Der Weg ins Licht der Welt
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Der Film
Ab 22. Oktober im Kino.
Geburt: ein Datum. Geburtsort: Wohnadresse, Frauenspital, Klinik, Geburtshaus. Routineangaben zu unserer Identität. Etwas, woran man einen Menschen fest macht, lebenslänglich, bis zum anderen sicheren Eintrag: Todesstunde und Sterbeort, Wohnadresse, Spital, Sterbehaus. Damit verabschieden wir uns aus Welt und Akten. Doch die beiden Marchen des Daseins müssten uns wahrscheinlich bewusst sein als Beginn und Ende und auch als Rück- und Ausblick. Absolut haben die Philosophen die Fragen «woher komme ich?» und «wohin gehe ich?» genannt. Doch wer philosophiert heute schon gern? Wozu das Leben komplizieren? Es geht doch auch ohne Geburt und Tod als ständige Ermahnung. Lasst uns daraus Tabus machen!
Der grosse Moment
«Geburt»: ein Filmtitel, der daran erinnert, dass es sie gibt, und ein Film, der ganz behutsam an den grossen Moment führt, den unsere Mütter und Grossmütter noch als Wunder bezeichnet haben, voller Ehrfurcht, um noch gerade ein Wort mehr anzufügen, das aus der Mode gekommen ist. Gehen wir noch etwas weiter: Um das Geheimnis des werdenden Lebens und um das Erblicken des Lichts der Welt, das leider nicht immer so licht ist, geht es, um Erwartung und Erfüllung, Kreissen und Küssen auch.
Damit haben wir offenbar von den Denkern zu den Dichterinnen und Dichtern gewechselt, die sich in vielen Formen mit der Geburt auseinander gesetzt haben, aber wir sind noch nicht bei Silvia Haselbeck und Erich Langjahr angekommen: Sie brauchen zwar eine Kamera, wissen sie meisterlich einzusetzen, doch bleiben sie stets auf dem Boden und holen auch ihr Thema in seine Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit zurück, ohne das Geheimnis anzutasten und ohne zu idealisieren.
Verantwortung der Autoren
Geburt: ein «elementares, körperliches und sinnliches Erlebnis» aller. Das ist es, worum es den beiden Innerschweizer Filmschaffenden geht. An diesem Erlebnis beteiligen sie uns. Man könnte möglicherweise von einem Dokumentarfilm sprechen, aber diese Bezeichnung greift zu kurz, ja tut dem feinen Gebilde sogar unrecht. «Geburt» ist das genaue Gegenteil einer Reportage aus dem Gebärsaal, einer medizinischen präzisen Aufklärung am Bildschirm oder eines effektvollen modischen Kurzschnitts mit unanständig neugierig über dem Kindbett pendelnder Kamera. Die hohe Verantwortung der Autoren verbietet ihnen jede Effekthascherei.
Einer an der Realität orientierten Bildpoesie jedoch gibt sie aber immer wieder Raum. Ihr Rhythmus ist der Pulsschlag des werdenden Kindes, einer der Augenblicke, in denen Schwangerschaft auch Männern bewusst werden kann, als Erfahrung des Werdens und als Wachsen des Muts und der Kraft, das Wunder zu wagen, so unwägbar es auch sein mag.
Geburt: das sind hier von Anfang an auch begleitende Berührungen und Worte. Welches Mitgehen und Mitfühlen ist doch schon in den Händen, die Füsse massieren und Entspannung kommunizieren. An der Seite der Schwangeren werden die Hebammen zu Hauptpersonen, die auch den jeweiligen Partner in das intensive Warten integrieren, in den Wechsel von Hoffen und Bangen, von Angst und Glück.
Erlöst durch einen Schrei
Und dann dürfen wir still dabei sein, jede Hektik weicht, wir warten, wir stöhnen und lachen mit, wir nehmen die neuen Erdenbürger auf, werden erlöst durch seinen Schrei. Es werden mit diesem Film für jene, die es zulassen, Grenzen aufgehoben und Tabus. Das grosse Staunen bleibt. Menschen, kleine Menschen erblicken das Licht der Welt und erinnern an den Anfang des Films mit Höhlen und Tunneln und Licht an deren Ende. Ist es nicht eigenartig, dass für Geburt und Tod die gleichen symbolischen Bilder gelten?
Einzigartige Teamarbeit
«Geburt»: eine einzigartige Teamarbeit von zwei Filmschaffenden , die selber Kinder haben, mit zwei Müttern und ihren Familien sowie zwei Hebammen und der Geburtsvorbereiterin. Vor der Filmarbeit war von allen Beteiligten ein tiefes gegenseitiges Vertrauen aufzubauen, das zu einem gemeinsamen Ziel führte, der Vision, die Geburt als etwas ganz Wichtiges in unsere Gesellschaft zurückzutragen und dort sichtbar und erlebbar zu machen, was noch allzu oft verdrängt wird.
Respekt, Verständnis und Anteilnahme sind dabei das Eine, sehr persönliche Nähe und Ehrfurcht vor dem Leben das Andere. Doch dann braucht es jene berufliche Fähigkeit, bei der neben technisch filmischem Können die menschliche Beziehung und das Erfassenkönnen entscheidend sind. Silvia Haselbeck und Erich Langjahr haben sie. Seit zwanzig Jahren arbeiten sie zusammen und zeichnen gemeinsam für Buch, Regie, Kamera, Schnitt und Texte verantwortlich.
«Geburt» ist ihr neustes Werk und vielleicht auch ihr wichtigstes, obwohl man auf keines der vorangehenden verzichten möchte, nicht auf «Das Erbe der Bergler» und nicht auf die «Hirtenreise ins dritte Jahrtausend», um nur gerade die zwei letzten zu nennen. Das Thema war schon immer das Leben, und stets führte das Vertrauen die Filmschaffenden und öffnete auf eine einzigartige Weise dem Kinopublikum den Zugang zu den Menschen und zu ihren Nöten und Freuden. «Geburt» sei der Film von Silvia sagt Erich Langjahr.
Erstmals zeichnet sie auch als Regisseurin. Offenbar war es der Wunsch der gelernten Krankenschwester, «Geburt» zu drehen. Beide haben sie zusammen mit den Müttern, Vätern, Geschwistern, Hebammen und so weiter etwas Grosses geschaffen, das von der Sinnlichkeit des Naturereignisses bis zum Nachdenken über das Dasein führt, den Kreislauf des Lebens. «Geburt» ist hier manchmal auch Musik, fast unmerklich und doch wesentlich und unverzichtbar in diesem wertvollen Film und Kunstwerk. (Der Bund)
Erstellt: 19.10.2009, 15:23 Uhr
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