Kultur

«Drei Mistkerle – zusammen waren sie unausstehlich»

Von Florian Keller. Aktualisiert am 04.11.2010 2 Kommentare

Bruce Beresford («Driving Miss Daisy») redet über Filmproduzenten und andere Idioten. Sein neuer Film «Mao’s Last Dancer» kommt jetzt ins Kino.

Bruce Beresford: Geboren 1940 in Sydney. Regisseur von über 30 Filmen, darunter «Tender Mercies» (1983). Sein bekanntester Film, «Driving Miss Daisy» (1989), gewann vier Oscars.

Der Film

«Mao’s Last Dancer» läuft ab heute in Zürich im Arena 6 und im Corso 2. Filmkritik im «züritipp».

Ich würde gern über Ihr Tagebuch sprechen, das Sie publiziert haben.
Sie haben das gelesen? Dann müssen Sie der Einzige sein. Das Buch hat sich nämlich überhaupt nicht verkauft (lacht).

Das Buch trägt den lustigen Titel «Josh Hartnett Definitely Wants to Do This». Können Sie bitte erklären, was es damit auf sich hat?
Dabei ging es um ein Drehbuch, das ich über Chet Baker geschrieben habe, den Jazz-Trompeter. Da rief mich irgendein Produzent an und sagte: «Josh Hartnett will das unbedingt machen.» Der Produzent arrangierte ein Treffen mit Josh Hartnett, und es war ein komplettes Fiasko. Es war überhaupt nicht so, dass Josh Hartnett den Film unbedingt machen wollte. Er war, sagen wir, milde interessiert. Ich fand ihn schrecklich langweilig. Er sass einfach nur da und gab damit an, wie gut er sich mit Chet Baker auskenne. Er war sogar ziemlich unverschämt.

Er war unverschämt?
Er gab sich als grosser Kenner aus und behandelte mich, als wäre ich nur so ein Scharlatan ohne echtes Interesse an Chet Baker. Dabei hatte ich ein Jahr lang recherchiert, ich wusste alles über Leben und Werk von Chet Baker. Er aber hatte keine Ahnung. Das passiert übrigens andauernd, dass irgendwelche Produzenten anrufen, die behaupten, dass dieser oder jener Star unbedingt diesen Film machen wolle: Russell Crowe oder Cate Blanchett, was weiss ich. In den meisten Fällen stellt sich heraus, dass das gar nicht stimmt. Es ist reines Wunschdenken! Meist haben diese Stars noch gar nie von dem betreffenden Projekt gehört (lacht).

Die Begegnung mit Josh Hartnett: War das die absurdeste Erfahrung, die Sie in Ihrer Karriere gemacht haben?
O nein. Da gibt es eine Menge Erfahrungen, die sich um diesen Titel bewerben könnten.

Wie die Sache mit dem Film über den russischen Komponisten Sergei Rachmaninow.
Genau. Da gab es Investoren, die bereit waren, einen Film über Rachmaninow zu finanzieren – unter der Bedingung, dass weder der Name noch die Musik von Rachmaninow im Film vorkommen. Von den jungen Leuten wisse doch heute niemand mehr, wer Rachmaninow sei. Das war ihre Erklärung. Ich fragte sie: Wenn der Film von Rachmaninow handelt, und man hört seine Musik nicht, und nicht einmal sein Name wird erwähnt – worum soll es denn genau gehen im Film?

Was sagten die Investoren darauf?
Sie meinten, dann sei es eben ein Film über irgendeinen russischen Kerl, der so moderne Musik komponiere. Ich sagte ihnen: Dann ist es nicht Rachmaninow. Die haben ihren Denkfehler nie eingesehen.

Das klingt, als wäre das Filmbusiness bevölkert von lauter Idioten.
Das Deprimierendste ist, wenn kurz vor Beginn der Dreharbeiten plötzlich der Stecker gezogen wird. Vor einigen Jahren sollte ich in London «Boswell for the Defense» drehen. Es ist der beste Film, den ich nie gedreht habe! Das Drehbuch ist wunderbar! Die Kulissen waren gebaut, den Cast hatten wir auch, mit Michael Caine und Michael Gambon in den Hauptrollen. Wir hatten das ganze Gefängnis von Newgate nachbauen lassen; das Set war riesig. Dann, ungefähr eine Woche vor dem ersten Drehtag, klingelte mein Telefon, während ich mit der Crew unterwegs war. Es war der Produzent Nick Powell. Er sagte bloss: «Hallo, Bruce. Hier Nick. Film ist abgeblasen. Kein Geld. Tschüss, mein Lieber.»

Und das wars?
Wir sassen in London fest und konnten nichts machen. Ich habe nie erfahren, was da wirklich gelaufen ist. Die Produzenten waren völlig inkompetent. Es waren drei: ein australischer Mistkerl, ein englischer Mistkerl und ein deutscher Mistkerl. Zusammen waren sie unausstehlich.

Ihr Beruf ist offensichtlich nichts für schwache Nerven. Sind Sie gern Filmregisseur?
Natürlich, ich hab ja doch 30 Filme gedreht! Es macht mir immer noch grossen Spass. Selbst dann, wenn alles schiefgeht. Und wenn Sie Bücher von Regisseuren aus den 30er-Jahren lesen, dann sehen Sie: Früher war das auch nicht anders. Es gibt unendlich viele Geschichten über Filme von grossen Regisseuren, bei denen im letzten Moment der Stecker gezogen wurde.

Wie war das bei Ihrem aktuellen Film «Mao’s Last Dancer», nach der Lebensgeschichte des chinesischen Tänzers Li Cunxin? Stand der auch auf der Kippe?
Nein, da lief eigentlich alles rund. Die grosse Herausforderung dabei war, die Hauptrolle zu besetzen. Für mich war klar: Das kann nur ein Tänzer spielen. Bei einem Ballettfilm kann man nicht schummeln, man muss den Tanz zeigen. Wir mussten also einen jungen Chinesen finden, der ein toller Tänzer ist und auch schauspielerisch überzeugt. Zum Glück ist uns das gelungen. Aber es war sehr schwer, die übrigen Darsteller zu finden. Niemand wollte mitspielen.

Warum nicht?
Ich weiss auch nicht. Danny Huston sollte den künstlerischen Leiter des Balletts spielen. Er hat auch einen Vertrag unterschrieben. Aber er ist nie aufgetaucht.

Aber es gab doch den Vertrag.
Er ist einfach verschwunden! Sein Agent hat das Telefon nicht abgenommen, er hat auch nie zurückgerufen. Also hab ich kurzfristig meinen alten Freund Bruce Greenwood angerufen. Der ist eingesprungen, ohne das Drehbuch zu kennen.

Ob ein Film zustande kommt oder nicht, hängt offenbar gar nicht von der Qualität des Drehbuchs ab.
Oh, bei einem schlechten Drehbuch stehen die Chancen viel besser, dass es finanziert wird (lacht). Es ist oft reiner Zufall. Besonders deprimierend sind die Gutachten, die im Auftrag der Filmstudios geschrieben werden. Die vernichtendsten Gutachten hatte ich bei den Drehbüchern zu «Tender Mercies» und «Driving Miss Daisy» bekommen. In beiden Fällen hiess es, das Drehbuch sei unterirdisch schlecht. Beide Filme gewannen später den Oscar für das beste Drehbuch.

Über Ihre Berufskollegen schreiben Sie, die meisten Regisseure hätten nichts zu sagen.
Das hab ich geschrieben? Sicher nicht!

Ich kann Ihnen die Stelle zeigen.
Wirklich? Nun, ich wollte wohl sagen, dass es nicht viele Regisseure gibt, die eine eigenständige Sicht auf die Welt haben – wie Buñuel, Scorsese oder Bergman. Die meisten Regisseure filmen einfach Leute beim Reden. Mag sein, dass sie gute Fotografen sind oder dass sie in die Technik des Filmemachens verliebt sind. Und natürlich kann man eine Szene auch einfach aus allen möglichen Blickwinkeln abfilmen und dann das ganze Material dem Cutter aushändigen, damit der einen Film daraus schneidet. Aber mit Regie hat das nichts zu tun.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2010, 20:05 Uhr

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2 Kommentare

Mario Monaro

04.11.2010, 12:15 Uhr
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Endlich mal ein Interview, in dem nicht einfach die üblichen Promotions-Plattitüden abgesondert werden. Da wünscht man Beresford noch viele Oscars um es den Besserwissern zu zeigen... Antworten


Heinz Moll

04.11.2010, 13:54 Uhr
Melden

Also, wenn das Gespräch nicht getürkt ist, dann ist es ein sehr gutes Gespräch. Allerdings steht das alles in Ehrenburgs "Traumfabrik" schon viel länger zu lesen. Gar nichts hat sich geändert seither. Bloss die Unsummen für die Produktionen sind noch irrsinniger geworden. Antworten



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