Ein Leben im Schnellvorlauf

Johnny Depp gegen Christian Bale, Bankräuber gegen FBI-Agent: Das ist die Affiche im ambitiösen Gangsterepos «Public Enemies» von «Heat»-Regisseur Michael Mann.

Die Einsamkeit eines Getriebenen: Johnny Depp als stilsicherer Bankräuber John Dillinger in Michael Manns Film. (zvg)

Die Einsamkeit eines Getriebenen: Johnny Depp als stilsicherer Bankräuber John Dillinger in Michael Manns Film. (zvg)

«Ich will alles, jetzt gleich.» Dies war das Credo von John Dillinger (1904–1934), dem lässigen Gangster, der sich mit seinen unverschämt nonchalant ausgeführten Banküberfällen in den USA der Depressionszeit zum Medienstar und Volkshelden machte und vom FBI zum Staatsfeind Nummer eins geadelt wurde.

Alles heisst in seinem Fall: Geld, schicke Kleider, schnelle Autos, schwere Waffen und diese Frau, der er in einem Nachtclub zu den melancholischen Klängen von Billie Holiday erstmals begegnet: Billie Frechette, eine Garderobiere mit indianischen Wurzeln, die ihm wohl auch deshalb besonders gefällt, weil sie aussieht wie ein Filmstar.

Flucht nach vorn

Der existenziell einsame Tatmensch Dillinger ist ein Held, wie Regisseur Michael Mann ihn liebt und wie geschaffen für dessen Nachtfilme, deren Spannung sich auf der Leinwand in epischen Schiessereien entlädt und die in der Erinnerung stets lange nachglimmen und dabei immer schöner werden. Nach einer Jugend, die er im Knast verloren hat, stürzt sich Dillinger mit unersättlichem Lebenshunger in eine Flucht nach vorne. 13 Monate dauert dieses Leben im Schnellvorlauf. 1933 holt er in einem magistralen Coup seine Komplizen aus dem Gefängnis. Es folgen Banküberfälle wie im Rausch, die Mann zu Showcases für seinen Star macht.

Der stets auf sein Image bedachte Dillinger – Entführungen macht er nicht, weil die Leute diese nicht mögen – nutzt die Auftritte zu Werbung in eigener Sache und inszeniert sich vor dem Publikum als Rächer an den bösen Banken: «I’m John Dillinger. I rob banks.» Die Schalterhallen sehen aus, als wären sie eigens für seine Auftritte gestaltet worden: grosszügige offene Räume mit viel Marmor, die Platz bieten für die mit eleganter Professionalität ausgeführten Aktionen von Dillingers Gang. Schon 1934 aber schlägt dessen letzte Stunde. Dillinger wird von den Jägern des FBI vor dem Kino Biograph in Chicago erlegt, nachdem er sich den Gangsterfilm «Manhattan Melodrama» mit dem von ihm verehrten Clark Gable angeschaut hat. Mann zeigt Dillinger, wie dieser im Kino seinen Lieblingssatz mitspricht: «Sterbe, wie du gelebt hast: schnell.»

Live und wie im Traum

Im kurzen Leben von Dillinger finden sich all die Elemente, die den nostalgischen Reiz der grossen Gangsterfilme aus den Dreissigerjahren ausmachen. Michael Mann kennt selbstverständlich die Klassiker, Filme wie «Little Caesar» (1931) oder «Scarface» (1932). Doch es geht dem grossen Stilisten nicht um eine Hommage an das attraktive Genre, das filmisch immer wieder neu belebt worden ist. Nicht cinéphile Entrückung, Vergegenwärtigung ist sein Ziel.

Mit einem ganzen Arsenal technisch avanciertester High-Definition-Kameras (orchestriert von Dante Spinotti) deckt er das Geschehen aus allen Perspektiven ab und macht den Zuschauer zum Augenzeugen. Die Kameras liefern harte, kalte Bilder von atemberaubender Schärfe und Tiefe, aber ohne die Retro-Aura des Zelluloids. «Public Enemies» ist ein historischer Film im News- oder Live-Modus, zugleich aber auch ein visuell stupendes Werk mit hyperrealistischer Traumqualität.

Blaupause «Heat»

Johnny Depp spielt John Dillinger mit bemerkenswerter, manchmal gar zu grosser Zurückhaltung und verleiht ihm zugleich das Charisma eines jungenhaften Beaus – sein Dillinger sieht ungleich besser aus und ist viel sympathischer als etwa der von Warren Oates verkörperte Gangster in John Milius’ «Dillinger» (1973). «Public Enemies» wäre aber kein Michael-Mann-Film, wenn in seinem Zentrum nicht das Ringen zweier seelenverwandter Männer stehen würde.

Diesen Zweikampf hat der Regisseur von «Manhunter» und «Collateral» immer wieder inszeniert, am schönsten 1995 in «Heat», der sozusagen als Blaupause für «Public Enemies» dient. Lieferten sich damals Robert De Niro und Al Pacino ein Katz-und-Maus-Spiel, so wird nun Johnny Depp von Christian Bale gejagt. Mit der todernsten Verkniffenheit, die man von ihm nur zu gut kennt, spielt er Dillingers Widerpart beim FBI, Melvin Purvis. Nominell ist das ein Schauspielerkampf auf höchstem Niveau, doch anders als bei «Heat» springt der Funke nicht. «Public Enemies» ist ein Film mit grossen Schauspielern, aber kein Schauspielerfilm.

Dokumentarische Basis

Unterkühlt bleibt auch die Liebesgeschichte zwischen Dillinger und Frechette. Das liegt nicht an Marion Cotillard, die wie zuvor als Edith Piaf jetzt auch als kleine Angestellte mit grossen Augen für ihren Star-Geliebten überzeugt. Um die Outlaw-Romantik von «Bonnie and Clyde» entfalten zu können, ist die Affäre viel zu fragmentarisch. Der Bilderfetischist Mann opfert die konventionelle Dramaturgie immer wieder den Sensationen des Augenblicks – und seinen komplexen inhaltlichen Absichten. Seine Figuren interessieren ihn weniger als Individuen denn als Repräsentanten ihrer Zeit. Wie «The Insider» (1999) basiert «Public Enemies» auf einer dokumentarischen Vorlage, der gross angelegten Recherche «America’s Greatest Crime Wave and the Birth of the FBI 1933–34» von Bryan Burroughs. Dieser Titel benennt die Dialektik ziemlich genau, die Mann besonders am Herzen liegt.

FBI-Chef J. Edgar Hoover (Billy Cudrup) nutzte die Welle von Verbrechen, die Gangster wie Dillinger, Bonnie und Clyde, Pretty Boy Floyd oder Machine Gun Kelly übers Land brachten, um die Fahndung aus den Fesseln der Bundesstaaten zu befreien und zum nationalen Krieg gegen das Verbrechen zu machen. Der kantige Purvis, der später zum Vorbild für Dick Tracy werden sollte, diente ihm beim Ausbau seines Apparats als medienwirksames Instrument.

Bei seiner Jagd setzte Hoover auch aufs Kino. Einmal sitzt John Dillinger in einem Saal, als einer von Hoovers Trailern läuft. Das Licht im Saal geht an, das Publikum wird aufgefordert, sich umzuschauen. Mann macht daraus eine albtraumhafte Vision des Überwachungs- und Spitzelstaats. Geradezu magische Qualität hat auch die Szene, in welcher Dillinger die Welt seines Gegners betritt, Purvis’ Abteilung in Chicago. Er spaziert durch die Räume wie durch einen Traum und betrachtet versonnen das Werk seiner Jäger: Fahndung als Sonderform von Verehrung.

Gegen die Zeit

Der kalte Technokrat Purvis ist der Mann der Rasterfahndung, der Zukunft. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass er Dillinger nicht dank neuen Techniken, sondern dank Erpressung und Verrat zur Strecke bringt. Dillinger hingegen ist der Mann der Vergangenheit, er kämpft, wie jeder romantische Held, gegen den grössten aller Feinde: die Zeit.

Selbstverständlich steht er dabei auf verlorenem Posten. Die Mafia distanziert sich von ihm, weil er ihre Geschäfte gefährdet, seine Gang wird laufend dezimiert, sodass er sich mit fragwürdigen Partnern einlassen muss und die Banküberfälle zunehmend Verzweiflungsakten von Hasardeuren gleichen. Mit Dillinger endet eine Epoche, mit Purvis beginnt eine neue. (Der Bund)

Erstellt: 29.07.2009, 10:58 Uhr

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1 Kommentar

Sven Halter

29.07.2009, 10:40 Uhr
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Ich habe den Film letztes Wochenende in Stockholm gesehen und denke jetzt immer noch daran. Ich bin mit der Kritik von Thomas Allenbach sehr zufrieden. Man hätte vielleicht noch den grossartigen Soundtrack erwähnen können. Antworten



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