Der komische Ingenieur
Von Jean-Martin Büttner. Aktualisiert am 06.10.2011 2 Kommentare
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Atkinson live
Atkinson in 'Black Adder'
Atkinson in 'Keeping Mum'
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Manche Schauspieler lassen schon vor dem Interview ausrichten, welche Fragen sie nicht hören wollen. Das ist schade, wenn die Antworten gerade deshalb interessieren. In seinem Fall ist man erleichtert. Dass Rowan Atkinson seine beliebteste Figur nicht mehr spielen und auch nicht kommentieren will, den Tölpel Mr. Bean mit dem Kautschukgesicht, den eckigen Bewegungen und den quälend lange angekündigten Pointen: Man ist ihm dankbar dafür.
Zwar machte ihn diese Rolle weltberühmt, und er hat sie in zwei Spielfilmen heiter eingesetzt. Aber seine Figur reduzierte ihn auch zum grimassierenden Klischee; sie liess ihn weit unter seinem komischen, schauspielerischen und rhetorischen Talent agieren.
Ingenieur, Komiker, Schauspieler
Im Gespräch redet Rowan Atkinson, studierter Ingenieur, Drehbuchautor, Stand-up-Komiker, Theaterschauspieler, Satiriker und Humorist, genauso eloquent, selbstironisch und gescheit, wie seine Figuren wortkarg bleiben, selbstbezogen und überfordert. Denn am liebsten spielt er scheue oder simple Typen, die sich gar nichts zutrauen oder alles. Scheu wie etwa der linkische Pfarrer Walter Goodfellow in der Kriminalkomödie «Keeping Mum», der zwar nicht seinen Glauben, aber seinen Humor verloren hat, was noch schlimmer ist. Linkisch wie der Geheimagent Johnny English, den Atkinson in seinem neuen Film auf umwerfend komische Art interpretiert: als frohen Dilettanten, der alles falsch macht und für richtig hält.
Warum diese Vorliebe für Verlierer? Es klingt seltsam, diese Frage einem Multimillionär zu stellen, der im Grand Hotel Dolder zum Interview empfängt. Atkinson scheint das nicht zu stören. «Es muss mit meinem Charakter zu tun haben», sagt er, «ich mag subtilen Humor, aber ich mag auch kindische Gags mit einfachen Figuren.» Das komme wohl daher, dass er zum Massenmarkt tendiere. «Es bereitet mir mehr Vergnügen, sehr viele Leute zu unterhalten statt bloss wenige.» Und einfache Figuren seien halt erfolgreicher. Er hoffe aber, dass es ihm nicht nur ums Geld gehe.
In Oxford studiert
Vielleicht habe seine Vorliebe auch mit seiner Herkunft zu tun. «Ich bin ein Elektroingenieur aus dem Norden und wehre mich etwas gegen die Kollegen aus Cambridge und Oxford; ich möchte klarmachen, dass ich nicht zu ihnen gehöre.» Atkinson, der ebenfalls in Oxford studierte, meint die Akademiker von Monty Python und Kollegen wie Stephen Fry oder Hugh Laurie. Das seien übrigens seine besten Freunde, sagt er noch.
Was er als Ingenieur gelernt habe, fragt man ihn, das ihm als Komiker nütze. «Wie eine Konstruktion entsteht und wie wichtig die Details sind dabei.» Ein Film sei wie ein Gebäude. Baue man falsch, stehe alles schief.
Bei «Johnny English Reborn» steht die Hauptfigur ständig schief. Der Komiker hat eine Rolle wieder aufgegriffen, die er vor acht Jahren zum ersten Mal filmisch anprobierte: Die des Geheimagenten Johnny English, der weit mehr von sich hält als alle anderen. Seine hohe Meinung von sich selber widersteht allen Fehlern, Fehleinschätzungen und selbst verschuldeten Katastrophen, bleibt völlig unbeeindruckt gegenüber Vorgesetzten und Killern, widersteht aller Logik und verachtet die Schwerkraft.
Frontal in die Wand
Geheimagent English ist nämlich flott unterwegs. Auf seinen Jagden und Fluchten benutzt er einen denkenden Rolls-Royce, dezimiert mit einem Helikopter ein paar Bäume, rast im Rollstuhl durch die Londoner Strassen, fliegt, fährt, gleitet, schwebt, fällt durch die Gegenden und Kontinente – und lässt sich nicht einmal in einem Leichensack davon abhalten, frontal in die nächste Wand zu hüpfen. Worauf er den Bösen erlegt, den Premier bewahrt, die Chefin besänftigt und die Schöne erweicht.
Der Film ist also als Parodie auf die Bond-Filme angelegt, die kenntnisreich zitiert werden, von «Goldfinger» über «On Her Majesty’s Secret Service» bis zum Remake von «Casino Royale». Also hat das Unterfangen etwas Nostalgisches. Dass die Neuausgabe so viel besser funktioniert, hat, es klingt paradox, mit ihrem Ernst zu tun. «Johnny English versagt lustiger in einem seriösen Kontext», sagt Atkinson. Nur wenn seine Mission glaubhaft, die Handlung nachvollziebar und die Nebenrollen glaubhaft besetzt seien, funktioniere der Humor. «Wir wollten die Atmosphäre eines Bond-Filmes schaffen mit einer völlig albernen Hauptfigur in der Mitte.»
«Das Leben ist komisch aus der Distanz»
Das gelingt, weil der Komiker sein ganzes Repertoire einsetzt, also nicht bloss stolpert oder grimassiert, wie man es von ihm zu häufig gesehen hat. Sondern die jeweilige Katastrophe mit lakonischen Einzeilern quittiert und dazu ein steinernes Gesicht macht, bei dem sich nur die eine Augenbraue regt.
Wie diese humoristische Ökonomie funktioniert, belegt eine der lustigsten Szenen im Film. Es ist bezeichnend, dass sie mit einer Totalen, drei Einstellungen und ohne Spezialeffekt auskommt. Die Szene geht so: Während der Geheimagent dem Premierminister und anderen Würdenträgern zuhört, schraubt er an seinem Stuhl, worauf dieser sich unkontrolliert hebt und senkt. Keiner am Tisch verzieht eine Miene. «Das ist ein perfekter Gag», sagt Atkinson, «er zeigt einen sehr dummen Vorfall in einer sehr ernsten Situation. Dass alle die Albernheit ignorieren, ist das Britische daran.» Dann zitiert er Chaplin: Das Leben sei tragisch in der Nahaufnahme, komisch aber aus der Distanz.
Obwohl Atkinson als Stand-up-Komiker und in Serien wie «Blackadder» als Satiriker brillierte, bevorzugt er bis heute physische, wortlose Pointen: «Witze ohne Worte ergeben sich natürlich, Wortwitze haben mit Herkunft und Erziehung zu tun», erklärt er; «ich kann visuellen Pointen nicht widerstehen, weil sie so urtümlich sind.»
Vom Stottern zum Lachen
Rowan Atkinson wuchs als Stotterer auf. Hat das sein Verhältnis zur Sprache getrübt? «Nicht bewusst», sagt er. «Ich stottere heute noch ab und zu, zum Beispiel wenn ich nervös bin oder es mit Unbekannten zu tun habe. Als Schauspieler stottere ich nie.» Dass man sich über Stotternde lustig machen kann, wie das Michael Palin in «A Fish Called Wanda» tat, stört Atkinson überhaupt nicht. Sich über Behinderungen zu mokieren, sagt er, habe etwas Grausames, «aber leider muss ich trotzdem lachen.»
Grausamer Humor ist eine britische Spezialität, das haben Komiker wie John Cleese, Ricky Gervais, Hugh Laurie oder Sacha Baron Cohen vorgemacht. Diese humoristische Schwärze, sagt Atkinson, habe viel mit der Rigidität der englischen Klassengesellschaft zu tun: «Die lässt sich mit Witzen besonders gut perforieren.» Er selber, fügt er sogleich an, sei sanfter als die Kollegen. Ob es denn stimme, fragt man ihn einmal, was die englische Schauspielerin Stephanie Cole einmal behauptet habe: dass der Zynismus nichts anderes sei als das Kondom von Romantikern. «Darüber muss ich länger nachdenken, als wir jetzt Zeit haben», sagt er. Schade: Diese Antwort hätte man besonders gern gehört.
«Johnny English Reborn» läuft ab heute in Zürich in den Kinos Abaton, ABC, Arena, Capitol und Corso. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.10.2011, 08:22 Uhr
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2 Kommentare
eine seiner meiner meinung nach exzellenten rollen die häufig vergessen geht ist die des enrico pollini aus "rat race" (zugleich einer der lustigsten amerikanischen filme überhaupt). und live als z.b ersatz-referent in "shakespearian acting" ist er natürlich auch köstlich. Antworten
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