Kultur
Er brach Regeln, bevor es sie überhaupt gab
Von Regula Fuchs. Aktualisiert am 22.04.2012
Vorstellung
«William S. Burroughs: A Man Within» läuft im Rahmen der Reihe «Song & Dance Men»: Kino Cinématte, Montag, 23. April, 20.30 Uhr.
Trailer
Artikel zum Thema
Auf Fotos blickt er gerne aus der Dunkelheit heraus, wie ein ausgemergelter Geist, der einer anderen Dimension anzugehören scheint als die Menschen, die ihn umgeben: William S. Burroughs, der amerikanische Schriftsteller, Mentor der Beat-Generation, Ideengeber unzähliger Gegenkulturen, sexueller Freigeist, Drogenpapst, Waffennarr, Gattinnenmörder.
Ein wandelnder Widerspruch – so abgedroschen diese Wendung auch ist: Auf Burroughs trifft sie passgenau zu. Unfassbar scheint dieser Mensch, und doch kriegt ihn der 1985 geborene Filmemacher Yony Leyser in seinem eindrucksvollen Porträt «William S. Burroughs – A Man Within» zu fassen, und zwar, indem er collagiert, überblendet, schnipselt und vor allem: unzählige Stimmen orchestriert. Weggefährten und Freunde wie Patti Smith, Peter Weller, John Waters, Iggy Pop, Gus Van Sant, Laurie Anderson und viele mehr erinnern sich an den Mann, dessen Persönlichkeit die Zeiten vielleicht noch eher überdauern dürfte als dessen Kunst.
Im Innersten einsam
Burroughs: ein Mann, der sich kleidete wie ein Gentleman und sich gleichzeitig dem Rausch und Elend des Heroins hingab. Ein Mann, der schwul war und zwei Mal verheiratet. Ein Mann, der sexuelle Tabus brach und doch niemanden näher an sich heranliess. Ein Mann, der immer Menschen um sich hatte und doch im Innersten einsam blieb.
Burroughs, geboren 1914, war in gutem Hause aufgewachsen und hatte in Harvard studiert. Der Bruch mit seiner Herkunft war total: Seine Homosexualität und seine Drogensucht (eine «wandelnde Enzyklopädie der Pharmakologie» nennt ihn Schauspieler Peter Weller) machten ihn zum Aussenseiter. Auch in seiner Kunst überschritt er Grenzen, und zwar noch bevor die Gesellschaft sie überhaupt als solche erkannte: «Er dachte sich Dinge aus, die noch nicht einmal illegal waren», sagt Regisseur John Waters über Burroughs’ Roman «Naked Lunch».
Burroughs, der im Alter Kunst machte, indem er mit dem Gewehr auf Farbdosen schoss, trug stets eine geladene Waffe auf sich und in seinem Gehstock ein Schwert. Seine Obsession für Waffen und seine Drogensucht gingen eine fatale Verbindung ein, als Burroughs 1951 im Rausch seine Ehefrau Joan Vollmer erschoss – nämlich, als er die Schlüsselszene aus «Wilhelm Tell» nachstellen wollte. Ein Erlebnis, das ihn zeitlebens verfolgte, wie Laurie Anderson mutmasst, das Burroughs aber auch zum Schriftsteller machte und ihm jene rohen Bilder des Unbewussten abrang, die sein Werk prägen. Was Yony Leyser in seinem Film aus dem Jahr 2010 auch vor Augen führt, ist der immense Einfluss, den Burroughs mit seinen kruden Angriffen auf Hierarchien und Konventionen auf die Popkultur hatte – der Punk, der Rock, die Avantgarde: Alles las Burroughs. Zahlreich sind auch Burroughs’ Kollaborationen: mit Tom Waits oder Kurt Cobain, mit Ministry oder Sonic Youth (deren Mitglieder Lee Ranaldo und Thurston Moore für den atmosphärischen Filmsoundtrack verantwortlich sind).
Eine verstörende, fremdartige Persönlichkeit bleibt Burroughs bis zum Schluss des Films: dieser Greis mit seinem Gewehr, dieser kauzige Katzenliebhaber, dieser Prophet ohne Mission. Und doch hat man am Ende den Eindruck, dieser ausgemergelte Geist, der da aus dem Dunkel blickt, habe ein zutiefst menschliches Antlitz. (Der Bund)
Erstellt: 22.04.2012, 15:23 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:

Bitte warten






Die Welt in Bildern


















