Kultur

«Ich könnte mir Joschka Fischer als Bundeskanzler vorstellen»

Von Thomas Allenbach. Aktualisiert am 07.06.2011 5 Kommentare

Für Regisseur Pepe Danquart ist klar: Die Protestgeneration hat Deutschland geistig befreit. In seinem Film «Joschka und Herr Fischer» reflektiert er diese Entwicklung am Beispiel von Joschka Fischers Biografie.

Herr Fischer wandelt durch seine Geschichte und begegnet dabei dem jungen Joschka. Szenenbild aus Pepe Danquarts Film. (zvg)

Herr Fischer wandelt durch seine Geschichte und begegnet dabei dem jungen Joschka. Szenenbild aus Pepe Danquarts Film. (zvg)

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Pepe Danquart

In der Schweiz bekannt wurde Pepe Danquart mit seinen Dokumentarfilmen über die Tour de France, «Höllentour» (2004), und die Extrembergsteiger Thomas und Alexander Huber, «Am Limit» (2007).

Danquart, geboren 1955, war Mitbegründer der Medienwerkstatt Freiburg, einem linken Kollektiv ähnlich dem Videoladen Zürich, das von 1978 bis 1991 über 30 Dokumentarfilme produzierte.

Seit 1994 realisiert Danquart, der mittlerweile in Berlin lebt, seine Filme für die eigene Produktionsfirma. 1994 erhielt er für «Schwarzfahrer» den Oscar für den besten Kurzspielfilm.

Joschka Fischers Selbstbesichtigung

Originell ist die Form, die Pepe Danquart für seinen 140-minütigen Film über Joschka Fischer gewählt hat. Er stellt den früheren Häuserkämpfer, der als Taxifahrer zum Realo wurde und später als deutscher Aussenminister Truppen in den Kosovo schickte, in eine Videoinstallation mit Bildern aus dessen Leben.

300 Stunden Archivmaterial hat Danquart zu 24 Filmen von jeweils drei Minuten komprimiert, die er auf frei hängende Scheiben projiziert. Fischer wandelt durch dieses Arrangement und kommentiert die Szenen, die seine Geschichte und die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland dokumentieren.

Danquart wollte die Bilder als emotionale Türöffner einsetzen, und tatsächlich zeigt sich Fischer offen und selbstkritisch, bleibt aber immer Herr der Lage. Danquart, der in Fischers politischer Biografie viele Parallelen zu seinem eigenen Leben sieht (ohne dies zu thematisieren), beobachtet seinerseits die Selbstbesichtigung seines Protagonisten.

Dieses Material hat er chronologisch geordnet und durch Interviews mit Zeitzeugen ergänzt, darunter Daniel Cohn-Bendit, die Schauspielerin Katharina Thalbach, die Band Fehlfarben und Roger de Weck.


«Joschka und Herr Fischer» läuft heute um 18 Uhr im Kino Movie als «Bund»-Filmsoiree und ab Donnerstag im Kino Camera.

Joschka Fischer ist in Deutschland noch immer so populär, dass er gar als erster grüner Bundeskanzler gehandelt wurde. Bei der Premiere Ihres Films hat er diesen Spekulationen eine Abfuhr erteilt. Hätten Sie sich Joschka Fischer als Kanzler gewünscht, Pepe Danquart?
Ich könnte ihn mir als Bundeskanzler durchaus vorstellen, weil er – neben Kohl – der wohl entschiedenste Europapolitiker ist, den wir haben. Und diese europäische Perspektive ist, gerade für Deutschland, die einzige zukunftsgerichtete Politik. Aber das Thema ist für ihn persönlich abgehakt.

Könnte Fischer auf seinen Entscheid zurückkommen?
Nein, das glaube ich nicht. Wenn er sich politisch noch einmal engagieren sollte, dann auf europäischer Ebene. Aber auch daran glaube ich nicht. Wie er im Film sagt: Er hat einfach genug von der Politik. Und er hat sich an seiner Partei, den Grünen, erschöpft.

Fischer verschwand 2005 von der politischen Bildfläche. Weshalb holten Sie ihn gerade jetzt vor die Kamera?
Ich habe 2005 mit der Arbeit am Film begonnen, sein damaliger Wahlkampf war das Erste, was ich gedreht habe. Grosse Kinofilme aber brauchen Zeit. Er ging danach nach Princeton, ich habe in den USA «Am Limit» gedreht. 2008 haben wir die Arbeit wieder aufgenommen, er wurde damals 60, genau so alt wie die Republik. Da kam mir die Idee, anhand seiner Biografie eine zeitgeschichtliche Reise durch das Nachkriegsdeutschland zu machen, von 1945 bis 2005. Weil mich seine politische Biografie interessiert hat, hört der Film auch mit dieser Zäsur auf.

Das ist praktisch, so mussten Sie nicht auf den Joschka Fischer von heute eingehen, der als Berater von Grosskonzernen arbeitet – den Joschka, der Geld macht, wie Daniel Cohn-Bendit im Film sagt. Überhaupt ist Fischer als Privatperson kein Thema im Film. Das erstaunt, immerhin war es eine linke Losung, wonach das Private politisch sei.
Das Private muss man zuerst definieren. In der Art und Weise, wie Joschka Fischer politisch argumentiert, steckt für mich sehr viel Persönliches. Wie er zum Beispiel über das Jahr 1977 nachdenkt, über die Ermordung von Hanns Martin Schleyer, den deutschen Herbst: Da zeigt er sich selbstkritisch und offen, wie man ihn noch nie, ja wie man überhaupt noch keinen Politiker von seinem Rang im Kino gesehen hat. Das zu zeigen, war mir viel wichtiger als herauszufinden, wie er mit seiner fünften Frau zusammenlebt oder welche Anzugsgrösse er trägt, das sind Boulevard-Themen. Wie gesagt, ich habe keine Biografie gemacht, ich habe anhand seiner politischen Biografie vielmehr eine Zeitreise durch 60 Jahre Deutschland realisiert.

Der Film heisst aber nicht «60 Jahre Deutschland» sondern «Joschka und Herr Fischer».
Ja, und das hat übrigens nichts mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun, wie auch schon interpretiert wurde, sondern mit seiner Entwicklung vom Sponti zum Minister. Das ist ein Film mit allergrösstem Respekt für seine Lebensleistung und für die wohl aussergewöhnlichste Biografie, die das Nachkriegsdeutschland hervorgebracht hat. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Hatte Joschka Fischer in Bezug auf den fertigen Film ein Vetorecht?
Nein. Ich habe ihm, wie ich das bei all meinen Protagonisten tue, den Film gezeigt. Er hat ihm gefallen, und das wars.

Gab es keine Szene, die er nicht im Film haben wollte?
Nein.

Sie lassen Joschka Fischer inmitten von Archivbildern über die wichtigen Stationen seines Lebens referieren. Wollten Sie ihn mit filmischen Mitteln aus der Reserve locken?
Ich wollte ihn in übertragenem Sinn in seine eigene Geschichte, die auch meine und unsere ist, stellen. Aus eigener Erfahrung wissen wir, dass man sich emotional öffnet, wenn man sich selber in Filmen sieht. Das funktioniert auch bei Joschka Fischer, trotz seiner immensen Medienerfahrung. Dieses Schwanken zwischen sehr persönlichem Erzählen und staatsmännischem Räsonnieren und Analysieren ist für mich das Besondere an diesem Film.

Befürchteten Sie nie, dieser Rahmen könnte zu museal, Fischer darin zu dozierend wirken?
Dieses Risiko bestand, die Publikumsreaktionen zeigen mir aber, dass dem nicht so ist. Ich erlebe es immer wieder, dass Leute Tränen vergiessen und Gänsehaut kriegen, weil sie in diesem Film auch ihre Geschichte gespiegelt sehen. Das trifft auch auf den einen oder andern Eidgenossen zu. Der Film lässt die Erinnerungen an Gösgen und Kaiseraugst aufkommen, Häuserkämpfe gab es auch in der Schweiz, auch hier wurde in den Siebzigern und Achtzigern protestiert.

Das Konzept ist neu und überraschend. Es hat aber den Nachteil, dass Sie blosser Beobachter bleiben und nicht nachhaken können, etwa wenn es um Fischers Verhältnis zur Gewalt geht, eine Frage, die ihn ja als Minister eingeholt hat.
Meine Rolle ist nicht bloss die des Beobachters. Ich bin ja der konzeptionelle Künstler, der Fischer in die Bildwelten versetzt hat. Ich bin es, der ihn fordert, meinen biografischen Entwürfen zu folgen, nicht umgekehrt. Mir waren die Brüche in der Geschichte der Bundesrepublik wichtig, die Kämpfe, die notwendig waren, die Irrläufe, die dazu gehörten. Ich wollte zeigen, wie die ausserparlamentarische Bewegung sich bei den Grünen sammelt, wie die Grünen die parlamentarische Politik verändern und wie diese umgekehrt durch die Institutionen verändert werden. Zum Thema Gewalt: Da zeigt der Film doch deutlich, dass die Proteste auf der Strasse dieses Land geistig mehr befreit haben als das Wirtschaftswunder und die Politik Adenauers. Geschichte kann man nur mit Haltung erzählen, und meine Haltung ist völlig klar.

Ergänzt werden Fischers Statements durch Erzählungen von Leuten wie Daniel Cohn-Bendit. Kritische Stimmen fehlen. Dachten Sie nie daran, eine Fischer-Kritikerin wie Jutta Ditfurth zu Wort kommen zu lassen?
Was hätte Frau Ditfurth gebracht? Wir alle wissen doch genau, was sie gesagt hätte. Die Auseinandersetzung zwischen Realos und Fundis bei den Grünen ist im Film ja sehr wohl ein Thema. Dieses Spiel, das man jeden Abend im Fernsehen bei den Talkshows verfolgen kann mit Kontrahenten, die sich auf den Kopf hauen, ist kein dramaturgisches Mittel, das fürs Kino taugt. Die Pseudo-Objektivität dieses Pro und Kontra interessiert mich nicht. Man kommt der Wahrheit näher, wenn man sich auf eine subjektive Perspektive einlässt. (Der Bund)

Erstellt: 07.06.2011, 12:22 Uhr

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5 Kommentare

Roberto Gloor

07.06.2011, 13:31 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Warum nicht gleich Dieter Bohlen als Kanzler?! - Der hat wenigstens keine Steine auf Polizisten geworfen und in Deutschland sicher viel mehr Steuern bezahlt als Joschka. Antworten


Matthias Vogelsanger

07.06.2011, 15:32 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Auch ich kann mir Fischer gut als Bundeskanzler vorstellen. Opportunismus als Kernkompetenz reicht offensichtlich aus, wenn man die gegenwärtige Amtsinhaberin anschaut. Nimmt man Fischer zum Masstab, sind Hartz IV und Bomben auf Belgrad die Endpunkte der "Befreiung" die Danquart zu zelebrieren versucht. Die Geschichte eines Scheiterns durchsichtig verpackt. Antworten



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