Kultur

Fatale Schäferstündchen

Von Marianne Mühlemann. Aktualisiert am 22.12.2011 1 Kommentar

Der dänische Regisseur Kasper Holten verlegt Mozarts «Don Giovanni» in die Gegenwart: Seine brillant besetzte Opern-Adaption ist spannend wie ein Thriller und nicht nur, aber auch für Opernfans.

Stets bereit, schnell zur Sache zu kommen: Verführer Juan (Christopher Maltman) im Schlafzimmer der Anna (Maria Bengtsson).

Stets bereit, schnell zur Sache zu kommen: Verführer Juan (Christopher Maltman) im Schlafzimmer der Anna (Maria Bengtsson).
Bild: zvg

Trailer

Im Kino

Der Film läuft ab heute (20.30 Uhr) im Kino Kunstmuseum. Im Anschluss an die Vorführung: Diskussion mit Florian Reichert (HKB) über Opernverfilmungen und den Don Giovanni unserer Zeit.

www.kinokunstmuseum.ch

Was für ein Einstieg in einen Kinofilm, der eigentlich eine Oper ist. Eine Oper allerdings, wie man sie so noch nie auf Leinwand gesehen hat.

Der Film heisst «Juan» und seine Geschichte beginnt da, wo man es in einer Oper erwartet: im Opernhaus. Doch irgend etwas ist anders als in den Opern, die es bisher auf die Leinwand geschafft haben. Und anders als im Bühnen-«Don Giovanni», wie wir ihn kennen. Gesungen wird in diesem Film englisch statt wie im Original von da Ponte italienisch. Und statt über drei Stunden dauert dieser «Juan» nur anderthalb.

Während also auf der Bühne im Film die letzten Takte von Mozarts «Don Giovanni» gespielt werden, klammert sich das Kameraauge an einem Hörer im Publikum fest. An einem Beau mit rauem Charme. Allerdings scheint er nicht bei der Sache: So wie er in sich hineinlächelt, heckt der etwas aus. Und während sich die Sänger auf der Opernbühne die Seele aus dem Leib singen und der Titelheld Don Giovanni theatralisch zu Tode kommt, verrät die Kamera dieser Oper in der Oper, dass der Mann im Parkett gedanklich in der Loge schräg über ihm klebt. Dort sitzt die Ablenkung, schlank, blond, dekolletiert, aber nicht allein. Juans Jagdtrieb ist geweckt. Die Verführer-Blicke, die er Richtung Mittelgalerie abschiesst, werden in der Nahaufnahme zu lohenden Feuersbrünsten.

So knistert es heftig zwischen oben und unten, und nach dem Theater – die Blonde heisst Anna – gehts im Schlafzimmer ihrer Jugendstilvilla ziemlich schnell zur Sache. Da platzt ihr Vater herein, und das schnelle Schäferstündchen nimmt einen fatalen Lauf. Nach einem kurzen Streit liegt der «stupid old bastard» in seinem Blut, und Juan ist auf der Flucht. Samt seinem knuffigen Kumpanen Lep (in Anlehnung an den Leporello bei Mozart).

Buchhalter der Küsse

Lep (hinreissend: Mikhail Petrenko) ist es leid, gelangweilt zu warten, bis «es» passiert. Er folgt seinem Boss wie ein Schatten und filmt dessen Dates. Ein Buchhalter der Kontakte, Küsse und des handfesten Sex. Später wird Juan die Eroberungen vergrössern und auf dem Laptop oder auf Leinwand in Acryl oder Öl bannen. Sein Loft ist sein Liebesnest, Atelier und Partyraum in einem. Hier entsteht Juans «Women Project», hier singt er unter der Dusche seine Champagnerarie. «Juan hat die Pussys», jammert Lep, «und ich nur lauwarmes Bier.» Handys, Laptops, SMS: Geschickt sind die zeitgemässen Gadgets eingebaut in diesen Thriller. Die Arien, Rezitative, Duette und Quartette sind ins Geschehen eingeflochten, die Geschichte ist logisch und spannend erzählt bis zum tödlichen Höllenritt über die Autobahn.

Die Tonspur der Grossstadt

In Budapest hat der dänische Regisseur Kasper Holten diesen «Juan» gedreht. Ein ambitioniertes, ausgeklügeltes Unterfangen, in dem es ihm gelingt, Mozarts Musik (eingespielt vom Orchester Concerto Copenhagen unter der Leitung von Lars Ulrik Mortensen) mit der Gegenwart zu verzahnen. Manchmal werden die Arien live gesungen in Echtzeit. Manchmal sind sie nur hörbar wie innere Monologe und Gedankengänge der Protagonisten, während die Akteure durch eine nächtliche U-Bahn-Station hetzen, auf einer Rolltreppe fahren oder sich in der Aufnahmehalle der Notfallstation wiederfinden. Vielschichtig werden Musik und Bildebenen gegeneinander verschoben und wird in verfremdeten Rückblenden die Wahrheit gezeigt, während man den Lügen lauscht. Mithilfe der filmischen Mittel, bewegten Handkamerafahrten und schnellen Bildschnitte erfährt die Musik zusätzliche Dramatisierung.

Überzeugend ist auch die Besetzung mit Elizabeth Futral (Elvira), Maria Bengtsson (Donna Anna) und Katjia Dragojevic (eine perfekte Zerlina). Ein Film für offene Opernfreunde und Kinofans, die erleben möchten, wie zeitgemäss und lebensnah Oper sein kann, wenn sie im richtigen Leben spielt. (Der Bund)

Erstellt: 22.12.2011, 08:11 Uhr

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1 Kommentar

Hans Huber

22.12.2011, 10:42 Uhr
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Gehört zu den Dingen die die Welt nicht braucht. Entweder Oper oder Film. Das zu mischen hat noch nie funktioniert! Antworten



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