«Dieser Krieg ist ein riesiges Schlamassel»
Von Florian Keller. Aktualisiert am 29.04.2011 3 Kommentare
Geboren 1974. Für «Armadillo» gewann Janus Metz den Grossen Preis der Semaine de la Critique in Cannes und am 6. Zurich Film Festival den Preis für den besten Dokumentarfilm.
Der Film
«Armadillo» (Dänemark 2010). 105 Minuten. Regie: Janus Metz. Kamera: Lars Skree.
In Zürich im Kino Riffraff.
«Armadillo»
Ins Herz der Finsternis
Rund vier Monate lang hat der dänische Regisseur Janus Metz eine Truppe junger Soldaten begleitet, die im Februar 2009 aus ihrem behüteten Alltag in Dänemark in den Krieg gegen die Taliban ziehen. Auf dem Stützpunkt Armadillo in der Provinz Helmand im Süden Afghanistans wartet die Einheit lange vergeblich auf den Ernstkampf gegen ihren unsichtbaren Feind. Zwischen kleineren Scharmützeln treffen sie einfache Bauern, neben denen die dänischen Soldaten so fremd wirken wie hilflose Aliens.
«Armadillo» ist ein hyperrealistischer, mit dem ganzen stilistischen Arsenal des Kinos aufgerüsteter Marsch ins Herz der Finsternis. In kunstvoll ausgebleichten Bildern und mit dem Sog eines Spielfilms erzählt Janus Metz von diesen jungen Dänen, die im Kriegsdienst das Abenteuer suchen und am Ende daheim wie stolze kleine Pfadfinder ihre Narben zeigen. «Armadillo» ist ein Film, der das Reale des Krieges wie ein böses Souvenir in die Heimat zurückbringt, wo die Politik lieber schönfärberisch von Wiederaufbau redet als von dem oft absurden Schrecken, der sich weit weg in der Fremde abspielt. (flo)
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Die jungen Soldaten in Ihrem Film «Armadillo» zeigen eine fast kindliche Begeisterung für den Krieg. Teilten Sie diese Lust?
Ich würde nicht sagen, dass ich die Begeisterung der Soldaten geteilt hätte. Ich war einfach neugierig darauf, was der Krieg für diese jungen Männer bedeutet und was er mit ihnen macht. Ausserdem wollte ich wissen, was es mit diesem Mannbarkeitsritual auf sich hat, das die Armee dafür gerne geltend macht – also diese Idee, dass man angeblich eine besondere Reife erlange, wenn man als Soldat in Afghanistan war.
Aber einen Film wie «Armadillo» dreht man ja nicht, ohne eine gewisse Faszination für den Krieg mitzubringen.
Was mich grundsätzlich am Krieg fasziniert, ist die Tatsache, dass dabei die Grenzen zwischen Zivilisation und Barbarei auf dem Spiel stehen. «Armadillo» ist keine Reportage, die zu klären versucht, ob es richtig ist, dass wir in Afghanistan kämpfen, oder nicht. Mich interessieren die Mikromechanismen des Kriegs. Mir ging es darum, die physische und seelische Erfahrungswelt dieser Soldaten filmisch zu erkunden. Ich wollte sozusagen mit der Kamera in ihre Köpfe eindringen. Und wenn ich wissen wollte, was der Krieg für die Soldaten bedeutet, musste ich selber ein Stück weit einer von ihnen werden.
Ist es Ihnen leicht gefallen, sich wieder von Ihrer Rolle als Soldat zu lösen?
Das war das Härteste an dem Film. Aber wenn man beim Schnitt das Material zu ordnen beginnt, gewinnt man bald wieder die nötige Distanz. Ich bin ja nie vollends zum Soldaten geworden. Ich wollte verstehen, wie diese Jungs ticken, ohne aber ihre Logik zu übernehmen. Ganz konkret hiess das zum Beispiel, dass ich und mein Kameramann Lars Skree nicht bei den Soldaten in ihren Baracken schliefen, sondern in unserem eigenen Zelt. Wir nahmen zwar am Alltag im Lager teil, aber es gab klare Grenzen. Wir trugen auch nie Waffen.
Das will ich doch hoffen.
Die verführerische Intensität des Lebens auf einem solchen Stützpunkt ist mir allerdings erst vor Ort richtig bewusst geworden. Man spürt das eigene Leben intensiver, wenn man permanent in dieser unmittelbaren Nähe zum Tod lebt.
Inwiefern haben die Erfahrungen auf dem Stützpunkt Ihren Blick auf den Krieg in Afghanistan geschärft?
Unsere Truppen wurden ja offiziell dorthin geschickt, um den Zivilisten gegen die Taliban zur Seite zu stehen. Dabei sind die Fronten längst nicht so klar, und die Soldaten scheinen das nicht richtig zu begreifen. Sie halten weiter an ihrem Glauben fest, dass sie dem Land Freiheit und Demokratie bringen können, wenn sie bloss den Leuten helfen, die Taliban loszuwerden. Gleichzeitig herrscht da eine fundamentale Fremdheit zwischen den auswärtigen Truppen und den Einheimischen. Die Soldaten wissen meist gar nicht, ob der Bauer, mit dem sie gerade sprechen, nun auf der Seite der Taliban steht oder nicht. Diese Undurchsichtigkeit macht ihre Mission letztlich unlösbar. Der Krieg in Afghanistan ist ein riesiges Schlamassel.
Sind die Truppen denn schlecht informiert?
Die Soldaten leben abgeschottet in ihren Camps, wo sie in erster Linie um ihre eigene Sicherheit besorgt sind. So entwickeln sie eine eigene Lagermentalität, die sie in ihrer Selbstwahrnehmung bestärkt. Das fördert nicht eben ihren Blick für eine klare Analyse der Lage in Afghanistan. Ich habe mit dem Film versucht, diese blinden Flecken der Soldaten sichtbar zu machen. Wenn sie über Monate gegen einen unsichtbaren Gegner kämpfen, steigert das ihre Frustration so sehr, dass sie endlich jemanden töten wollen. Es ist beängstigend.
Es gibt eine Lust am Töten?
Das gehört zu den Dingen, die in unserer Gesellschaft nach wie vor tabu sind: die Tatsache, dass das Gefühl des Tötens nicht zwingend traumatisch wirken muss. Das Töten kann einem auch ein erhebendes Gefühl von Macht verleihen, als würde man Gott spielen. Besonders in jungen Männern entfesselt der Krieg dunkle Energien von archaischer Brutalität. Und dann die Katharsis, diese Erleichterung, wenn sie endlich jemanden getötet haben . . . Die würden ihre Opfer am liebsten skalpieren. Manche der Soldaten haben denn auch sehr nervös oder gar wütend reagiert, als sie den Film sahen. Weil er eben zeigt, wie sie womöglich eine Grenze überschritten haben und sich in einen Blutrausch gesteigert haben. Es findet eine schleichende Brutalisierung des Geistes statt. Und diesen ethischen Verfall bringen die Soldaten dann mit nach Hause.
Mich erstaunt, dass Sie die Truppen mit der Kamera begleiten durften.
Unsere Armee stand oft in der Kritik wegen ihrer restriktiven Informationspolitik über den Einsatz in Afghanistan. Ich kann nur vermuten, dass die Militärs die Drehgenehmigung für uns als Gelegenheit sahen, die Kommunikation transparenter zu gestalten. Es war ihnen wohl nicht ganz klar, dass sie keine Kontrolle über den Film haben würden.
Haben die Armeechefs keine Probleme gemacht?
Es gab einige ungemütliche Situationen, nachdem wir einen Zwischenfall in einem Graben gefilmt hatten, der ein sehr ungünstiges Licht auf die Soldaten wirft. Da versuchten die Militärs unseren Film zu stoppen oder zumindest zu zensieren, und wir mussten das Material aus dem Lager schmuggeln, um es in Sicherheit zu bringen. Aber rechtlich hatten sie nichts in der Hand, und beim Schnitt konnten wir unbehelligt arbeiten. Die Armee hatte sich lediglich vorbehalten, den Film zu prüfen, ob er den Erfolg der Operation oder die Sicherheit der Truppen gefährden könnte.
Da hätten die Militärs doch immer noch die Notbremse ziehen können.
Wir waren gut gerüstet und hatten starke Anwälte auf unserer Seite. Während der Arbeit am Film kam noch dazu, dass die Armee gerade das Enthüllungsbuch eines dänischen Elitesoldaten verbieten wollte unter dem Vorwand, dass es die nationale Sicherheit gefährde. Zum Beweis dafür wurde ins Feld geführt, dass im Internet bereits eine arabische Übersetzung des Buches kursiere – bis sich herausstellte, dass die Armee die Übersetzung selbst ins Netz gestellt hatte. Der Armeechef und der Verteidigungsminister mussten damals zurücktreten, und die ganze Geschichte hat wohl dazu geführt, dass die Armee mit uns etwas zurückhaltender umging. Sie wussten, dass sie sich einen zweiten solchen Skandal nicht leisten konnten.
Der extrem stilisierte Look des Films sorgt dafür, dass «Armadillo» sich weitgehend wie ein Spielfilm anfühlt. Ein Kompliment für Sie?
Ja, in mancher Hinsicht schon. Ich wollte eben nicht einfach einen Film über einen konkreten Stützpunkt in der realen Welt da draussen in Afghanistan drehen. Mir ging es von Anfang darum, auch den «inneren» Stützpunkt im Bewusstsein dieser jungen Soldaten sichtbar zu machen. «Armadillo» ist ein Film über das Wesen des Kriegs, aber auch über die Fantasien, die in den Soldaten wirken. Das hat uns stark beschäftigt: Wie laden wir unsere Bilder mit diesen grösseren mythologischen Fragen auf? Natürlich hätten wir das auch über einen Kommentar aus dem Off erzielen können. Stattdessen haben wir versucht, die Bildsprache auf eine Weise auszureizen, wie das in Spielfilmen üblich ist.
Puristen unter den Kritikern stören sich gerade an diesem hyperrealistischen Look Ihres Films.
Nun, die meisten Dokumentarfilme streben ja eine möglichst unmittelbare Darstellung der Wirklichkeit an. Deshalb verzichten viele auf Filmmusik, Farbkorrekturen oder metaphorische Bilder. Aber nicht immer wird man auf diese Weise der Realität wirklich gerecht. Die Empfindungen oder die Fantasien, die in bestimmte Situationen einfliessen, finden da keinen Platz. Oder konkret auf «Armadillo» bezogen: Wie prägen die Bilder des Kriegs, die ein Soldat von Computerspielen aufgenommen hat, seine konkrete Erfahrung in diesem realen Krieg? Wenn man sich solchen Fragen stellt, begibt man sich unweigerlich auf poetisches Territorium.
Die Nähe zum Spielfilm provoziert auch die Frage nach Ihrer Rolle als Regisseur. Wie stark haben Sie Ihre Darsteller geführt?
Unterschiedlich. Wenn man auf Patrouille ist, beobachtet man einfach, was passiert. Da bleibt kein Raum für Regieanweisungen. In anderen Fällen habe ich schon Anregungen gegeben. Wenn einer der Soldaten mit seiner Mutter telefoniert, haben wir das natürlich mit ihm abgesprochen. Ich bin angesprungen auf diesen familiären Konflikt mit der Mutter, die nicht begreifen kann, wie ihr Sohn in den Krieg ziehen konnte. Aber die Emotionen, die dabei freigesetzt werden, sind nicht gestellt.
Man hat dem Film vorgeworfen, die Soldaten sprächen, als würden Sie Dialoge aus Filmen wie «Apocalypse Now» oder «Platoon» nachbeten.
Der Jargon dieser Soldaten stammt nun einmal zu einem guten Teil aus solchen Filmen. Ihr Selbstbild ist stark geprägt von Bildern aus dem Kino und den Medien. Das Dilemma ist natürlich, dass ein Film wie «Armadillo» diesem Repertoire wieder neue Bilder hinzufügen wird. Und er wird zwangsläufig eine Menge junge Menschen anziehen, die den Thrill und die verführerische Barbarei des Kriegs selbst erleben möchten. Das alles ist sehr ambivalent. Aber als Regisseur hat man nie die totale Kontrolle darüber, wie ein Film von welchem Publikum aufgenommen wird.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.04.2011, 09:04 Uhr
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3 Kommentare
Nach "Restrepo" (Sebastian Junger & Tim Hetherington+) ein weiterer ehrlicher Dok über junge westliche Soldaten der "Playstation Generation Kill" in einem fernen Krieg. Was Metzt sagt, ist eine ehrliche Antwort über das Wesen von Soldaten. Viele Leser werden das nicht verstehen, weil sie es wohl auch nicht verstehen wollen, Teil einer eigenen Welt zu sein. Darum auch keine Erklärungsversuche. Antworten
Wer den Film zu Ende gesehen hat, hat mehr gesehen als der Regisseur - diese jungen Männer sind kriegstraumatisiert und finden sich nicht mehr in Dänemark zurecht. Dass sie ihrem Jagdtrieb erliegen, ist natürlich - in einigen US Staaten ist es konsequenterweise Polizisten verboten, nach einer Verfolgungsjagd sich dem gestellten Wagen zu nähern - sie müssen dazu Kollegen aufbieten! Antworten
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