Der Oscar-Fluch

Von Güzin Kar. Aktualisiert am 31.08.2010 1 Kommentar

In den letzten Jahren zählte man acht Frauen, die im Jahr nach dem Oscar-Gewinn wieder allein waren. Filmautorin Güzin Kar geht den Ursachen nach.

1/4 Sinnbild der gehörnten Ehefrau: Sandra Bullock an der letzten Oscar-Verleihung. Wenige Tage nach diesem Ereignis war sie ihren untreuen Mann los.
Bild: Keystone

   

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Güzin Kar, Autorin und Film-Regisseurin («Alles bleibt anders»), lebt in Zürich.

Es war eine Art Sommerlochmeldung, aber sie beschäftigte mich. Es ging um den Oscar-Fluch, der angeblich über den Schauspielerinnen in Hollywood lastet. Den Stein ins Rollen gebracht hatte Sandra Bullocks Ehe, die in die Brüche ging, kurz nachdem sie die Trophäe gewonnen hatte. Ähnlich war es zuvor Charlize Theron, Halle Berry, Kate Winslet und weiteren ergangen. Insgesamt zählte man acht Frauen, die innerhalb eines Jahres nach dem Oscar-Gewinn wieder allein waren.

Da aber hierzulande in nächster Zeit kaum jemand ausser Arthur Cohn einen Oscar abstauben wird, könnte uns das Ganze egal sein, hätten die Blätter nicht flugs Oscar durch Erfolg ersetzt, das Feld auf Kaderfrauen und Akademikerinnen ausgeweitet und getitelt: «Einsam an der Spitze – Warum erfolgreiche Frauen allein bleiben». Darum: Der Mann will überlegen sein, was er aber nicht tut, solange sein Pokal des örtlichen Theatervereins neben ihrem Oscar steht. Und welcher Mann will schon das Gefühl haben, mit Arthur Cohn im Bett zu liegen? Also packt er Pokal und Ehre und stellt sie aufs Buffet irgendeiner Porzellanpuppensammlerin, wahlweise Groupie, Pornodarstellerin oder Aupair. Hauptsache ohne Doktortitel. Statistiken wurden gehisst und Zahlen feilgeboten.

Wie stelle ich mich 16 Prozent dümmer?

So wusste der von mir geschätzte Mamablog: «Die Heiratschancen eines Mannes steigen mit der Höhe seines IQ. Bei den Frauen gilt der umgekehrte Befund: Mit einer Steigerung des IQ um 16 Punkte sinken die Chancen, einen festen Partner zu finden, um 40 Prozent.» Und weiter: «Die Frauen können heute zwar Karriere machen, sie haben aber nicht die Macht, Männern das als sexy zu verkaufen.»

Und auf einmal war es nicht mehr das Ungeheuer von Loch Ness, das seine Runden drehte, sondern unsere eigene Angst. Vertreibt auch schon ein bisschen Erfolg den Mann? Sollte ich meinem Film schnell noch ein paar Fehler einbauen, bevor er auf die Leinwand kommt, da mein Begleiter zwar mit mir über den roten Teppich stolzieren, das Kino aber mit einer Statistin am Arm verlassen würde? Und wie zum Teufel stelle ich mich um 16 Prozent dümmer?

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich nehme das Thema ernst und erachte es keinesfalls als Verrat an den Errungenschaften des Feminismus, wenn man über die Einsamkeit und den Selbstbetrug der Frauen unter dem Dogma der Freiheit spricht. Im Gegenteil, und gerne auch mit Zahlen illustriert. Nur sind es gerade jene, die mich verwirren, und zwar beide Geschlechter betreffend. Wenn bei Männern Intelligenz als sexy gilt, wieso tragen dann nur 66 Prozent der männlichen Akademiker einen Ehering und nicht 100? Warum gibt es mehr verheiratete Bauarbeiter als Professoren? Wenn umgekehrt erfolgreiche, kluge Frauen abtörnend sind, wieso haben dann stolze 45 Prozent der Akademikerinnen zwischen 30 und 40 Jahren trotzdem einen Mann? Und weshalb wird bei allen Studien «verheiratet» mit «glücklich verheiratet» gleichgesetzt?

Single-Frauen die Ausnahme

Um wieder auf Hollywood zurückzukommen: Es stimmt, dass die Ehen jener eingangs erwähnten acht Schauspielerinnen zerbrachen, aber ihnen steht ein viel grösseres Heer von Kolleginnen gegenüber, auf die das Gegenteil zutrifft: Scarlett Johansson, Angelina Jolie, Nicole Kidman, Julia Roberts, Gwyneth Paltrow, Meryl Streep, Helen Mirren, Goldie Hawn etc. sind nicht solo. Kate Winslet blieb es nicht lange. Es scheint sogar so, dass Single-Frauen in der obersten Liga Hollywoods die Ausnahme bilden. Wie haben es diese Frauen geschafft, den Männern Erfolg als sexy zu verkaufen?

Das ist keine Scherzfrage, das meine ich ernst. Denn vielleicht sind sie die Hüterinnen eines möglichen Impfstoffes vor der drohenden Epidemie der Einsamkeit an der Spitze. Und den zu finden, wäre doch viel spannender, als ständig zu wiederholen, dass Frauen mit jedem beruflichen Erfolg ihr Liebesungemach heraufbeschwören.

Das mag zwar durchaus sein, doch trifft der Umkehrschluss leider auch nicht zu. Denn es ist ja nicht so, dass wer als Frau möglichst dumm und erfolglos ist, die Garantie auf ein glückliches Liebesleben hat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.08.2010, 08:22 Uhr

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1 Kommentar

mira müller

31.08.2010, 09:12 Uhr
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Richtig, mich nerven solch krude Schlussfolgerungen auch...! Antworten



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