Kultur

Lichte Höhen über Schattentälern

Von Fred Zaugg. Aktualisiert am 15.10.2011 1 Kommentar

Der Kinodokumentarfilm «Herz im Emmental» von Bernhard Giger und Bänz Friedli ist eine Begegnung mit einem Dutzend Menschen in einer magischen Landschaft und mit Musik, die diese Welt zum Schwingen bringt.

Es geht um mehr als Sport. Die Gruppe, die Band, das Team, die Gemeinschaft bergen im Emmental Kräfte, die Grosses vollbringen: Shakra in der Ilfis-Halle.

Es geht um mehr als Sport. Die Gruppe, die Band, das Team, die Gemeinschaft bergen im Emmental Kräfte, die Grosses vollbringen: Shakra in der Ilfis-Halle.
Bild: zvg

«Herz im Emmental»

«Eigentlich war es für mich eine besonders schöne Aufgabe und eine Herausforderung, wieder einmal einen grossen abendfüllenden Dokumentarfilm drehen zu dürfen, einen Kinodokumentarfilm», erklärt Bernhard Giger und betont die Ergänzung «Kino». « ist von uns für die grosse Kinoleinwand geschaffen worden. Er soll nicht nur auf dem Bildschirm zu sehen sein, obwohl das Fernsehen wesentlich an seiner Entstehung beteiligt ist.»

Am Anfang sollte es offenbar ein Film über die Emmentaler Hardrockband Shakra werden, initiiert vom Musikkritiker, Hausmann und Satiriker Bänz Friedli. Das von Bernhard Giger und ihm erarbeitete Drehbuch fand jedoch zu wenig Unterstützung. Wohl aber schien ein weiter gefasster Emmentalfilm durchaus gefragt zu sein. So entstand ein neues Drehbuch, in dem Shakra eine wichtige Bedeutung zufällt, das jedoch im Ganzen zwölf Hauptdarsteller aus allen möglichen Gebieten einbezieht.

Bernhard Giger stimmt zu: «Es ist für mich durchaus richtig von Darstellern zu sprechen, obwohl die Mitwirkenden einfach sich selber sind, ganz und gar und in einer tief beeindruckenden Offenheit. Aber ich habe wie einen Spielfilm gedreht mit einem sehr weit gehenden Drehbuch. Mit Pio Corradi hatte ich den Kameramann, mit dem ich bereits meinen ersten Spielfilm ‹Winterstadt› gedreht habe. Wir sind noch immer ein Team, das sich fast ohne Worte versteht. Das gilt übrigens auch für Christof Schertenleib, den versierten Cutter. Film ist immer Teamarbeit. Diesmal gehören die Emmentalerinnen und Emmentaler dazu.»

Es gibt diesen Augenblick, da Thom Blunier von Shakra in seiner Stube spielt. Mit seinen herb-feinen Klängen begleitet er uns auf einem Flug über die steil geformte, kontrastreich ausgeleuchtete Krächenlandschaft mit stets karger werdender Flora, bis die Schatten das Gehöft auf dem Talboden ergreifen und rasch den Hang hinauf wachsen: Die möglicherweise kurz aufgekommene Romantik wischen sie dabei still weg.

Thom lässt seinen Akkord noch kurz im Raum stehen, bevor er ans Fenster tritt. Er ist einer aus dem bunten Dutzend, das dem Filmtitel entsprechend sein Herz in dieser Gegend hat und offen davon Zeugnis ablegt. Selbstverständlich kommt so manches zusammen und fügt sich zum vielfältigen Inhalt von «Herz im Emmental». Die tiefe Verbundenheit mit dem unvergleichlichen Stück Erde bildet dabei die Basis für die individuellen Geschichten. Sie ist tragende Konstante für Wort, Bild und Musik.

Eine Hommage zum Einstieg

Zum Einstieg erklingt «s’isch äben e Mönsch uf Ärde», das wundersame Lied von Hansjoggeli und Vreneli und ihrer Liebe über den Simeliberg hinweg. Es handelt sich dabei um ein Zitat aus Franz Schnyders «Uli der Knecht» von 1954 mit Hannes Schmidhauser und Liselotte Pulver. Mit den aktuellen Rhythmen von Shakra wird das alte Guggisberglied kontrastiert. Und der zarten Liebesgeschichte in der schwarzweissen Lichtdramatik von Schnyders Gotthelf-Interpretationen begegnet auch die einfühlsame Kameraführung von Pio Corradi, der Menschen zum Publikum bringt, ohne ihnen jemals zu nahe zu kommen. Er belässt sie in ihren «Gehäusen», ihrem Zuhause. Gleichzeitig schafft er es jedoch, die Wasser der Emme, die Nagelfluhfelsen, das Nadelgehölz, die Sumpfgräser und die stotzigen Weiden und Äcker in greifbare Nähe zu rücken: einladend einmal, dann Respekt heischend oder gar beängstigend.

Der Spannungsfelder sind mehr aufzuzeigen, dann aber auch Verflechtungen, Ablagerungen, Schichtungen und neue «Erosionen». Geologie kann prägend sein, prägender noch die Emme in ihrem Bett, mal hart, mal in der Aue, mal eng und mal zum Bersten voll. Sie gibt dem Tal den Namen. Der Liedermacher Tinu Heiniger ist ihrem Lauf stromaufwärts gefolgt von der Mündung in die Aare bis auf den Kemmeriboden. Sein «Ämmelied» entstanden, mit dem er poetisch und mit den Füssen im Wasser nun durch den Film zieht, ein Bänkelsänger von einst vielleicht, der um die Kraft des Liedes weiss, sicher ein Kämpfer und Philosoph: «Je älter ich bin, desto stärker merke ich, wo ich herkomme», bekennt er im Emmenlauf, einem Tatort seiner Jugend. Seine Worte bilden das erste Statement des Films, der mit der Vorstellung, einer «Introduction» der Hauptdarsteller beginnt.

Ein wenig entsteht der Eindruck, man sitze im Theater und habe das Programmheft auf Seite drei aufgeschlagen, wo die Spielenden und ihre Rollen schön aufgelistet sind. Tinu, der Fahrende Sänger, Thom, der einheimische Hardrocker, Babs Wüthrich, die mit ihrer Mutter als Kind eingewanderte junge Köchin, ein erklärter Fan der Shakra . . . So weit kommt man, dann geht die Post ab, beziehungsweise der Vorhang auf, und die Emmentaler Band spielt auf dem Eis der Ilfis-Halle. Eine weitere Ebene, ein weiteres Sediment des Emmentaler Lebens wird sicht- und vor allem hörbar: Der Sport wäre eine mögliche einfache Bezeichnung dafür, der Sport vom eidgenössischen Kranzschwinger, dem Zimmermann Matthias Siegenthaler aus Fankhaus, einem Einzelkämpfer, bis zum Eishockeyclub SCL Tigers und seinem treuen Publikum. Simon Schenk, Spieler, Trainer und heute Sportchef auf dem Zürcher Eis und dazu Politiker im Bundeshaus steht für die Sportgeschichte, die einst bis zum Schweizer Meistertitel der Langnauer führte.

Aber es geht um mehr als Sport. Die Gruppe, die Band, das Team, die Gemeinschaft bergen im Emmental Kräfte, die in der Natur, auf dem Hof, im Geschäft und in der Politik Grosses vollbringen. Ueli Heiniger, der ehemalige Fernsehmoderator und Bruder von Tinu, gesteht, dass er als Bub bei Langnauer Niederlagen geweint habe. Bruno Marazzi, der als Grosskind eines Norditalieners noch hie und da gefoppt wurde, liess im Emmental das Baugeschäft seiner Vorfahren wachsen, bis es im Raum Bern zum Generalunternehmen wurde, welches das Stade de Suisse erbaute. Peter Jakob, Seiler in Trubschachen und in Langnau Präsident der Tigers, hat Firmen in Deutschland und Saigon gegründet und zeigt damit Mut, auch indem er mit seiner hochmodernen Produktionsstätte dem Emmental treu bleibt.

Zukunft mit Geschichte

Diese beiden visionären Geschäftsleute weisen in die Zukunft, während es Ueli Heiniger vorbehalten ist, in der Vertikalen zu sondieren, an Niklaus Leuenberger zu erinnern, der mit Tausenden Emmentalern und Entlebuchern vor die Stadt Bern zog, dort mit den Patriziern eine friedliche Lösung des Konflikts fand und sie mit dem Tod bezahlte. Nicht alter Hass wird damit aufgeheizt; es ist indessen gut die Geschichte zu kennen, um in Liebe und Respekt zusammenleben zu können. Das gilt auch für die ausgebeuteten Emmentaler Heimarbeiterinnen, welche 1943 zusammenstanden, um für eine Prise Gerechtigkeit zu kämpfen. Ida Heiniger-Frauchiger kennt ihre Geschichte und es gehört zu den eindrücklichsten Momenten des Films, wenn sie am Ort des Frauenaufstands die Reportage von Paul Senn betrachtet und aus den Frauengesichtern Not, Mut, Angst und Tapferkeit liest. Mit Paul Senn kommt ein weiterer starker Bildträger in die komplexe, stets klare Filmstruktur von «Herz im Emmental». Seine Fotografien sind Menschenbilder, stark, unumstösslich, mahnend: mahnend heute für Politiker, die nicht dem Herzen, sondern dem Präsidenten gehorchen.

Mit offenen Worten schildert Hans Grunder, der BDP-Präsident, den unerträglichen höhnischen Stil im Bundeshaus, der ihn zum Handeln bewegt hat. Wenn dann der Film von der Bundeshauskuppel auf die Felskuppe der Schrattenfluh geschnitten wird und auf den Kemmeriboden Schwinget hinunterfährt, so gelingt dem Filmteam (Schnitt: Christof Schertenleib) ein Gleichnis von Gotthelfscher Kraft und Unmittelbarkeit. Es braucht keine goldverbrämte Grünspankappe, um Verantwortung zu tragen, aber es braucht den in die Sonne ragenden Berg, seine schattenreichen Wintertäler und den Weitblick von der Höhe, um zu spüren, dass Geld, Besitz und Macht nur selten Liebe meinen und höchstens ein kurzes Lehen sind vor der Grösse und Würde der Natur.

Bernhard Giger (Drehbuch, Regie) und Bänz Friedli (Drehbuch-Koautor) ist es mit «Herz im Emmental» gelungen, den bekannten Klischees ein differenziertes und gültiges Emmentalbild entgegenzustellen – eine Gruppenaufnahme bei der Ilfis-Eishalle als Zusammenfassung zum Schluss, doch dahinter ist die Landschaft, von der zu Recht gesagt wird, sie sei magisch. (Der Bund)

Erstellt: 15.10.2011, 11:58 Uhr

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1 Kommentar

Daniel Wenger

20.10.2011, 21:25 Uhr
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...sehr treffend kritisiert! Danke, Fred Zaugg! Antworten



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