Kultur

Die Saat des Bösen

Von Simone Meier. Aktualisiert am 08.09.2011 1 Kommentar

Der Regisseur Todd Haynes hat an den Festspielen in Venedig sein neues Projekt vorgestellt: eine TV-Serie mit Kate Winslet.

«Und dann wird das Geld in nichts anderes als in Qualität investiert»: Todd Haynes über die Arbeit beim Fernsehen.

«Und dann wird das Geld in nichts anderes als in Qualität investiert»: Todd Haynes über die Arbeit beim Fernsehen.
Bild: Keystone

Kate Winslet in «Mildred Pierce».

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«Mildred Pierce» Trailer
(Video Youtube)

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Warten auf der Terrasse des gnadenlos heruntergekommenen Hotels Excelsior, wo das kleinste Bier 10 Euro kostet, die Frauen die höchsten Absätze spazieren führen und alle Männer über 50 geliftet sind. Warten auf Todd Haynes, der, so versichern seine Betreuerinnen, in der Jury der Netteste sein soll: «So entspannt, so freundlich, so ein richtiger Mann!» Todd Haynes ist eben 50 geworden und schon seit vielen Jahren einer der angesehensten amerikanischen Autorenfilmer. Er schuf das 70er-Glamrock-Epos «Velvet Goldmine», das 50er-Hausfrauen-Melodram «Far from Heaven» und «I’m Not There», den Filmessay über Bob Dylan. Schönes, schwelgerisches und gelegentlich ungeniert schwieriges Kino.

Aber jetzt ist Todd Haynes auch noch Fernsehschaffender. Für seinen Fünfteiler «Mildred Pierce» ist er für 21 Emmys nominiert. Klar also ist Todd Haynes entspannt. Erschöpft und rundum zerknittert aber trotzdem: «Heute Morgen um 9 Uhr fiel eine Vorstellung aus wegen technischer Probleme, und die ganze Jury stöhnte: Verdammt, zwei Stunden mehr Schlaf wären so schön gewesen! Der Wettbewerb ist in diesem Jahr einfach besonders gut und für uns besonders intensiv. Da täusche ich mich nicht, oder? Was für ein Jahrgang!»

Die Saat des Bösen

In «Mildred Pierce» spielt Kate Winslet die Titelrolle. Eine amerikanische Hausfrau in der Depressionszeit der 30er-Jahre, die ihren eigenen Lebenstraum auf ihre Tochter projiziert und diese zur monströsen Egomanin heranwachsen lässt. So lange, bis die Tochter beruflich auf der Opernbühne und privat im Bett von Mildreds Liebhaber landet. «Diese Tochter», sagt Haynes, «ist die Saat des Bösen mitten im amerikanischen Traum.» Gespielt wird sie von Evan Rachel Wood. Winslet und Wood spielen beide auch in Filmen im Wettbewerb von Venedig mit, Winslet in Polanskis «Carnage», Wood in Clooneys «Ides of March». Kann Juror Todd Haynes da objektiv bleiben? «Nein, das geht nicht. Ich bin unglaublich stolz auf die beiden, aber wenn man so eng mit Schauspielern gearbeitet hat, ist es unerträglich, ihnen in einem andern Film bei der Arbeit zuzuschauen, fast peinlich.»

«Mildred Pierce» ist ein sattes Melodram über Aufstieg, Fall und Leidenschaften einer amerikanischen Kämpferin, geschrieben von James M. Cain und ein Erbstück des amerikanischen Films: 1945 gewann Joan Crawford als Mildred einen Oscar. «Vor gut sieben Jahren kam der Drehbuchautor Jonathan Raymond und sagte: ‹Ich habe diesen alten Film noch immer nicht gesehen, aber das Buch dazu ist grossartig, lass uns daraus was machen.› Es schien wie geschaffen für eine Fernsehserie. Ich träumte von HBO als Sender und von Kate Winslet als Hauptdarstellerin – und beide haben sofort zugesagt.»

Das Publikum ist «explodiert»

Und wieso ausgerechnet Fernsehen? «Weil es eine private Geschichte ist. Eine Geschichte über die amerikanische Institution der Mutter und Hausfrau, die ja eigentlich nichts hat und nichts ist und doch eine Klasse für sich darstellt. Weil sie zu wissen meint, was richtig ist und was nicht. Aus diesem Klassenbewusstsein der Mütter heraus entwickelt sich Mildreds ganze Tragödie. Es war unglaublich verführerisch, dass diese Geschichte nicht nur mein gewohntes Publikum im Kinosaal erreicht, sondern genau dort gespielt wird, wo sie auch stattfindet: im amerikanischen Heim. Und das Fernsehen ist etwas so Selbstverständliches, nicht wie das Kino. Im Fernsehen begegnen die Leute einem zufällig, ohne Absicht. Kurz: Mein Publikum ist mit ‹Mildred Pierce› explodiert.»

«Mildred Pierce» wird in Venedig ausserhalb des Wettbewerbs in mehreren Teilen gezeigt. Das ist logisch, denn gemacht ist «Mildred Pierce» wie fürs Kino, da gibt es keine Unterschiede im Aufwand, in der Ausstattung, in der Kameraführung. Die Bilder, diese unglaublich durchdachten, schillernden Kompositionen mal in Gold-, mal in Silber-, mal in Grüntönen, sie sind schlicht betörend. Und die Schauspieler sowieso unanfechtbar. Wäre dies ein Wettbewerbsbeitrag, so müsste Kate Winslet am Lido genauso den Preis fürs beste Schauspiel entgegennehmen dürfen wie 2007 Cate Blanchett als Bob Dylan in «I’m Not There» und 2002 Julianne Moore in «Far from Heaven».

Nächste Serie ist schon in Arbeit

Die Miniserie an einem Filmfestival zu zeigen, ist aber auch kühn. «Die Leute begegnen einer Fernsehserie an einem solchen Ort noch immer herablassend», sagt Todd Haynes, «dabei ermöglichen in Amerika Fernsehsender wie HBO das neue Independent-Kino.» Stimmt, Haynes ist da keine Ausnahme: Martin Scorsese arbeitet für HBO an «Boardwalk Empire», Gus van Sant dreht «Boss» für Starz, und Steven Spielberg produziert «United States of Tara» für Showtime. «Für diese Sender zu arbeiten, ist wie im Märchen», sagt Haynes, «man bekommt viel Zeit und viel Geld, und zuoberst sitzen anständige, sorgfältige Leute, wie man sie in den Filmstudios fast nicht mehr findet. Die Fernsehsender haben entdeckt, dass sie mit guten Eigenproduktionen gute Kritiken bekommen, Preise gewinnen und ihr Image verbessern können. Für HBO bringen Serien wie ‹True Blood› oder ‹Games of Thrones› mit viel Fantasy und Action das Geld. Und dieses Geld wird dann in nichts anderes investiert als in Qualität. So arbeitet sonst niemand mehr.»

Als Nächstes dreht Todd Haynes für HBO den ersten Teil der Serie «Dope»: «Julianne Moore kam mit diesem Roman von Sara Gran über einen Ex-Junkie im New York der 50er-Jahre und sagte: ‹Das will ich machen.› Und das machen wir jetzt.» Fürs Kino arbeitet der Regisseur an seinem ersten Film überhaupt, der in der Gegenwart spielt: «Es wird ein Projekt über konservative Politik», erklärt Haynes: «Und darüber, weshalb die Amerikaner heutzutage einer mächtigen Firma mehr vertrauen als ihrer Regierung. Ich will, dass die Zuschauer ihr eigenes politisches Verhalten begreifen lernen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.09.2011, 06:35 Uhr

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1 Kommentar

Sandro Wolf

08.09.2011, 10:46 Uhr
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Die Produktionen von HBO sind fantastisch, die Qualität stets ausserordentlich. Sei es kriegerisches à la "The Pacific" oder "Spartacus", Komödien wie "Real Time with Bill Maher" oder "Entourage", Fantasy wie "True Blood" oder "Game of Thrones" oder sonstige sensationelle Produktionen wie "The Wire", "Sopranos", "Deadwood". DAS ist Pay-TV, das sich lohnen würde! Antworten



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