Kultur

«Geistige Landesverteidigung, nein danke»

Von Florian Keller. Aktualisiert am 25.11.2011 1 Kommentar

Ivo Kummer, der neue Filmchef beim Bund, möchte nicht, dass sich die hiesige Filmindustrie nur auf den Binnenmarkt konzentriert.

«Man muss die Suppe essen, die gekocht wurde»: Filmchef Kummer.

«Man muss die Suppe essen, die gekocht wurde»: Filmchef Kummer.
Bild: Keystone

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Ihr Vorgänger Nicolas Bideau wurde einst geholt, um der Filmpolitik neue Impulse zu geben. Von Ihnen erwartet der Bundesrat das Gegenteil.
Nicht das Gegenteil, aber man muss wieder ein Gleichgewicht schaffen. Ich soll dafür sorgen, dass die Leute ihre Zeit wieder in ihre Filme investieren können, ohne dass sie ständig durch die Filmpolitik abgelenkt werden. Aber wenn wir in Zukunft zum Beispiel keine Fernsehfilme mehr fördern und mit diesem Geld stattdessen die erfolgsabhängige Förderung für Kinofilme aufstocken, sind das durchaus neue Akzente. Das sind Impulse, die direkt in die Produktion fliessen.

Das sind aber filmpolitische Neuerungen, die nicht Sie selbst ins Spiel gebracht haben.
Klar, ich bin nicht der, der die Spielregeln aufgestellt hat. Ich bin da in den vorgespurten Weg eingebogen, und dieser Weg war vorgegeben durch die Gespräche mit der Branche über die neuen Förderkonzepte. Daran musste ich mich halten. Wichtig ist, dass man nicht im Elfenbeinturm etwas entwirft, das mit der Realität in der Filmbranche nichts zu tun hat. Die Ergebnisse aus den Branchengesprächen, die Marc Wehrlin im Auftrag des Bundesrats geführt hat, sind verbindlich. Man muss die Suppe essen, die gekocht wurde.

Und die Suppe mit den neuen Förderkonzepten haben nicht Sie gekocht?
Ich habe ein bisschen nachsalzen können.

Das klingt unbefriedigend.
Nein, ich schätze die Arbeit, die geleistet wurde. Ich kann damit leben, auch wenn ich nicht in allen Dingen so entschieden hätte, wie es schliesslich herausgekommen ist. Ich bin auch nicht so naiv zu glauben, dass alle glücklich wären. Aber man hat nun schon so viel ausprobiert, und im Endeffekt kommt es wahrscheinlich immer wieder ähnlich heraus. Das Gute kann man nie erreichen. Aber etwas Besseres ist immer möglich.

Haben Sie den Bundesrat überzeugt mit dem Versprechen, Ruhe in die Branche zu bringen, oder haben Sie auch ein filmpolitisches Programm?
Versprechen kann ich sowieso nichts. Ich habe auch gegenüber dem Bundesrat nichts versprochen. Meine filmpolitische Vision mag sehr allgemein sein, aber sie ist immer noch dieselbe: Vielfalt und Qualität. Auch im Bundesgesetz ist verankert, dass Filme nach diesen Grundsätzen gefördert werden sollen. Dazu gehören auch der verbesserte Kontakt zur Branche und eine transparente Kommunikation. Aber ich mache die Filme nicht selber. Wir schaffen bloss die Rahmenbedingungen für sie.

Das klingt nicht so, als wäre der Filmchef des Bundes überhaupt in einer Position, in der er filmpolitische Visionen entwickeln darf.
Selbstverständlich darf er das. Was heisst das überhaupt, eine filmpolitische Vision? Ist das eine Vision, sogenannte «Lokomotiven» in die Landschaft zu setzen? Ich bin kein Intendant, auch wenn es auf dem Papier so aussehen könnte, weil ich jedes Fördergesuch unterschreiben muss - ob es unterstützt wird oder nicht. Ich wäre falsch beraten, wenn ich die Entscheide unserer Kommissionen umstürzen würde. Das wäre eine Farce.

Wünschen Sie sich immer noch mehr Filme, die vom urbanen Leben handeln, wie Sie das als Direktor der Solothurner Filmtage gerne erklärt hatten?
Das ist nach wie vor mein Wunsch, ja. Ich muss nicht verheimlichen, dass mir gesellschaftlich relevante Filme am besten gefallen und dass ich mit einem Horrorfilm weniger anfangen kann. Aber alles trägt zur Vielfalt bei. Und es steht mir nicht an, Filme zu kommentieren. Ich lese die Gesuche ja nicht, die eingereicht werden, dafür habe ich keine Zeit. Und ich entscheide auch nicht, sondern respektiere einfach die Entscheidungen der Kommissionen.

Sie haben den Ruf, ein Anhänger des Giesskannenprinzips zu sein. Regt sich da Widerstand, wenn Sie das hören?
Sicher, weil es einfach nicht stimmt. Es werden jeweils nur rund 20 Prozent der Gesuche unterstützt. Da kann man sicher nicht von Giesskanne reden. Auch in der erfolgsabhängigen Förderung haben wir uns entschieden, dort anzusetzen, wo der Markt wirklich spielt, und das ist nun mal im Mittelfeld und an der Spitze. Da kommt auch nur knapp die Hälfte in den Genuss der Erfolgsprämien. Eine Förderung mit der Giesskanne, das wäre, wenn alle zu viel zum Sterben hätten, aber zu wenig, um zu leben. Ich will aber auch nicht ins andere Extrem, zur Förderung mit dem Feuerwehrschlauch.

Werfen Sie das Ihrem Vorgänger vor?
Nein, aber das war natürlich die Gefahr, wenn man vor allem Filme mit grossen Budgets fördert. Wenn ich mir die Sache genauer anschaue, muss ich aber auch sagen: So gross ist die Differenz auch wieder nicht zwischen der Politik von Bideau und der Politik von mir. Die Kommunikation ist einfach anders.

Bideau gab einen höheren Marktanteil als Vorgabe aus - und musste sich daran messen lassen, wenn er dieses Ziel verfehlte. Woran wollen Sie sich messen lassen?
An der Kontinuität. Ich will für Stabilität sorgen. Die erfolgsabhängige Filmförderung kann da helfen. Wichtig ist mir, dass mehr Stoffe entwickelt werden und dass man auch einmal den Mut aufbringt, einen Entwurf in die Schublade zu legen statt um jeden Preis damit in die Produktion zu gehen, um zu überleben. Das ist ein falscher Anreiz.

Ist es ein Ziel von Ihnen, den Output an Schweizer Filmen zu steigern?
Mit dem Geld, das vorhanden ist, ist das fast nicht möglich. Natürlich, je mehr Filme gedreht werden, umso grösser ist die Chance auf Erfolg. Wir müssen in erster Linie schauen, dass wir Filme auch allein mit Schweizer Geld finanzieren können. Es wäre katastrophal, wenn wir bei jedem Spielfilm auf das Ausland angewiesen wären, damit er überhaupt gestemmt werden kann. Da sind wir, gerade auch mit den regionalen Förderungen, ziemlich gut aufgestellt.

Sie wollen eine Ausrichtung auf den Schweizer Markt?
Nein, überhaupt nicht. Es gibt einfach Geschichten, die vor allem in der Schweiz auf Interesse stossen und die sich deshalb auch ohne ausländische Beteiligung finanzieren lassen sollen. Das heisst nicht, dass man sich nur noch auf den Binnenmarkt konzentrieren soll. Ich will doch nicht den Rückzug ins Reduit. Geistige Landesverteidigung, nein danke. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2011, 08:20 Uhr

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1 Kommentar

Philipp Rittermann

25.11.2011, 08:34 Uhr
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...nein was es beim bund nicht alles gibt....voll-linke filme-heinis....schöööön. Antworten



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