Ein Kammerspiel mit der Wucht eines Alpenwesterns
Von Thomas Allenbach, Solothurn. Aktualisiert am 26.01.2010
Das Tier im Mann: So heisst das Thema von «Coeur animal», dem Film der 34-jährigen Lausannerin Séverine Cornamusaz. (Bild: PD)
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Solothurner Filmtage 2010
Halbzeit ist vorbei bei den Solothurner Filmtagen, und die Zwischenbilanz fällt in künstlerischer Hinsicht durchaus positiv aus. Massgeblichen Anteil daran hat ein Spielfilm – es braucht im volatilen Filmgeschäft manchmal nicht mehr als ein überzeugendes Werk, und schon sieht manche Diagnose alt und die Welt ganz anders aus. Ein solches Werk ist «Coeur animal» von Séverine Cornamusaz nach dem Roman von Noëlle Revaz.
Mut, Risiko, Eigensinn, künstlerische Handschrift: All dies, was in jüngster Zeit im Schweizer Spielfilm oftmals vermisst wurde, findet sich im Kinodebüt der 34-jährigen Lausannerin. Es geht im Film, der zwischen der klaustrophobischen Enge eines Kammerspiels und der Weite eines Alpenwestern changiert, um das Tier im Menschen, genauer: um das Tier im Bergbauern Paul, einem Mann, der seine Frau wie ein Stück Vieh behandelt. In der kompromisslosen, wuchtigen Art, wie Cornamusaz ein Drama von existenzieller Dringlichkeit schildert und die Alpenwelt zum Schauplatz einer Geschichte von parabelhafter Gültigkeit macht, erinnert «Coeur animal» an Fredi Murers «Höhenfeuer». Dass der Film nicht steckenbleibt in der Schilderung dumpfer Gewalt, dass er sich im Gegenteil öffnet und die Geschichte einer Läuterung erzählt, entfesselt eine emotionale Dynamik von grosser Sogkraft.
Befreiungsschlag der Filmbranche
«Coeur animal» wirkt wie ein eigentlicher Befreiungsschlag, und den wünschte man auch der Filmbranche. Ob es dazu kommt, scheint fraglich. Heute entscheidet der SFP, einer von nicht weniger als drei Schweizer Produzentenverbänden, ob er seine Aufsichtsbeschwerde gegen das Bundesamt für Kultur (BAK), die im Herbst in erster Instanz abgewiesen worden ist, an den Gesamtbundesrat weiterzieht. Damit entscheidet sich auch, ob die Opposition gegen Nicolas Bideau aufrechterhalten wird. Druck auf den Filmchef des Bundes machen die Produzenten auch mit der neu lancierten Diskussion um die Auslagerung der staatlichen Filmförderung in ein unabhängiges Filminstitut. Ob diese mehr als nur eine Drohkulisse ist, wird sich morgen Mittwoch an einer Podiumsdiskussion zeigen.
Der Streit zwischen den Produzenten und dem BAK beschäftigt nicht nur Juristen, sondern auch Berater. Auf Initiative von Ingrid Deltenre und unter der Supervision von Projektmanagern fand im letzten August auf dem Monte Verità ein Workshop statt. Die SRG lud 44 Fachleute aus der Branche, darunter auch Bideau und seine Kontrahenten, zur Diskussion einer Frage, die fast schon therapeutischen Charakter hat: «Was müssen wir gemeinsam tun, um dem Schweizer Film eine erfolgreiche Zukunft zu geben?» Konkrete Resultate, so war an einer Informationsveranstaltung in Solothurn zu erfahren, wurden bisher nicht erzielt. Dafür wurden Handlungsfelder definiert, Arbeitsgruppen gebildet, ein Lenkungsausschuss installiert, Termine gesetzt und Powerpoint-Präsentationen geschaffen. Im kommenden August, nach einem zweiten Treffen auf dem Monte Verità, soll die Arbeit in finale Handlungsanweisungen münden. Es wäre allerdings nicht das erste Mal, dass ein Berg eine Maus gebiert.
Jeder bestellt seinen kleinen Acker
Die filmpolitischen Diskussionen schlagen in Solothurn natürlich auf die Wahrnehmung der Filme durch. So kann es geschehen, dass einen die eng parzellierte Welt im berührenden Berner Schrebergartenfilm «Unser Garten Eden» stark an die kleinteilige Schweizer Filmszene erinnert, in der jeder unter eigener Flagge seinen kleinen Acker bestellt. Der Film von Mano Khalil gehörte bisher ebenso zu den Highlights wie Bruno Molls «Pizza Bethlehem» oder Gitta Gsells «Bödälä – Dance the Rhythm».
Moll erzählt am Beispiel der jungen, aus ganz unterschiedlichen Kulturen stammenden Fussballerinnen des FC Bethlehem in Bern von gelebter Integration, Gsell nimmt das Publikum mit auf eine beschwingte Reise in die Welt des sogenannten Stampftanzes. Diese führt vom urigen Bödälä oder Säuerle in der Innerschweiz über verschiedene Formen des Stepptanzes bis zu Flamenco und Irish Dance.
In manchem erinnert «Bödälä» an Stefan Schwieterts Stimmenfilm «Heimatklänge». Auch wenn er dessen Dichte nicht erreicht, fuhr er dem Publikum bei der Premiere im Solothurner Landhaus doch mächtig in die Beine. Die Abstimmung mit den Füssen – die Filmtage erinnern eben auch an eine filmische Landsgemeinde – fiel jedenfalls ganz zu seinen Gunsten aus. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.01.2010, 04:00 Uhr
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