Interview

«Ich blende nicht aus, wenn es schwierig wird»

Der Berner Christian Iseli erzählt in seinem autobiografischen Familienporträt «Das Album meiner Mutter» die Lebensgeschichte seiner Mutter und denkt über die Erinnerung nach.

Christian Iseli betrachtet mit seiner Mutter die Bilder ihres Lebens.

Christian Iseli betrachtet mit seiner Mutter die Bilder ihres Lebens.

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Christian Iseli, Sie haben bisher in Ihren Filmen gesellschaftliche, historische, politische Themen verhandelt. Was bewog Sie zu diesem sehr persönlichen Werk?

Ich dachte zunächst gar nicht an einen Film. Am Anfang war das ein privates Projekt zusammen mit meiner Mutter. Wir schrieben gemeinsam ihre Lebensgeschichte auf und machten daraus ein Buch zu ihrem 90. Geburtstag. Auslöser war der Tod meines Vaters. Auf einmal war die Lebenserfahrung eines Menschen einfach weg, und man konnte nicht mehr nachfragen. Ich wollte es mit der Mutter anders halten.

Im Film kann man beobachten, wie Ihre Mutter das Geheimnis ihres Lebens lüftet: dass sie während der Kriegsjahre als ledige Frau heimlich schwanger war. Weshalb hat sie zuvor nie darüber gesprochen?

Das hat wohl mit der Verschwiegenheit des Vaters zu tun, die sie stets respektiert hat. Erst nach dessen Tod nahm sie sich die Freiheit, ihre Wahrheit zu erzählen. Dabei blieb sie aber immer sehr kontrolliert: Sie erzählt ja nur, was sie wirklich erzählen will. Und sie tut dies mit fast schon dramaturgischem Geschick, indem sie die Informationen nur Schritt für Schritt preisgibt. Ich begreife erst beim wiederholten Nachfragen, dass es sich offenbar um einen bisher tabuisierten Teil unserer Familiengeschichte handeln muss.

Sie haben nach dem 90. Geburtstag der Mutter weitergefilmt. Weshalb zeigen Sie auch die endlose Einsamkeit ihrer letzten Lebenstage im Altersheim?

Das ist einer der entscheidenden Punkte, die diesen Film von einem Homemovie unterscheiden: Ich blende nicht aus, wenn es schwierig und schmerzhaft wird. Das Sterben meiner Mutter war für mich emotional von zentraler Bedeutung. Und auch wenn es während des Filmschnitts schmerzhaft war, diese Szenen zu sehen, hätte ich mir nicht vorstellen können, sie nicht zu zeigen. Ich wollte die Geschichte meiner Mutter bis zum Ende erzählen.

Wie hat eigentlich Ihre Mutter die Dreharbeiten im Altersheim erlebt?

Ich hatte die Kamera in ihrem Zimmer deponiert. Wenn wir Lust hatten, nahmen wir sie hervor und filmten. Solange die Mutter bei Kräften war, hatten wir beide Spass daran. Unser gemeinsames Projekt hat die Besuche im Altersheim, die ja sonst häufig steif und auch hilflos sind, ungemein belebt.

Wann entschlossen Sie sich, aus dem zunächst privaten Projekt doch einen Kinofilm zu machen?

Ich gewann den Eindruck, dass meine persönliche Auseinandersetzung eine weitere Öffentlichkeit interessieren kann, weil sich darin allgemeine gesellschaftliche Phänomene zeigen. Durch die Überalterung unserer Gesellschaft sind viele Menschen mit fundamentalen Fragen konfrontiert: der Verlust der Selbstständigkeit, der Übergang in ein Heim, der Tod eines Partners oder das nahe Lebensende. Davon sind nicht nur die alten Menschen betroffen, sondern insbesondere auch ihre Kinder und deren Familien. Die erzählte Geschichte meiner Eltern steht zudem auch stellvertretend für die Geschichte und die Mentalität der Aktivdienstgeneration. Eine Generation, die unterdessen am Aussterben ist, deren Mythen aber durchaus noch nachwirken.

Eine weitere Dimension erhält Ihr Film durch Ihre Gedanken zu Themen wie Erinnerung, Fotografie, Erzählung. Weshalb war Ihnen dieser reflexive Teil wichtig?

Meine Reflexionen ergeben sich aus der Auseinandersetzung mit dem Thema: Erinnerungen, Erzählungen, Fotografien sind von zentraler Bedeutung, wenn man sich mit der Geschichte der Eltern befasst. Und wer dies tut, wird bemerken, dass Erinnerungen die Form von Erzählungen annehmen und deshalb stets mehr oder weniger konstruiert sind.

«Das Album meiner Mutter» steht in der Tradition des Essayfilms, wie ihn etwa Chris Marker geprägt hat. War er Ihnen ein Vorbild?

Ich mag essayistische Filme sehr gern. Was mich bei Chris Marker fasziniert, ist das komplexe Spiel mit Text und Bild. Darin ist auch Harun Farocki ein absoluter Meister, auch im zyklischen Erzählen, das mir in meinem Film, in diesen Kreisbewegungen um das Geheimnis der Mutter, sehr wichtig war.

In Ihren Überlegungen zum Wesen der Fotografie klingen die Gedanken von Roland Barthes an. Haben Sie deshalb ein Zitat von ihm – «Das Kinderfoto meiner Mutter vor Augen, sage ich mir: Sie wird sterben . . .» – an den Anfang des Films gestellt?

Um Roland Barthes kommt man kaum herum, wenn man sich mit Fotografie befasst. Besonders faszinierend war für mich, dass Barthes sein Werk über die Fotografie ausgerechnet nach dem Tod seiner Mutter geschrieben hat. Das Zitat steht zudem auch deshalb am Anfang, weil ich damit signalisieren will, dass es sich um einen reflexiven Film handelt, damit man ihn von Anfang an richtig «liest».

Sie charakterisieren Ihren Film treffend auch als «autobiografisches Familienporträt». Hatten Sie nie Bedenken, sich selber derart zu exponieren, etwa in den Szenen mit Ihrer sterbenden Mutter?

Bedenken und Zweifel sind ein konstanter Begleiter kreativer Arbeit. Man darf aber nicht vergessen: Wenn man in einem Film vor der Kamera agiert, bei dem man selber Autor und Cutter ist, dann hat man ja die vollständige Kontrolle. Man entscheidet, was im Film ist und was nicht. Mit dieser Gewissheit ist man beim Drehen sehr ruhig. (Der Bund)

Erstellt: 02.09.2011, 12:59 Uhr

Trailer

Premiere

Wie verlässlich sind Erinnerungen? Wann und wie werden sie zu Erzählungen? Wie sehr sind diese konstruiert? Wie gehen wir mit der Endlichkeit unserer Eltern um? Es sind universelle Fragen, die Christian Iseli in seinem überzeugend gestalteten Dokumentarfilm auf kluge und zugleich zugängliche, verständliche Art aufwirft. Mit dem Blick des Historikers spiegelt Iseli in der Geschichte seiner Eltern Fritz Iseli (1917–2003) und Marie Iseli-Stettler (1914–2008) zudem die Geschichte der Aktivdienstgeneration. Herzstück des Films aber sind Iselis Begegnungen mit der Mutter, die vor der Kamera zur Verblüffung des Sohnes ein lange gehütetes Geheimnis preisgibt. In erster Linie ist «Das Album meiner Muter» deshalb ein Werk von intimer Nähe: Es ist der berührende Film eines Sohnes, der Abschied nimmt von seiner Mutter. Und der sich dabei neu, aber stets kritisch, auf das Milieu und die Werte seiner Eltern einlässt.

Als Vorfilm zu Iselis autobiografischem Film läuft «Ich» von David Fonjallaz – ein Titel, der passt. Der Berner Fonjallaz hat mit Stefan Suske und Grazia Pergoletti in den Hauptrollen die gleichnamige Kurzgeschichte von Arthur Schnitzler überzeugend umgesetzt. Suske spielt einen Mann, dessen Welt an jenem Sonntag zerbricht, da ihm im Park ein Schild mit dem Hinweis «Park» auffällt. In seinem Bemühen, von nun alles zu benennen, um Missverständnisse zu eliminieren, kommt ihm die Wirklichkeit abhanden.

«Das Album meiner Mutter» (mit «Ich» als Vorfilm) läuft im Kino Kunstmuseum. Premiere in Anwesenheit von Christian Iseli: Morgen Samstag, 18.30 Uhr.

Christian Iseli, 1957 in Uetendorf bei Thun geboren, ist Filmemacher und Dozent im Fachbereich Film der Zürcher Hochschule der Künste. Seine wichtigsten Filme: «Le terroriste suisse» (1988), «Grauholz» (1991), Der Stand der Bauern» (1995).

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