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Gegen die globale Gier

Von Mathias Heybrock. Aktualisiert am 15.01.2009

Der Wiener Filmemacher Erwin Wagenhofer sehnt in seinem neuen Werk das Ende des Neoliberalismus herbei. Dass dazu auch der durchschnittliche Sparer beitragen kann, glaubt der Wirtschaftsjournalist Caspar Dohmen, der ein informatives Begleitbuch geschrieben hat.

«Hier schreit niemand nach dem Staat»: Der Unternehmer Mirko Kovats in Erwin Wagenhofers Dokfilm  «Let’s Make Money». (Bild zvg)

«Hier schreit niemand nach dem Staat»: Der Unternehmer Mirko Kovats in Erwin Wagenhofers Dokfilm «Let’s Make Money». (Bild zvg)

Mirko Kovats ist guter Dinge. Der Vorstandschef der österreichischen Unternehmensgruppe A-Tec ist auf Geschäftsreise in Indien und fährt gerade durch einen Slum. «Hier schreit niemand nach dem Staat», brummt er zufrieden: «Hier weiss jeder, dass er hart arbeiten muss – bei uns ist das ja nicht mehr selbstverständlich.» Keine Regularien. Keiner, der Umweltschutzauflagen oder Sozialleistungen einklagt. Für Kovats ist das prima: Er macht Geld.

Im neuen Film von Erwin Wagenhofer («We Feed the World») werden wir noch einige Leute kennenlernen, die Geld machen. Mark Mobius zum Beispiel, einen kahlköpfigen Fondsmanager aus Singapur, der findet, dass man am besten dann kauft, wenn Blut auf dem Boden klebt – und sei es das eigene. Oder Terry Le Sueur, Finanzminister der Steueroase Jersey, einer kleinen Insel im Ärmelkanal. Wir sehen freilich auch Menschen, die kein Geld machen – selbst wenn sie noch so sehr auf Kovats hören und hart arbeiten. Für Wagenhofer gehören beide Menschengruppen untrennbar zusammen: diejenigen, die sich krumm schuften. Und diejenigen, die davon profitieren.

Josef Ackermanns Rückzieher

«Let’s Make Money» kommt zu einer Zeit ins Kino, in der der Zusammenbruch der Finanzmärkte längst die Realwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen hat. Obwohl er die Ereignisse der letzten Monate nicht mehr berücksichtigen konnte, ist er ziemlich aktuell. Noch im April des Jahres fuhr Wagenhofer zum Beispiel nach Spanien, wo damals die Immobilienblase platzte. Man sieht gigantische Flächen voller Luxusappartements und Golfanlagen, an denen Investoren sich eine goldene Nase verdienten. Wohnen tut niemand dort – für den Unterhalt der gigantischen Bauruine muss der Staat sorgen.

Bis zuletzt bemühte sich Wagenhofer auch um ein Gespräch mit Josef Ackermann, der zu den Ereignissen der letzten Wochen Stellung nehmen sollte. Der Schweizer Chef der Deutschen Bank sagte in letzter Minute wieder ab. Wagenhofer ist ihm nicht wirklich böse. «Ackerman kann in diesem Zusammenhang nicht gewinnen», schreibt er im Nachwort des informativen Begleitbuchs zum Film.

Da hat er wohl recht. In seinem Dokumentarfilm tritt Wagenhofers gewaltige Empörung deutlich hervor: über Manager, die Gewinne privatisieren und Verluste von der Allgemeinheit tragen lassen; über Wachstumsapologeten, die finden, wenn nur einige ungehindert zu Wohlstand kommen, werden irgendwann schon alle anderen auch profitieren; über das neoliberale Denken ganz allgemein.

Im Film wird es sehr offensiv von Gerhard Schwarz vertreten, dem Leiter des Wirtschaftsressorts der NZZ. «Geld und Waren sollten frei zirkulieren können», sagt er einmal, «Personen jedoch ein Eintrittsgeld zahlen.» Wer Mitglied eines Tennisclubs werde, bekomme die dort angebotenen Leistungen ja auch nicht umsonst. Zuvor hatte man Frauen in Burkina Faso gesehen, die auf Baumwollplantagen schuften, ohne jemals auf einen grünen Zweig zu kommen: Protektionistische Massnahmen der USA verhindern, dass ihr Produkt auf dem Markt einen fairen Preis erzielt. «Mit eurer Politik entzieht ihr uns die Lebensgrundlage», sagt der Chef der Baumwollplantage. «Ihr zwingt uns geradezu, nach Europa zu kommen.» Da klingt das neoliberale Credo von Schwarz natürlich wie blanker Hohn.

Zu simple Kritik

So verständlich Wagenhofers Empörung auch ist: Mühe macht die zuweilen etwas verschwörungstheoretisch raunende Art, in der er sie äussert. Er will zeigen, wie alles zusammenhängt: zum Beispiel die trostlose Lage in Entwicklungsländern mit dem Geschäftsgebaren auf einer Steueroase wie Jersey. Doch die Schwarz-Weiss-Malerei wird den Vernetzungen und Verstrickungen des globalisierten Wirtschaftslebens nicht immer gerecht.

Das gilt etwa für seine Ausführungen zur Weltbank – die ebenso eindeutig als böser Bube besetzt wurde wie der NZZ-Redaktor Schwarz. Wagenhofer filmt die glitzernde Fassade des Hauptsitzes in Washington. Dazu lässt er den Vertreter einer Obdachlosenorganisation sagen: «Von denen haben wir noch nie eine Spende bekommen.» Zweifellos ist das ein hübscher Kontrast. Mit der Realität dieser Bank, das würde sogar der alte Bert Brecht unterschreiben, hat das Bild dennoch nur wenig zu tun.

Grundkurs zur Finanzwirtschaft

Hier hilft das Buch «Let’s Make Money», das der Kölner Wirtschaftsjournalist Caspar Dohmen geschrieben hat. Er nimmt die Fäden des Films wieder auf und stützt sich dabei auch auf Wagenhofers Recherchen. Er ergänzt und erweitert diese Recherchen jedoch in erheblichem Umfang und bietet damit einen guten Grundkurs zum Thema Finanzwirtschaft an: vom Zins und Zinseszins bis zum Handel mit komplizierten Derivaten; von Kapitalanlagen zur Altersvorsorge bis zu sogenannten Geier-Fonds. Dohmen ist ausführlicher als Wagenhofer, er neigt weniger zur verschwörungstheoretischen Zuspitzung. Bei aller Kritik an der Weltbank und dem Internationalen Währungsfond etwa schildert der Wirtschaftsjournalist diese Institutionen doch differenziert. Auch glaubt er an ihre Reformfähigkeit.

Überhaupt legt Dohmen grossen Wert darauf, dass die Dinge sich zum Besseren ändern können. Dazu muss sich freilich seiner Ansicht nach der durchschnittliche Mittelschichtler der eigenen Verantwortung bewusst werden. Manager mögen masslos und gierig sein. Doch erst unser aller Wunsch nach hohen Renditen führte ihnen die Geldmittel zu,die sie auf oft abenteuerliche und rücksichtslose Art anlegten.

An diesem Punkt freilich treffen sich Film und Buch wieder. Auch Wagenhofer möchte, dass wir uns über die Rolle klar werden, die wir in diesem System haben. «Wenn Sie einen Pensionsfond haben, können Sie ziemlich sicher sein, dass Ihr Geld hier investiert ist», sagt einmal ein Spanier und zeigt dabei auf die gigantischen Bauruinen.

Schon «We Feed the World» zielte darauf, dem durchschnittlichen Konsumenten seine Marktmacht klarzumachen: Wer bewusst kauft, kann die Welt ändern. Dohmen und Wagenhofer haben nun den durchschnittlichen Anleger im Blick, der durchaus dazu beitragen kann, dass die Spielregeln sich ändern.

«Let’s Make Money», Vorpremiere, 17. Januar, 13.00, Kino Movie 1 (im Rahmen der Tour de Lorraine); ab 22. Januar im Normalprogramm. Caspar Dohmen: Let’s Make Money. Was macht die Bank mit unserem Geld? Orange-Press-Verlag, Freiburg im Breisgau 2008, 221 Seiten, Fr. 36.50. (Der Bund)

Erstellt: 15.01.2009, 14:07 Uhr

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