Die Revolution hat Asthma
Von Thomas Allenbach. Aktualisiert am 25.03.2009
Links
Nur gestaffelt im Kino
«The Argentine», der erste Teil von «Che», startet diesen Donnerstag in den Deutschschweizer Kinos, «Guerilla» erst am 23. April. Das ist unglücklich, denn so kann man sich die beiden Filme nicht in einem Zug anschauen. Die gestaffelte Auswertung sei vertragliche Verpflichtung, heisst es bei Verleiher Ascot Elite. Auch in den andern Ländern wurde und wird «Che» so lanciert. In den USA aber war ein Kompromiss möglich: So wurden vor dem Kinostart von «The Argentine» die beiden Teile in New York während einer Woche zusammen gezeigt. (all)
«Che Guevera ist ein grossartiger Filmstoff. Schliesslich ist das eine der grossen Biografien des 20. Jahrhunderts.» So sprach Steven Soderbergh, als er im letzten Mai am Filmfestival Cannes «Che» präsentierte. Bei der Pressekonferenz wurde er nicht nur von seinem überzeugenden Hauptdarsteller Benicio Del Toro begleitet, der dann auch als bester Darsteller ausgezeichnet wurde, sondern von nicht weniger als neun Mitstreitern. Der Auftritt erinnerte an den eines Kommandos. Soderbergh, mager, mit Bart und strengem Blick, sah aus wie ein Revolutionär, der direkt aus dem Kampf kommt.
Das kam er auch. Sieben Jahre lang hatte er für den Film gekämpft, für den auch mal Terrence Malick («Badlands») als Regisseur vorgesehen war. Auf die Leinwand kam das Werk schliesslich in einer Form, die so nicht geplant war: als filmisches Diptychon aus zwei Teilen von je etwas über zwei Stunden. Teil eins, «The Argentine», schildert hauptsächlich den erfolgreichen Befreiungskampf in Kuba von 1956 bis 1959, Teil zwei, «Guerilla», folgt Ches Untergang in Bolivien 1966/67. Ursprünglich war nur ein Film über Che in Bolivien geplant – Benicio Del Toro war mit diesem Projekt an Soderbergh herangetreten. «Ohne den Kampf in Kuba hätte der Kontext gefehlt und Che wäre nicht fassbar geworden», sagte Soderbergh. Die jetzige Form passt zu seinem Che-Bild: «Fasziniert hat mich besonders die Tatsache, dass er zweimal alles für den Kampf hingab.»
Der Wille zur Rebellion
Die Ausweitung des Projekts stellte die Produktion vor erhebliche Probleme. Dazu kam, dass Soderbergh den Film nicht «im Englisch der Imperialisten», wie er sagte, sondern im Spanisch der Revolutionäre drehte, was die kommerziellen Chancen auf dem US-Markt zusätzlich einschränkte. Ebenfalls nicht mehrheitsfähig ist Soderberghs ästhetische Haltung – «Che» ist ein Konzeptfilm, kein Mainstreamwerk. Hier werden nicht die Höhepunkte einer Biografie nachgestellt, hier wird ein Mensch besichtigt. Konsequent verweigert sich Soderbergh den Konventionen des Hollywood-Biopics und huldigt einer geradezu asketischen Ästhetik: Er verzichtet auf psychologisierende Erklärungen und sucht stattdessen nach einer objektiven Wahrheit im biografischen Material, er erzählt auf dramatische Art und Weise und unterläuft so immer wieder Erwartungen. So endet zum Beispiel Teil eins nicht mit dem Triumph in Havanna, sondern mit einer Szene, die Che als pingeligen Moralisten zeigt. Erklärungen zum Verhältnis zwischen Che und Fidel fehlen ebenso wie Spekulationen über Ches Jahre in Afrika.
Konzeptuell schlüssig ist auch, dass Soderbergh die beiden Teile formal spiegelbildlich angelegt hat: «The Argentine» ist offen und vielschichtig, die Handlung springt zwischen New York, Kuba, Mexiko, der berühmteste Revolutionär spricht zur Welt. Ein Interview Ches mit einer amerikanischen Journalistin und seine antiimperialistische Rede 1964 vor der Uno liefern ideologisches und biografisches Basismaterial und bilden den Rahmen zum Kampf in Kuba. Diesen hat Soderbergh in Farbe gefilmt (er führt die Kamera jeweils unter dem Pseudonym Peter Andrews), Ches Uno-Auftritt und dessen Interview hingegen in einem Schwarz-Weiss, das den Bildern den Anstrich von Archivmaterial geben soll.
Den Che zeigt Soderbergh in exemplarischen, manchmal fast didaktisch wirkenden Szenen als einen Idealisten und Revolutionär, der bereit ist, seine Überzeugungen mit konsequenter Härte zu verfolgen. Er ist einer, der die Menschen nicht nur erziehen und heilen will, sondern der auch bereit ist, Todesurteile auszusprechen. Soderbergh stützt sich dabei auf die Erinnerungen Ches, bleibt diesem gegenüber aber stets auf Distanz und überlässt es dem Publikum, sich seine Meinung zu machen. Die Grösse des Che soll aus dessen Handlungen und nicht aus deren Darstellung resultieren. Immer wieder zeigt Soderbergh die Bruderschaft der Kämpfenden und den Che, wie er Zigarre rauchend von der Revolution spricht. Mehr noch aber wird einem der hustende, keuchende, unter Asthma leidende Che in Erinnerung bleiben: einer, der gebrechlich und zugleich von einem fast übermenschlichen Willen beseelt war.
Als wären sie Tote
Der zweite Teil, «Guerilla», erinnert in manchem an Richard Dindos Dokumentarfilm «Ernesto Che Guevara, das bolivianische Tagebuch» (1994) und ist das bittere, tragische Gegenstück zu «The Argentine». In der streng linear gehaltenen Chronik spiegelt sich die zunehmende Isolation des permanenten Revolutionärs. Fast naturalistisch schildert Soderbergh Ches Weg in die ideologische Sackgasse, man folgt einem Revolutionär auf seiner Reise in die Einsamkeit. Die Wiederholung des Erfolgs gelingt nicht, weil der revolutionäre Funke aus mehreren Gründen – Che macht taktische Fehler, die Revolutionäre werden als Gringos abgelehnt – nicht auf das Volk überspringt. Nach 341 Tagen sind die Rebellen besiegt und am 9. Oktober 1967 wird Che hingerichtet – Soderbergh filmt die Todesschüsse aus dessen Perspektive: Die Kamera fällt, wie Che fiel.
Je desolater die Situation wird, desto pathetischer und weltfremder – als diente der Kampf der Selbsterlösung – wirkt Ches Haltung, seine Rede etwa vom Revolutionär als höchster Form des Menschen. «Um zu überleben, müssen wir leben, als wären wir schon tot», sagt Che einmal. Tatsächlich wird der Film zu einem Geisterspiel und Ches Leiden zum Martyrium. Diesem zu folgen verlangt vom Publikum die Bereitschaft, sich auf die Monotonie einzulassen. Die Einsamkeit des Che droht hier zur Einsamkeit des Kinorevolutionärs Soderbergh zu werden. (Der Bund)
Erstellt: 25.03.2009, 11:35 Uhr
Kultur
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!





