Kultur

Philippe Zweifel
Ressortleiter Kultur


«Es gibt keine ‹Frauenfilme›»

Aktualisiert am 17.05.2012 11 Kommentare

Am Filmfestival in Cannes sind dieses Jahr keine Frauen nominiert. Sexismus oder Unvermögen? Regisseurin Bettina Oberli über Frauen und Film.

«Es braucht keine Frauenquote im Filmbusiness»: Regisseurin Bettina Oberli.

«Es braucht keine Frauenquote im Filmbusiness»: Regisseurin Bettina Oberli.

Zur Person

Die Regisseurin Bettina Oberli, 38, ist in Meiringen BE aufgewachsen. Ihre Komödie «Die Herbstzeitlosen» gehört zu den erfolgreichsten Schweizer Produktionen. Ihr nächster Film «Lovely Louise» kommt 2013 ins Kino.

Trailer «Die Herbstzeitlosen»

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Frau Oberli, in Cannes sind dieses Jahr keine Filme von Frauen nominiert. Zeugt das nun von Sexismus oder gibts einfach zu wenig gute Filme von Frauen?
Ich weiss zwar nicht, was für Filme genau am Festival laufen. Von Sexismus würde ich nicht reden. Aber es ist sicher ein Zeichen, welche Positionen Frauen in der Filmbranche zugestanden werden. Es kann ja nicht sein, dass Frauen weniger gute Filme machen als Männer. Und trotzdem gibt es viel weniger Regisseurinnen als Regisseure.

Warum?
Es sind Eigenschaften gefragt, die vermeintlich nicht weiblich sind: Ehrgeiz und keine Angst vor Blamagen zum Beispiel. Und Männer haben ein scheinbar selbstbewussteres Auftreten, können sich scheinbar besser durchsetzen. Verhält eine Frau sich so, heisst es, sie sei verbissen oder hysterisch. Das ist aber nicht nur im Filmbusiness ein Problem, sondern allgemein in der Kunst. Frauen getrauen sich weniger, sich zu exponieren. Aber Kunstmachen bedeutet natürlich, sich zu exponieren. Die eigentliche Frage ist deshalb, was sich die Frauen selber zutrauen.

Oder was ihnen Männer zutrauen, die ja die wichtigen Positionen im Filmbusiness innehaben
Also zuerst: Ich sehe mich nicht als Opfer. Es gibt ja auch keine zielgerichtete Aktion von Männern gegen Frauen. Es ist vielmehr ein Teufelskreis; je weniger Frauen Filme machen, desto weniger andere Frauen eifern ihnen nach. Das Signal aus Cannes ist da natürlich nicht gerade ermutigend. Obwohl man auch sagen muss, dass es in Venedig oder Berlin viel besser aussieht, was die Frauenquote angeht. Cannes ist eine Art Special Member Club, wo immer wieder die gleichen Filmemacher nominiert werden. Es ist extrem schwer, dort ans Festival zu kommen. Handkehrum: Wo anfangen, wenn nicht dort?

Braucht es im Filmbusiness eine Frauenquote – wie in der Wirtschaft?
Nein, das glaube ich nicht. Man sollte junge Frauen ermutigen und die richtigen Signale aussenden.

Die meisten wichtigen Stellen in der Filmindustrie sind von Männern besetzt, vom Produzenten bis hin zum Cutter. Wird der Qualitätsfilm so mit einem Männerfilm verwechselt?
Nun man kann es auch umgekehrt sehen. Es gibt ja diese schreckliche Definition des «Frauenfilms». Dabei sollten Filme von Frauen gar kein eigenes Genre sein. Wir erzählen dieselben Geschichten wie die Männer, einfach aus einer weiblichen Sicht. Das schliesst übrigens kommerziell erfolgreiche Produktionen nicht aus; «Bridesmaids» war zum Beispiel ein grosse Hollywood-Produktion, die ganz in Frauenhand war.

Dennoch hat Kathrin Bigelow den einzigen Frauen-Oscar der Geschichte notabene für einen Kriegsfilm gewonnen.
Ja. Aber sie hat dennoch eine weibliche Sicht auf den Krieg. Diesem Blick gehört mehr Platz eingeräumt bzw. das sollte selbstverständlich sein. Denn dort muss man doch hinkommen: Dass Frauen selber entscheiden können, was sie machen wollen, dass die Wahl des Genres gar kein Thema mehr ist. Und dass es irgendwann nicht mehr der Rede wert ist, ob ein Film von einer Frau oder einem Mann gemacht wurde.

Gibts Lohnunterschiede zwischen Regisseuren und Regisseurinnen?
In Hollywood, wo ich mich nicht auskenne, mag das immer noch der Fall sein. Hier in der Schweiz sind kunstschaffende Männer und Frauen in derselben Situation: Man muss sich fragen, wie viel man wert ist und entsprechend verhandeln.

Wer ist eigentlich Ihr Lieblingsregisseur – eine Frau oder ein Mann?
Dazu gehören Männer und Frauen. Bei den Regisseurinnen ist es Susanne Bier – weil sie sich nicht auf ein bestimmtes Fach limitiert, sondern immer wieder verschiedene Filme macht. Wie gesagt, den «Frauenfilm» gibts für mich nicht.

(DerBund.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.05.2012, 13:31 Uhr

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11 Kommentare

Elenor Fraser

17.05.2012, 15:15 Uhr
Melden 17 Empfehlung 0

Es braucht nirgends irgendwelche Quoten, möge der Beste gewinnen! Quoten in der Wirtschaft sind verfehlt weil, solange eine grosse Mehrheit der Studierenden in den wirtschaftsrelevanteren Fächern männlich ist (Ingenieure, Wirtschaftswissenschaften, etc.) muss auch eine Mehrheit der Führungselite männlich sein, sonst rekrutiert man die falschen. Vlt. interessieren sich Frauen weniger dafür.. Antworten


Marcel Zufferey

17.05.2012, 13:53 Uhr
Melden 14 Empfehlung 0

Die Medien könnten das ändern, indem sie endlich einmal Filmemacherinnen portraitieren und ihre Filme fernab aller Festivals und Preisverleihungen dem Publikum vorstellen würden. Es wäre nur schon interessant zu wissen, wieviele Regisseurinnen es z. B. in Hollywood gibt, die Kinofilme machen. Sind das viele (im Vergleich zu Männern)? In der Literatur ergibt sich ja bereits ein ganz anderes Bild. Antworten



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