Kultur

Halb so wild

Von Regula Fuchs. Aktualisiert am 26.03.2012

Nun kommen sie ins Rentenalter: Jene, die 1968 jung waren. Die Berner Filmerin Veronika Minder porträtiert in «My Generation» Menschen mit Jahrgang 1948.

 «Jung, frei und sexy» seien sie gewesen, sagt Tänzerin Uschi (hier auf einem Bild aus den Achtzigern). «Negerli, es Bier!», riefen ihr die Gäste zu, als sie kellnerte.

«Jung, frei und sexy» seien sie gewesen, sagt Tänzerin Uschi (hier auf einem Bild aus den Achtzigern). «Negerli, es Bier!», riefen ihr die Gäste zu, als sie kellnerte.
Bild: zvg

Vorstellungen

«My Generation» läuft zurzeit im Lunchkino (Kino Bubenberg). Ab 29. März im regulären Kinoprogramm.

«Älter als 45 habe ich damals nicht werden wollen. Das schien uns uralt!», sagt Patrizia Habegger, eine der sechs Protagonistinnen in «My Generation». Nun ist sie aber trotzdem noch da, zusammen mit vielen anderen, die 1968 jung waren und eigentlich nicht alt werden wollten.

Geboren 1948 – das ist die Klammer um Veronika Minders Porträtcollage, und es ist auch ihr eigener Jahrgang. Indem sie Gleichaltrige befragt, erzählt Minder auch von sich selbst, indirekt allerdings, so wie in ihrem Kino-Debüt «Katzenball» von 2005. Die schwungvolle Revue über die lesbische Liebe in der Schweiz hatte es damals bis nach Südafrika und Japan geschafft, viel gelobt wurde sie, oft ausgezeichnet. «Nach sechs Jahren nützt einem ein solcher Erfolg allerdings nicht mehr viel», sagt Minder. So musste sie ihren Zweitling mit weniger Fördergeld in Angriff nehmen als einst «Katzenball».

Und die normalen Menschen?

Ursprünglich schwebte Minder ein Film über LSD vor: «Patrizia, mit der ich einst in einer WG lebte, hatte ein Techtelmechtel mit Timothy Leary, als er in der Schweiz Asyl fand. Das wäre der Ausgangspunkt gewesen.» Doch man habe ihr gesagt, bei einem solchen Thema kriege sie von der Filmförderung keinen roten Rappen.

Die Biografie ihrer Freundin liess Minder aber nicht los, und 2008, als es 40 Jahre nach 1968 diverse Ausstellungen und Publikationen zur Studentenrevolution gab, entstand die Idee des Generationenporträts. «Ich besuchte Ausstellungen in der Schweiz und in Deutschland, und alle stellten das Politische in den Vordergrund. Die sogenannt normalen Menschen kamen da nicht vor. Ein Manko – schliesslich konnte nicht jeder ein Rudi Dutschke sein.»

In der Tat sind es nicht die klassischen Biografien von Studentenrevoluzzern, die sich Veronika Minder in «My Generation» erzählen lässt. Denn da ist etwa Mary-Christine Thommen, die 1968, mit 20, von einem bürgerlichen Leben träumte – inklusive Haus und Familie. Und Willi Wottreng, der Publizist aus Zürich, der einst in der maoistischen Szene politisch aktiv war, gesteht fast verschämt ein, dass er schon mit dreissig für die dritte Säule eingezahlt habe – und mittlerweile ganz in der normgebenden Gesellschaft gelandet sei.

Brüchige Biografien

Das Politische kommt in «My Generation» also nur vor, wenn die Porträtierten es selber erwähnen. Minder verzichtet auf einen Off-Kommentar oder einen expliziten historischen Hintergrund. «Für mich war 1968 vor allem eine kulturelle Revolution», sagt sie. Und, so suggeriert ihr Film, 1968 bedeutete für die Porträtierten vor allem den Ausbruch aus der muffigen Atmosphäre der Vierziger- und Fünfzigerjahre, als die Eltern zu Hause mit dem Teppichklopfer hantierten und den Kindern vorschrieben, welchen Beruf sie wählen sollten.

Auf diesem spröden Grund sprossen denn auch brüchige Biografien. Wie jene von Patrizia, die erst nach Paris, dann nach Indien flüchtete. Oder von Fredy Studer, dem Schlagzeuger, der in der Improvisation künstlerische Freiräume fand und mit seinen Bands – mangels Proberäumlichkeiten – auch mal im Parkhaus eine Session abhielt. Es gab Drogen, es gab Sex, aber beides nicht bis zum Exzess. «Jung, frei und sexy» seien sie gewesen, sagt Uschi Janowsky, die Tänzerin.

So wild, wie das klingt, waren die Zeiten aber eben nicht nur. Denn die Andersfarbige, die als uneheliches Kind eines amerikanischen Soldaten in Deutschland aufgewachsen war, erlebte Diskriminierung auf vielen Ebenen: «Negerli, es Bier!», riefen ihr die Gäste zu, als sie tagsüber kellnerte. Abends stand sie auf der Bühne.

Die Globuskrawalle verpasst

Es sind teilweise unkonventionelle Geschichten, die Minder in einem recht konventionellen Interviewstil einfängt. Es fallen denkwürdige Sätze (Willi Wottreng: «Man versucht sich jahrelang eine Identität aufzubauen, und wenn man sie nach 50, 60 Jahren gefunden hat, wird sie bereits herbstlaubgelb.»), es gibt Erheiterndes (wie etwa derselbe Willi Wottreng als Student die Globuskrawalle verpasste, da er zum ersten Mal bei seiner Freundin übernachtete), es geht ums Leben, es geht um den Tod. Doch durch diese grosse Spannweite verlieren die gewichtigen Fragen paradoxerweise an Gewicht.

Um das Individuelle der Lebensgeschichten zu verbinden, lässt Minder den ebenfalls 1948 geborenen Physiker und Chemiker Jean-Pierre Ruder zu Wort kommen, einen, den die Mondlandung von 1969 nicht mehr losliess. Die Fragen, die sich die Weltraumforschung ganz pragmatisch stellt – Woher kommen wir? Wohin gehen wir? –, hätten auch ihre Generation beschäftigt, sagt Minder, aber in einem philosophischen Sinn. Auch, weil sich die Elterngeneration nach dem Zweiten Weltkrieg nicht damit befassen mochte.

Für die Arthouse-Generation

Und wie ist es denn mit jenen, die heute jung sind? Sollen sie sich für «My Generation» interessieren? Minder sagt, sie habe den Film primär für Gleichaltrige gemacht – «schliesslich sind das auch die, die überhaupt noch ins Arthouse-Kino gehen». Und doch interessiert sie das Urteil der Jungen. Minder ist sich bewusst, dass sie einer privilegierten Generation angehört – einer, die den Jungen von heute vor der Aussicht stehe, wie sie sagt: «Ein junger Zuschauer sagte mir nach dem Film, er sei deprimiert, denn es gebe nichts mehr zu tun – die Kämpfe seien ausgefochten, die Musik definiert, die Träume verwirklicht.»

Ob das so ist? Patrizia sagt jedenfalls im Film, ihr sei im Leben jeder Wunsch erfüllt worden. Nur vielleicht der nicht, nie alt zu werden. Halb so wild.

(Der Bund)

Erstellt: 26.03.2012, 09:46 Uhr

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