seidl, die ich schneide.
Weil das Bundesgeld fehlte, musste das Budget stark gekürzt werden. Wie konnte der Film dennoch realisiert werden?
Entscheidend war die Solidarität im Team. Vom Produktionsleiter, der seine «normale» Arbeit in Wien unterbrochen hat, bis zu den beiden Hauptdarstellern haben mich alle sofort unterstützt und waren bereit, diesen Film auch unter nicht optimalen finanziellen Bedingungen gemeinsam zu machen. Auf dem Set herrschte dank dem kleinen Team eine intime Atmosphäre, ich möchte eigentlich am liebsten immer so arbeiten.
Das klingt nun fast wie ein Werbespot fürs Cinéma copain und für kleine Budgets!
Für Cinéma copain ja, für kleine Budgets klar nein: Das Minimalbudget führte selbstverständlich auch zu erheblichen Schwierigkeiten: Wenn man mit fünf Kindern und neun Erwachsenen in einem Garten mit Wetterwechseln und mit wandernden Schatten eine aufwendige Szene wie jene des Zwergesprengens dreht, dann sind die Grenzen des Machbaren schnell erreicht.
Dass es «Zwerge sprengen» gibt, ist vor allem der Berner Filmförderung zu verdanken, deren Mittel nun massiv erhöht werden. Der Film mag für das BAK ein Nonvaleur sein, fürs Berner Filmschaffen könnte er sich als Lokomotive entpuppen.
Das wäre schön. Das politische Bekenntnis des Kantons Bern zum Film macht jedenfalls Mut. So kommt Hoffnung auf, dass in Zukunft jährlich mehrere stark bernisch geprägte Spielfilme ins Kino kommen.
Würden Sie «Zwerge sprengen» als Heimatfilm bezeichnen?
Nein, weil dieser Begriff besetzt ist mit Assoziationen, mit denen ich nichts zu tun haben möchte. Wenn das Wort unbelastet neu gebraucht werden könnte, dann wären alle meine Filme bis zu einem gewissen Grad Heimatfilme, weil sie von einer Welt, von Menschen, Dingen und Orten erzählen, die ich selber kenne.
Wie Bettina Oberlis «Die Herbstzeitlosen» spielt Ihr Film im Emmental. Nur schon diese vertraute Landschaft scheint bei vielen Kino- zuschauern heimatliche Gefühle auszulösen.
Ich merkte beim Drehen in Rüegsau, dass wahrscheinlich einige Leute dort einen neuen «Herbstzeitlosen» erwarten. Ich hoffe, ich enttäusche sie nicht zu sehr. Die Landschaft spielt zwar eine wichtige Rolle, aber «Zwerge sprengen» ist eindeutig nicht «Die Herbstzeitlosen», das ist nicht eine so gradlinige Geschichte mit eindeutigen Identifikationsfiguren.
Sie pflegen Ihre Filme als «Comédie humaine» zu charakterisieren. Was meinen Sie damit?
Das ist ein Hilfsbegriff, weil sich meine Filme genremässig nicht festlegen lassen. Man kann zwar lachen, Komödie aber passt nicht wirklich. Meine Filme sind bis zu einem gewissen Grad immer Hybride. Mich interessieren Wort- und Bildspielereien, Bezüge, Querverweise und möglichst feine, verspielte Vernetzungen. Ich suche dabei auch immer ein Gleichgewicht zwischen beinahe dokumentarisch wirkenden Szenen und fast soapartigen Elementen, die für mich notwenig sind, damit die Geschichten als Ganzes funktionieren. (Der Bund)
Erstellt: 20.01.2010, 13:11 Uhr
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