Die Reifenprüfung
Von Florian Keller. Aktualisiert am 28.01.2011 1 Kommentar
Der Film:
Rubber (F 2010). 85 Minuten. Regie und Drehbuch: Quentin Dupieux. Mit Stephen Spinella, Roxane Mesquida u. a. Ab Donnerstag in Zürich im Kino Riffraff.
Quentin Dupieux: Geboren 1974, feierte der Franzose seine ersten Erfolge als House-Musiker unter dem Namen Mr. Oizo. «Rubber» ist sein zweiter Spielfilm.
Wenn gute Freunde, die Sie stets für vernünftig und geschmackssicher gehalten haben, in den nächsten Tagen und Wochen plötzlich von einem Film schwärmen, in dem ein Killerpneu die Hauptrolle spielt, dann sollten Sie daraus nicht schliessen, dass diese Freunde nicht mehr ganz bei Trost sind. Die haben nicht den Verstand verloren. Sie waren wohl zu Besuch im kuriosen Universum des Quentin Dupieux und haben dort die bestechende Vernunft des Absurden kennen gelernt.
Der Film des Franzosen heisst «Rubber», er spielt in der amerikanischen Prärie, und die meiste Zeit schauen wir dabei einem Autoreifen zu, wie er unter gleissender Sonne gemächlich durch die staubige Weite des Westens rollt. Das beginnt wie eine unschuldige Kinder-geschichte über einen kleinen Helden mit grossen Träumen, aber Obacht: Der entsorgte Pneu, der sich da aus eigenem Antrieb aus dem Sand schält, ist mit telekinetischen Kräften gesegnet. Wo immer er auf ein kleines oder grösseres Hindernis aufläuft, räumt er es mit Gewalt aus dem Weg.
Dumm und schlau zugleich
Und das geht so: Der Pneu fängt an zu zittern und zu beben, und diese metaphysischen Schwingungen schwellen so mörderisch an, bis seine Opfer den Geist aufgeben. Erst ist es nur eine leere Bierflasche, die zersplittert. Später explodiert ein Rabe. Bald schon kreuzen die ersten Menschen den Weg des psychopathischen Pneus.
Bescheuert? «Natürlich klingt es bescheuert, das ist genau der Punkt», sagt Regisseur Dupieux beim Gespräch. Und dann sagt er einen merkwürdigen Satz: «Ich wollte einen dummen Film machen, der zugleich sehr schlau ist.» Auf Französisch klingt das nicht mal paradox, sondern auf verführerische Weise einleuchtend. Mit Filmen, die entweder nur intellektuell oder nur doof seien, könne er nichts anfangen, sagt Dupieux. Aufregend werde es dort, wo man sich gleichzeitig in verschiedenen Welten befinde. Dupieux erfindet sich also ein Universum, das der Logik des absurden Theaters folgt, und garniert diese Welt mit den Effekten des Splatterfilms.
Meditation und Mord
«Rubber» ist ein minimalistischer Meta-Horrorfilm, der seinen Kommentar gleich mitliefert. Bei der Premiere auf der Piazza Grande in Locarno nannte Dupieux seinen Film eine Mischung aus Spielbergs Verfolgungsthriller «Duel» und den Monty Pythons. Das ist treffend: Der anonyme Lastwagen als Drohkulisse bei Spielberg wird hier durch den Terror des Pneus ersetzt, das Klima der Angst durch makabre Komik. Zu erwähnen wäre noch der fast schon buddhistische Gleichmut, mit dem Dupieux seine Farce präsentiert. «Rubber» ist ein Film, der auch zur Meditation taugt, ohne Psychologie und ohne Botschaft.
Dupieux, muss man wissen, hat die Welt schon mal mit einem ausgemachten Blödsinn überrollt, unter dem Künstlernamen Mr. Oizo. Als DJ hatte er in zwei Stunden Heimarbeit ein Stück namens «Flat Beat» (1999) programmiert. Im Musikvideo lümmelte eine gar nicht herzige Stoffpuppe hinter einem grotesken Pult im Chefsessel und nickte wie von Sinnen zum gummigen Bass. Mit der Nummer stürmte Mr. Oizo die Hitparaden, seine Puppe namens Flat Eric wurde in einer Jeanswerbung zum Weltstar, und Dupieux war platt vom Erfolg. «Ich war jung und unvorbereitet», sagt er. «Ich war schockiert, wie schnell das ging.» Das kann man ihm glauben. Oder auch nicht.
Verfremdungseffekte
Denn dieser Quentin Dupieux ist ein offenherziger Scharlatan. Wenn er uns über den Tisch zieht, dann zeigt er uns anschliessend, dass da gar kein Tisch war. Sein Film über den Killerpneu fängt also damit an, dass irgendwo in der Wüste eine Menge leerer Stühle bereitstehen wie als Zitat aus dem gleichnamigen Stück von Ionesco. Aus der Ferne nähert sich langsam ein Auto, das die Stühle im Slalomkurs sauber aus dem Weg räumt. Vor die Kamera tritt ein Sheriff, der uns – Verfremdungseffekt! – eine kurze Lektion über das Kino und seine Beziehung zum Absurden erteilt. Und bald steht da auch ein mit Feldstechern ausgerüstetes Publikum im Nirgendwo und verfolgt mehr oder weniger gebannt das mörderische Treiben des Pneus.
Die Zuschauer im Film sondern ihre Kommentare ab, damit wir das im Kino nicht mehr selber tun müssen. Und als sie für den Plot nicht mehr gebraucht werden, fasst ein beflissener Helfer, der für die Betreuung des Publikums zuständig ist, von einem unsichtbaren Regisseur den Auftrag, die Zuschauer in der Prärie um die Ecke zu bringen. Nur ein Senior im Rollstuhl lässt sich so leicht nicht beseitigen und fordert hartnäckig sein Recht auf Entertainment ein, weil er schliesslich dafür bezahlt hat. Und in der dümmsten Szene des Films klopft der Alte eigenhändig an die Tür der Veranstalter, um zu reklamieren.
Wo soll das nur hinführen? Es endet, natürlich, in Hollywood. Denn «Rubber» ist mehr als ein elaborierter, gegen Ende allzu breit ausgewalzter Gag. Der Film führt auch einen hinterlistigen Feldzug gegen die Konventionen des Unterhaltungskinos. Heute, findet Dupieux, gelte einer dann als guter Regisseur, wenn er die Gefühle des Publikums kontrollieren könne: Da sollen die Leute weinen, dort werden sie nachdenklich, hier sollen sie lachen. «Ich selbst», sagt Dupieux, «habe keine Ahnung, was in den Leuten vorgeht, wenn sie meinen Film sehen. Das interessiert mich nicht.»
Was er im Schild führt, zeigt er im grandiosen Schlussbild von «Rubber». Da formiert sich eine surreale Karawane auf der Strasse nach Hollywood. Dieser Film träumt davon, die Traumfabrik zu sprengen. Die Explosion dürfen wir uns dann selber ausmalen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 27.01.2011, 19:48 Uhr
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1 Kommentar
Da hat jemand erfolgreich den Spiess umgedreht. Videospiele werden immer mehr zu Filmen, was Story etc. angeht. Jetzt hat jemand mal einen Film gemacht, dessen Plot einem 80er Jahre Videospiel im Stile eines Pac-Man, Kettle oder Wizball entsprungen sein koennte. Herrlich! Antworten
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