Der grosse Kater der Regisseure
Von Thomas Allenbach. Aktualisiert am 25.01.2010 2 Kommentare
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Die wichtigsten Premieren an den 45. Solothurner Filmtagen
«Bazar» von Patricia Plattner. Spielfilm über eine Antiquarin, die sich mit 60 Jahren in eine Affäre mit einem jungen portugiesischen Künstler stürzt. 22./25. Januar.
«Bödälä – Dance the Rhythm» von Gitta Gsell. Dokumentarfilm über das rhythmische Klappern mit den Füssen – vom Innerschweizer Bödelen über Stepptanz bis Flamenco. 22./25. Januar.
«Der Engel und die Fibonacci-Zahlen» von Samir. Dokumentarfilm über die beiden Kunstwerke in der Halle des Hauptbahnhofs Zürich. 24./28. Januar.
«Dharavi, Slum for Sale» von Lutz Konermann. Dokumentarfilm über den grössten Slum Asiens, wo die geplante Räumung eine Million Menschen ihrer Existenz berauben würde. 22./26. Januar.
«Gauguin in Tahiti und auf den Marquesas» von Richard Dindo. Dokumentarfilm über die letzten Jahre des französischen Malers, der die Rückkehr zur Natur predigte. 23./26. Januar.
«Hugo en Afrique» von Stefano Knuchel. Dokumentarfilm über den bedeutenden Comicautor Hugo Pratt («Corto Maltese») und seine Jugendjahre in der italienischen Kolonie Abessinien. 22./26. Januar.
«La guerre est finie» von Mitko Panev. Spielfilm über eine Familie aus dem Kosovo, der nach zehn Jahren in der Schweiz die Ausweisung droht – und die einen albanischen Tanzclub gründet. 22./25. Januar.
«Léman-Mékong» von Frédéric Gonseth und Catherine Azad. Dokumentarfilm über den Austausch zwischen Ärzten aus dem Waadtland und ihren Kollegen in einem Spital in Vietnam. 22./26. Januar.
«L'enfance d'Icare» von Alexandre Iordachescu. Spielfilm über einen jungen Mann, der dank einer neuen Gentherapie seine Behinderung überwinden will. Mit dem verstorbenen Guillaume Dépardieu. 25./27. Januar.
«Luminawa» von Thomas Lüchinger. Dokumentarfilm über einen Kopfjägerstamm auf den Philippinen. 22./25. Januar.
«Mein Kampf» von Urs Odermatt. Spielfilm nach dem gleichnamigen Erfolgsstück von George Tabori. Mit Götz George als Schlomo Herzl und Tom Schilling als Hitler. 24./27. Januar.
«Nel giardino dei suoni» von Nicola Bellucci. Dokumentarfilm über einen blinden Musiker und Klangforscher, der als Therapeut mit behinderten Kindern arbeitet. 22./27. Januar.
«Pizza Bethlehem» von Bruno Moll. Dokumentarfilm über den Alltag, die Träume und Ängste der Juniorinnen des FC Bethlehem im gleichnamigen Berner Stadtquartier. 23./27. Januar.
«Seed Warriors» von Mirjam von Arx. Dokumentarfilm über einen Saatgut-Tresor in Norwegen, mit dem Wissenschaftler die globale Biodiversität langfristig sichern wollen. 23./26. Januar.
«Sinestesia» von Erik Bernasconi. Spielfilm über vier junge Erwachsene, deren Leben eine dramatische Veränderung erfährt. Mit Melanie Winiger und Leonardo Nigro. 22./24. Januar.
«Unser Garten Eden» von Mano Khalil. Dokumentarfilm über die Schrebergärten im Berner Bottigenmoos, wo 148 Parzellen von Menschen aus 20 Nationen beackert werden. 23./27. Januar.
«Zwerge sprengen» von Christof Schertenleib (Eröffnungsfilm). Spielfilm über zwei ungleiche Zwillingsbrüder, die beim alljährlichen Familientreffen aneinandergeraten. 21./27. Januar.
Nach dem Fiasko mit Michael Steiners «Sennentuntschi» reisst die Serie von Konflikten zwischen Regisseuren und Produzenten im Schweizer Film nicht ab. Jüngstes Beispiel: die Verfilmung von Walter Matthias Diggelmanns Spionage-Roman «Das Verhör des Harry Wind» mit den deutschen Stars Klaus Maria Brandauer und Sebastian Koch. Zwischen dem Produzenten Alex Martin und Regisseur Pascal Verdosci kam es zum Bruch: «Wir haben uns von Pascal Verdosci getrennt», bestätigt Martin. Die privaten Geldgeber hätten ihm den Auftrag gegeben, den Filmschnitt und die Postproduktion zu übernehmen. Konkrete Angaben zu den Gründen will der 42-jährige Basler nicht machen. «Es war eine ganze Reihe von Vorfällen, die letztes Jahr nach Ende der Dreharbeiten die Trennung notwendig machten.»
Regisseure nach Dreharbeiten entlassen
«Das Verhör des Harry Wind» wurde vom Bundesamt für Kultur mit 500'000 Franken gefördert. Der Anteil an Geldern von Privaten und Sponsoren im Budget von 3 Millionen Franken liegt weit über dem Durchschnitt. Dass diese Quellen derart reichlich sprudelten, hat vor allem mit der attraktiven Besetzung zu tun. Laut Alex Martin, der auch Ko-Autor des Drehbuchs ist, soll der Film im Herbst 2010 und damit ein Jahr später als geplant ins Kino kommen. Ob der Streit zum Gerichtsfall wird, kann er derzeit nicht sagen. Es laufen noch diverse Verfahren, die aussergerichtlichen Verhandlungen sind laut Martin durch den Anwalt von Pascal Verdosci abgebrochen worden.
«Das Verhör des Harry Wind» ist ein weiteres Beispiel für einen Schweizer Film, bei dem die Produzenten und Geldgeber den Regisseur nach den Dreharbeiten entlassen und das Werk nach ihren Vorstellungen fertiggestellt haben. Dasselbe geschah zuvor schon bei der Hockey-Komödie «Champions» mit Marco Rima und der Thomas-Hürlimann-Verfilmung «Der grosse Kater» mit Bruno Granz. Für Nicolas Bideau, den Chef der Sektion Film im Bundesamt für Kultur (BAK), ist dies kein Anlass zu besonderer Sorge: «Konflikte bei Filmproduktionen, vor allem zwischen der kreativen Seite und der Produktion, sind keine Seltenheit. Schliesslich handelt es sich um einen kreativen Prozess mit verschiedenen Vorstellungen und Ansprüchen.» Der Eindruck einer Häufung sei vor allem darauf zurückzuführen, dass der Schweizer Film verstärkt zu einem Medienthema geworden sei.
Die Nervosität ist gross
Anders sieht dies der Filmemacher Stefan Haupt («Elisabeth Kübler-Ross»), Präsident des Verbandes Filmregie und Drehbuch (FDS). Trennungen habe es auch früher gegeben, «aber nicht in dem Masse wie heute und vor allem nicht in der Phase der Postproduktion, wie das in jüngster Zeit gleich mehrfach passiert ist». Die Zahl der Konflikte zwischen der Kreativseite und den Produzenten habe deutlich zugenommen, auch in Zusammenhang mit «haarsträubenden» Verträgen. «Die Rechtsberatung unseres Verbands», so Haupt, «hat eine eklatante Zunahme von Anfragen festgestellt.» Dass sich die Auseinandersetzungen häufen, bestätigt auch Ivo Kummer: «Es hat in den letzten 20 Jahren nie so viele Konflikte gegeben wie jetzt», sagt der Direktor der Solothurner Filmtage und Produzent. «Ich hoffe, dass es sich dabei bloss um eine unglückliche Massierung handelt. Es wäre fatal, falls sich dies als Trend entpuppen würde.»
Versucht man den Ursachen auf den Grund zu gehen, stösst man vor allem auf Abwehr und Misstrauen. Die involvierten Konfliktparteien sind an Öffentlichkeit nicht interessiert. Die Nervosität ist gross, zum Teil aus juristischen Gründen, dann aber auch, weil man negative Schlagzeilen befürchtet. «Ich äussere mich nicht zum Fall, weil Regressforderungen drohen», sagt etwa Wolfgang Panzer, der Regisseur von «Der grosse Kater». Panzer wollte seinen Namen vom Film zurückziehen, weil er offenbar mit der von den Produzenten realisierten Endfassung nicht einverstanden war. Gar nichts will dessen Produzentin Claudia Wick von Abrakadabra Films sagen. Auch «Harry Wind»-Regisseur Pascal Verdosci ist zu keinen Aussagen bereit, überaus zurückhaltend ist ebenfalls Thomas Löhrer, der mit der Lichtspiele GmbH «Champions» produzierte.
Aus Schneideraum gesperrt
Mit Kritik nicht hinter dem Berg hält hingegen Riccardo Signorell, der bei «Champions» nicht nur Regisseur, sondern auch Produzent war. In einem persönlichen Brief, den er an seine Crew schrieb, wird deutlich, wie tief der Graben zwischen ihm und seinen ehemaligen Partnern ist. Er sei am 21. Oktober 2008 aus dem Schneideraum ausgesperrt worden, sagt Signorell und habe in der Folge den Film nicht mehr selber fertigstellen können – dies, obwohl «Champions» ein klar deklarierter Autorenfilm sei, der vor allem dank seiner bisherigen Arbeit als Autor und Regisseur mit fast 1,8 Millionen Franken Steuergeldern gefördert wurde. «Wir haben ein wunderbares Produktionspaket geschnürt, mit einer tollen Geschichte, mit einem konträr besetzten Marco Rima, mit Musik von Gimma bis Züri West.» Die Mitproduzenten, die den Film fertiggestellt haben, seien der Aufgabe nicht gewachsen gewesen, das sehe man dem Resultat an – mit diesem Film wäre er niemals zufrieden gewesen. Seine Bilanz: «'Champions' ist die Möglichkeit verwehrt worden, eine Brücke zwischen Kommerz und Kunst zu schlagen.»
«Es ging beim Konflikt nicht um Kommerz versus Kunst, sondern um unterschiedliche Auffassungen in Bezug auf die Qualität», erwidert Produzent Thomas Löhrer. «Unser Ziel war es, einen möglichst guten Film zu realisieren, der ein breites Publikum anspricht.» Mehr möchte er zurzeit zum Fall nicht sagen. «Wir werden zu gegebener Zeit reagieren, sollte unsere Reputation durch ungerechtfertigte Vorwürfe angegriffen werden.» Zu den potenten Partnern von Löhrer gehört Ringier. «Champions» ist das erste Projekt, in das der Verlag mit seiner 2007 gegründeten Abteilung Ringier Film als Koproduzent eingestiegen ist.
Rein wirtschaftliches Interesse
Signorell sieht in seinem Fall exemplarische Dimensionen: «Es findet ein Feldzug von rein wirtschaftlich interessierten Leuten auf Kulturgelder statt, und das wird in Zukunft noch häufiger passieren. Man hat gemerkt, dass man mit einer soliden Idee und einem guten Autor und Regisseur mehrere Millionen Franken öffentliche Gelder abholen kann. Wenn man dann noch private Gelder findet und der Film im Kino erfolgreich ist, kann man einen profitablen Gewinn einfahren. Das ist ein Riesenproblem.» Kulturförderung im Bereich Film sei immer auch Wirtschaftsförderung, und damit seien Filme auch wirtschaftlich nutzbare Güter, erwidert Bideau. «Das BAK muss nur intervenieren, wenn es bei einem Projekt zu fundamentalen künstlerischen oder technischen Veränderungen kommt.»
Einen Hauptgrund für die Zunahme der Konflikte sieht Stefan Haupt in einer neuen Rollenverteilung bei der Produktion. «Es gibt vermehrt Produzenten, die sich als treibende Kraft eines Films sehen und die Autoren und Regisseure bloss noch als austauschbare Zulieferer behandeln.» Der Film werde oft nicht mehr als künstlerisches Werk, sondern als kommerzielles Produkt betrachtet, das rein nach Kriterien der Vermarktbarkeit auf Erfolg getrimmt werden könne. «Damit wird die Seite der Urheber enorm geschwächt.»
Machtkämpfe
«Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, respektieren wir Produzenten die kreative Seite», sagt dagegen Rolf Schmid von Fama Film, der Präsident des Schweizer Verbandes der Filmproduzenten (SFP). Es sei manchmal einfach so, dass die Regisseure die Erwartungen nicht erfüllten. Zudem müsse man klar unterscheiden zwischen Produzenten- und Autorenfilm. «Das hat einen direkten Einfluss auf die Rechte, so auch auf den Final Cut, das Recht auf den Endschnitt.» Wenn die Idee vom Produzenten stammt, ist es für Schmid nichts als richtig, dass dieser auch eine stärkere Position hat. In den letzten Jahren haben laut Schmid die Projekte zugenommen, die von Produzenten initiiert wurden. «Das kann zu Konflikten führen.»
Dies auch deshalb, weil das einheimische Schaffen stark vom Autorenfilm geprägt ist. In den Pionierzeiten des Neuen Schweizer Films waren die Autoren und Regisseure die dominierenden Figuren. Sie realisierten ihre Filme mit Produktionsleitern, aus denen sich dann später Produzenten entwickelten. «Wenn gewisse Produzenten mehr Macht und mehr 'Filmprodukte' wollen, dann sollten sie damit beginnen, eine Wirtschaftsförderung auf die Beine zu stellen», fordert Stefan Haupt. «Die Filmförderung ist primär Kulturförderung, die Gelder sind kulturell legitimiert.»
Mangel an Erfahrung?
So unterschiedlich die Fälle von «Harry Wind», «Champions» und «Der grosse Kater» im einzelnen auch sein mögen und so sehr menschliche Konflikte und Eitelkeiten mitspielen, so gibt es doch auch Parallelen. Alle drei Filme peilen ein breites Publikum an, alle drei basieren auf attraktiven «Packages» (bekannte Romane, Stars), alle drei wurden von Firmen produziert, die mehr Erfahrung in Kommunikation und Werbung als mit Kinofilmen haben. So ist die Lichtspiele GmbH eine Tochter von Thomas Löhrers cR Kommunikation und Abrakadabra Films eine Tochter von Claudia Wicks Abrakadabra Commercials. Alex Martin arbeitet seit 20 Jahren als Drehbuchautor vor allem fürs deutsche Fernsehen, mit seiner Firma Sunvision hat er seine Bücher vermarktet und Werbung gemacht. Erfahrungen als Produzent von Kinofilmen aber hatte er bisher nicht: Mit «Harry Wind» produzierte er erstmals ein eigenes Drehbuch.
«Die Zunahme der Konflikte ist vielleicht die Konsequenz einer Politik, die zu sehr auf junge Produzenten setzt. Es fehlt an Erfahrung», sagt Ivo Kummer. «Bei grossen Projekten müsste man unter Umständen dafür sorgen, dass ein Senior Producer die ganze Sache überwacht.» Nicolas Bideau findet diesen Vorschlag bedenkenswert, er verweist aber darauf, «dass das BAK keiner Produktionsfirma den Beizug eines erfahrenen Produzenten vorschreiben kann». Das BAK habe jedoch durchaus Kontrollmöglichkeiten, so zum Beispiel über die gestaffelte Auszahlung der Gelder, die bei Problemen an gewisse Bedingungen geknüpft werden können.
«Trotz wenig Erfahrung hervorragend funktioniert»
Wie Bideau ist auch Alex Martin der Meinung, dass die Probleme nicht auf einen Mangel an Erfahrung der Produzenten zurückzuführen sind. Als Beleg führt er die turbulente Produktionsgeschichte seines Films an. Es kam dabei nämlich nicht nur zu einem Wechsel bei der Regie, mitten in der Produktion stieg auch der deutsche Weltvertrieb aus. Damit gingen Gelder in der Höhe von 1 Million Franken verloren. «Das Geld konnten wir durch das Engagement von weiteren Privatinvestoren vollständig ersetzen», sagt Martin. Der Film sei mittlerweile zur Zufriedenheit von Investoren, Verleiher und Hauptdarsteller fertiggestellt: «Unser Management hat trotz mangelnder Erfahrung hervorragend funktioniert. Andere Produktionsgesellschaften wären in dieser schwierigen Situation zusammengebrochen», sagt Martin mit Seitenblick auf «Sennentuntschi». Und damit auf den Film, der für die Beteiligten zum Albtraum und für das Image einer ganzen Branche zur Hypothek geworden ist. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.01.2010, 11:01 Uhr
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2 Kommentare
CH-Produzenten und Förderer möchten nach Jahrzehnten des Misserfolgs endlich auch mal bei den "Grossen" mitspielen. Wenn J. Cameron in seiner GG-Dankesrede davon schwärmt, die ganze Welt mit seinen Fantasien zu verzaubern, dann sollten ein paar Leute in der Schweiz begreifen, dass nur eine kleine Minderheit von Filmemachern dieses Privileg (und Talent) besitzt. Der Rest muss kleine Brötchen backen Antworten
Kann es sein, dass die Produzenten und Regisseure, statt den zu produzierenden Film in den Mittelpunkt zu stellen, ihr eigenes Ego als das Wichtigste einbringen? Es braucht jemand, der die Autorität hat, die fehlende Streitkultur zu durchbrechen. Ein Senior Producer wie vorgeschlagen oder ein Coach der etwas von Mediation versteht, kann helfen. Antworten
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