Die erotische Kraft zweier Genies
Der Film
«Coco Chanel & Igor Stravinsky», Regie: Jan Kounen, 118 Minuten. Ab Donnerstag im Kino.
Dazu passt, dass die Darstellerin der legendären Modeschöpferin, Anna Mouglalis, nicht nur Schauspielerin (Chabrols «Süsses Gift», 2000) ist, sondern auch Model für Chanels heute von Karl Lagerfeld geleitetes Couture-Haus. Was der 45 Jahre alte Regisseur Kounen (»39,90», 2007) mit seiner Geschichte über die Affäre zweier revolutionärer Kulturgenies allerdings aussagen will, bleibt so seltsam eindimensional wie die mimischen Leistungen der beiden Hauptakteure.
Fast könnte man meinen, der Film, in dem viel russisch gesprochen wird, sei ein Schachzug, um reiche russische Kunden des Luxus-Labels zu umschmeicheln. «Coco Chanel & Igor Stravinsky» nach dem Roman (2002) von Chris Greenhalgh ist nicht gehaltvoller geraten als Anne Fontaines Hommage «Coco avant Chanel» vom vergangenen Jahr. Jene Kinoversion vom frühen Werdegang der Mode-Ikone war ebenfalls so bildschön anzusehen wie blutarm. Beide Produktionen wurden von Lagerfeld mit Rat und Tat, alten und neuen Kleidern unterstützt.
«Unser» Anatole
Förmlich mit einem Paukenschlag beginnt es: Laute, dissonante Orchesterklänge, ein buntes Natur-Bühnenbild und wild stampfende Tänzer in Eingeborenen-Kostümen werden hier regelrecht zelebriert. Mit viel Liebe zum Detail rekonstruieren Kounen und nicht zuletzt Kameramann David Ungaro die skandalbegleitete Uraufführung von Stravinskys Ballett «Le sacre du printemps» 1913 in Paris. Im schockierten Belle-Epoque-Publikum sitzt eine schlicht-elegant gekleidete junge Frau, die von der Aufführung begeistert ist: Gabrielle Chanel, genannt Coco, Hutmacherin aus ärmsten Verhältnissen. Sie ist zu der Zeit mit dem reichen Bergwerksbesitzer Arthur «Boy» Capel, gespielt vom Zürcher Anatole Taubman, zusammen.
Als sie Stravinsky sieben Jahre später trifft, ist sie dank ihrer gewagt-funktionalen Jerseykleider, Damenhosen und flachen Schuhen reich und berühmt, er hingegen ein auf Unterstützung angewiesener Familienvater. Coco lädt das Ehepaar und seine vier Kinder ein, sich in ihrem schwarz-weiss eingerichteten Landhaus zu erholen.
Aufgeblasen
Was in beider wahrer Leben ein Intermezzo war, pumpt der Spielfilm auf zum zweistündigen Melodram über Kunst und Leidenschaft, Liebe und Verantwortung. Vor allem die kreativen Schübe, die beide durch ihre verbotene, in expliziten Sex-Szenen vermittelte Passion erfahren, werden dick aufgetragen.
Sie entwirft jetzt russisch inspirierte Kleider und arbeitet eifrig an ihrem avantgardistischen Parfüm Nr. 5. Er komponiert Kühnes. Die an Tuberkulose erkrankte Frau Stravinsky beginnt verzweifelt, um ihren Gatten zu kämpfen. Ganz am Ende bleiben den beiden nunmehr alten, einsamen Hauptbeteiligten nur ihre Erinnerungen.
Enttäuschende Darsteller
Abgesehen von der Grobmaschigkeit des - ebenfalls von Greenhalgh verfassten - Drehbuchs enttäuschen hier vor allem Mouglalis (31) und der sonst so grossartige ehemalige Dogma-Mime Mikkelsen («Casino Royale», 2006).
Wenn Mouglalis schön, schwanenhälsig und geschmeidig durch die Räume schreitet, lässt sie nur wenig vom kraftvoll-zwiespältigen Charisma der Self-made-Frau Chanel spüren. Und Mikkelsen bleibt konsequent bei einem ernst-introvertierten Ausdruck hinter seiner Intellektuellenbrille. (DerBund.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.05.2010, 15:50 Uhr
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