Kultur

Heisskalte Erregungen

Roman Polanskis Verhaftung zum Trotz: Am 5. Zurich Film Festival schälte sich ein erster Anwärter auf einen Preis heraus.

Es gibt ein Leben abseits des roten Teppichs, sogar am Zurich Film Festival. Aber wenn man Pech hat, entkommt man der Filmwelt nicht mal im Kino. Wie im französischen Film «Le père de mes enfants», der hier im internationalen Wettbewerb läuft. Da dürfen wir dabei sein, wie ein Filmproduzent pausenlos telefoniert und seine Quality Time mit Frau und Töchtern verbringt, während er unaufhaltsam auf den Bankrott zusteuert. Dann, nach genau einer Stunde, schiesst er sich eine Kugel in den Kopf. Die Familie trauert, aber der Film erholt sich schnell und geht dann ohne den Vater genau so weiter wie zuvor. Der Film beruht auf dem realen Fall eines französischen Produzenten, aber das Interessanteste daran bleibt der schöne Name der Regisseurin: Mia Hansen-Løve heisst sie und wird in Frankreich als grosses Talent gehandelt.

Geschickter Nils Althaus

Es drohte dann noch ein zweiter Selbstmord, aber Nils Althaus stellte sich viel zu ungeschickt an. Da hält er sich ein Gewehr unters Kinn und holt sich, als er endlich abdrückt, doch nur ein blutendes Ohr dabei. So fängt er an, der Schweizer Film «Im Sog der Nacht» von Regisseur Markus Welter. Es ist ein Thriller, der von einem gefährlichen Pärchen erzählt, das auszieht, um seinen unbändigen Lebenshunger mit einem kleinen Bankraub zu stillen. Althaus ist der passive Dritte im Bunde, der sich auf das blutige Spiel einlässt, weil er gerade nichts Besseres zu tun hat, nachdem es nicht geklappt hat mit dem Sterben aus Liebeskummer.

Mit den Taschen voller Geld versteckt sich das Trio in einem Jägerhaus in den Bergen, und spätestens hier kämpfen die drei Helden auch gegen die übermächtige Erinnerung an einen anderen Film an. Der sehnige Stipe Erceg, der hier den unberechenbaren Chef spielt, war ja schon einmal im Trio losgezogen, um sich zu nehmen, was ihm nicht gehörte. Aber damals trug er noch die Revolution im Herzen und grosse politische Ideen auf der Zunge: «Die fetten Jahre sind vorbei» hiess der Film, und «Im Sog der Nacht» lebt von einer täuschend ähnlichen Konstellation – nur dass der antikapitalistische Unterbau restlos entsorgt wurde. Hier wurde ja auch nicht das Unbehagen in der Konsumkultur verfilmt, sondern ein norwegischer Krimi, der auf heisskalte Erregungszustände aus ist. Da ist sogar Raum für ein surreales Rendezvous mit einem Hirsch, auch wenn man dabei wieder nur an einen anderen Film denkt (das Gipfeltreffen zwischen der Königin und dem Rotwild in «The Queen»).

Romantik der ewigen Verzögerung

Von lakonischem Charme war dann das südamerikanische Remake eines Schweizer Kurzfilms. Das war jetzt ein wenig hochgestapelt, aber beim Film «Gigante» des gebürtigen Argentiniers Adrian Biniez denkt man wirklich wiederholt an Reto Caffis «Auf der Strecke». Der Wachmann eines Supermarkts verliebt sich via Überwachungsmonitor in eine Putzfrau. Es gibt sogar den vermeintlichen Nebenbuhler, der wie schon bei Caffi von Strassenjungs überfallen wird – aber hier geht unser Held beherzt dazwischen und schlägt die Burschen nieder.

Er hat ja auch die körperlichen Anlagen dazu: Der treuherzige Wachmann ist, wie der Titel schon sagt, ein Mocken von einem Mann. Der Riese hört Heavy Metal, ist die Sanftmut in Person und arbeitet dann einen Film lang darauf hin, seine Schüchternheit zu überwinden. Da wirkt die Romantik der ewigen Verzögerung: Sogar den ersten Kuss holt sich der Wachmann nur indirekt, als er den Labello aufhebt, den seine Angebetete verloren hat. Wir haben in diesem kleinen Meisterstück der Reduktion einen ernsthaften Anwärter auf einen Preis – kein Wunder, denn «Gigante» wurde schon in Berlin dreifach ausgezeichnet.

Weitere Spielzeiten siehe www.zurichfilmfestival.org. «Im Sog der Nacht» und «Gigante» laufen ab 15. Oktober in den Schweizer Kinos.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2009, 06:52 Uhr

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